Pärnu, km 365 : Ein bisschen korrupt

Der estnische Abgeordnete Mark Soosaar regt sich auf über die Zentralisten, die jedem Rentner im Fall ihres Wahlsiegs 33 Euro versprochen haben. Ansonsten präsentiert sich das Land im Norden als europäischer Musterschüler.

Pärnu_Soosar
Herr und Hund: Mark Soosaar im Charlie-Chaplin-Zentrum für Gegenwartskunst im estnischen Pärnu. Es liegt im ehemaligen Gebäude der...Foto: Stefan Jacobs

PärnuEs ist das hässlichste Gebäude von Estlands Sommerhauptstadt Pärnu. Zwischen all den farbenfrohen Holzhäusern und den Alleen, durch die der Wind der nahen Ostsee streicht, steht dieser fünfstöckige Klotz aus dunkel gewordenem Beton. Die Lobby ist so flach und düster, dass sich schon beim Betreten Schwere aufs Gemüt legt. Doch dann kommt Mark Soosaar, wehendes weißes Haar, Krawatte mit Charlie-Chaplin-Bild, einen fröhlichen schwarzen Mischlingshund um sich herum.

Er bittet durch eine Tür - und plötzlich steht man in einem taghellen Museumssaal mit moderner Kunst an den Wänden und viel Platz zwischen einzelnen Skulpturen. Es ist das Charlie-Chaplin-Zentrum für Gegenwartskunst, das Mark Soosaar 1992 im ehemaligen Verwaltungsgebäude der lokalen Kommunistischen Partei eingerichtet hat und nach Chaplin benannte, weil der die Traurigen glücklich mache. Der 61-jährige Soosaar war schon zu Sowjetzeiten Dokumentarfilmer, Schwerpunkt estnische Ethnografie. Eine Nische, in der die Oberen ihn machen ließen, solange er sich nicht für die Inseln weit draußen in der Ostsee interessierte, die dem Volk verboten waren.

Jetzt gehören die Inseln zu den beliebtesten Sommerfrischen des kleinen Landes, das sich in den vergangenen Jahren nach außen hin als europäischer Musterschüler profilierte: keine Politskandale, keine Währungskrise, die erste Parlamentswahl der Welt mit Online-Abstimmung, alle EU-Vorschriften nach Kräften umgesetzt. Alles bestens also? Soosaar winkt ab. "Nach 15 Jahren werden wir hier raus müssen, weil die Stadt das Grundstück an einen Investor verkauft hat, der ein zehnstöckiges Wohnhaus errichten will." Das sei zwar gegen das Baurecht, aber wohl nur mit einem zähen Kampf vor Gericht zu verhindern. Die Stadtverwaltung sei von Zentralisten dominiert, deren Partei mit dem bei Esten verhassten russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammenarbeite.

Dabei seien nur sieben Prozent der Einwohner von Pärnu Russen - gegenüber 30 Prozent im Landesdurchschnitt und 50 Prozent in Tallinn. Soosaars Version, wie Russlands Freunde an die Macht kamen: "Die Zentralisten haben für den Fall ihres Wahlsiegs jedem Rentner 33 Euro versprochen. Offene Korruption also. Das Geld kommt aus dem kommunalen Haushalt." Soosaar hat sich in Rage geredet über die Zentralisten, deren Mitglied er einst selber war.

Er sitzt nun für die Sozialdemokraten im estnischen Parlament; vorhin erst ist er von der Sitzung aus Tallinn zurückgekehrt. "Wir hatten gerade eine beschämende Phase im Parlament: Einen Monat lang wurde diskutiert, dass jeder Abgeordnete eine Kostenpauschale von 775 Euro kassieren soll, statt seinen Aufwand wie bisher mit Quittungen abzurechnen. Wohlgemerkt: Wir Abgeordnete verdienen regulär fast 2600 Euro, das Vierfache des estnischen Durchschnittslohns." Gescheitert sei das Vorhaben nur, weil es sich als verfassungswidrig erwies. "Unsere Demokratie ist noch schwach", sagt Soosaar. "Die Mächtigen vergessen schnell, wer sie gewählt hat. Stefan Jacobs

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