Papua-Neuguinea : Das Zeichen des Krokodils

In Papua-Neuguinea werden Echsen als Götter verehrt – und schließlich verspeist. Jahrhundertealt sind die Rituale am Fluss.

Michael Obert
Papua-Neuguinea
Stillleben am Sepik. Der große Strom im Nordwesten ist die Lebensader der hier lebenden Menschen. -Foto: Obert

Der Mann im Lendenschurz stürzt sich aus seinem Kanu ins Wasser, umklammert mit den Schenkeln ein Krokodil und drückt mit beiden Händen die Kiefer des Tieres zusammen. Im Fluss entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Die drei Meter lange Echse stößt gutturale Laute aus, schlägt mit dem Schwanz – und zieht den Mann in die Tiefe.

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Der Sepik, der große tropische Strom im Nordwesten Papua-Neuguineas, glättet sich über ihnen. Kein Windhauch. Kein Vogellaut. Urwaldriesen recken schweigend ihre zerzausten Kronen. Zwei Minuten, drei, vier. Wie lange kann ein Mensch, der mit einem Krokodil ringt, unter Wasser durchhalten?

Wenige Tage zuvor am Oberlauf des Sepik: Philip Laklom, mein Guide, stößt das Kanu vom Ufer ab, und unser Abenteuer auf einem der geheimnisvollsten Ströme der Erde beginnt. Der 1126 Kilometer lange Sepik entspringt im zentralen Hochland von Papua-Neuguinea und wälzt sich von dort wie eine braune Schlange durch eine von Wäldern überwucherte, dampfende Tiefebene, um schließlich in den Pazifik zu münden.

Es ist fünf Uhr morgens. Philip, der kleine drahtige Mann, dem das krause Haar in allen Richtungen vom Kopf absteht, kauert im Bug unseres motorisierten Einbaum kanus und leuchtet mit der Taschenlampe den Fluss ab: träges, dunkles Wasser, Treibholz, schwimmende Inseln. Und Augen, deren Netzhäute den Lichtstrahl zurückwerfen und rote Löcher in die Nacht brennen. „Neuguineakrokodil – Mutter des Flusses“, flüstert Philip in den lauen Fahrtwind. „Werden vier Meter lang, wiegen 400 Kilo, fressen alles – und dann fressen wir sie.“

Wenig später legt sich ein purpurfarbener Schimmer über den Fluss. Allmählich erkennen wir Sandbänke,wie betupft mit weißen Reihern. Aus Baumwipfeln ertönen die durchdringenden Rufe von Paradiesvögeln. Die Luft ist warm, drückend und schwer, am Ufer taucht ein imposanter Pfahlbau mit steilem Grasdach auf. „Korogo“, sagt Philip in seiner sparsamen Art. „Dorf der Krokodilmänner.“

Wenig später sitzen wir mit den Ältesten im Geisterhaus, wo alle wichtigen Entscheidungen der Gemeinschaft getroffen werden. Masken, Skulpturen, heilige Schlitztrommeln und Flöten: die unsichtbare Welt der Geister, kunstvoll verewigt in geöltem Palisander. Nur Männer haben Zutritt. Zwei Dutzend sind zu unserer Begrüßung gekommen. Einer von ihnen, ein Riese mit dunklen Augen und dröhnender Bassstimme, zieht stolz sein Hemd aus. Tiefe grätenartige Narben mustern seinen Rücken.

„Das Zeichen des Krokodils“, sagt Gottfried Wee, der uralt wirkende Dorfchef, der sein Geburtsjahr nicht kennt. Früher seien die Schnitte mit Bambusmessern ausgeführt worden, heute verwende man Rasierklingen. Die Narbentätowierung leitet die Initiationsrituale ein, bei denen die Jungen von Korogo den Ursprungs mythos des Volkes der Iatmul durch leben. Als Nachkommen der Krokodilfrau Kanda werden sie im Geisterhaus über Monate in die Geheimnisse des Clans eingeweiht, um schließlich als Männer hinaus in den Fluss zu kriechen. Ihre Narben erinnern an den geschuppten Panzer des Krokodils.

Das Geisterhaus wirkt marode, es droht allmählich zu zerfallen. Geld für die Instandhaltung fehlt. In vielen Flussdörfern gibt es schon lange kein Geisterhaus mehr. „Dort haben sie die Kraft des Krokodils verloren“, sagt Philip und stößt unser Kanu ab, während die Krokodilmänner am Hochufer stehen und uns nachwinken.

Der Sepik ist an dieser Stelle gut 300 Meter breit. Still wirkt er und menschenleer. Nur selten begegnen wir Fischern. Fluss transport gibt es kaum. Und Tourismus? Wenige hundert Besucher, schätzt Philip, unternehmen jährlich eine Reise im Langboot. „Die Nächte verbringen die Reisenden in einfachen Gästehäusern“, weiß er. Gelegentlich laufe ein Kreuzfahrtschiff die stromabwärts gelegenen Dörfer an. „Unser Tourismus ist noch ganz klein“, sagt Philip und lacht. „Unser Tourismus muss noch wachsen.“ So kommt es, dass wir den Sepik ganz für uns allein haben.

Eine halbe Tagesreise unterhalb von Korogo steuern wir am Ufer einer vom jährlichen Hochwasser überfluteten Ebene das Dorf Wombun an. „Vor Zeiten und Zeiten war Wombun eine schwimmende Insel“, erzählt uns James Kula, einer der Ältesten. „Der Wind trieb Wombun über den See, hierhin, dorthin.“ Emasui, der mythische Urahne, habe einen langen Stein in die Insel gestoßen und sie so am Grund des Sees verankert. Emasui, sagt Kula, sei halb Mensch, halb Krokodil gewesen. „Doch die Missionare haben Emasui verboten.“

Im Jahr 1885 gründeten die Deutschen in Kaiser-Wilhelms-Land, dem Norden Papua-Neuguineas, eine Kolonialgesellschaft. Mit der Fremdverwaltung kam die christliche Mission. Starke Wandlungsprozesse setzten ein: Viele Männer verlassen bis heute die Dörfer, um auf Plantagen an der Küste zu arbeiten. Kinder und Jugendliche besuchen Internate, wo sie der westlichen Lebensweise begegnen. Initiationsfeiern sind selten geworden.

Dass die alte Zeit am Sepik trotzdem fortdauert, begreifen wir eine Stunde stromabwärts: Ein Krokodil zieht einen Mann mit Lendenschurz in die Tiefe. Zwei Minuten, drei, vier. Luftblasen steigen auf. Plötzlich scheint sich der Fluss zu zerteilen, das Krokodil schnellt aus dem Wasser, umklammert von dem Mann, der mit weit heraustretenden Augen nach Luft ringt. Da rammt ein Zweiter vom Kanu aus seinen Speer in den Nacken des Tieres; es erzittert – und stirbt.

Jäger Augustine und sein Sohn Eugene stemmen das Krokodil ins Kanu. „Allein die Haut bringt 500 Kina“, keucht Augustine erschöpft, aber seine Augen strahlen. Etwa 130 Euro – ein kleines Vermögen, für das ein Fischer auf dem Sepik zwei Monate lang Tilapias, eine Art Buntbarsche, fangen muss.

Unseren Bug mit Krokodilfleisch beladen, das uns die Jäger geschenkt haben, fahren wir in den Abend hinein. Papageien und Kakadus gleiten über den Fluss. Siebzig, achtzig Meter hohe sattgrüne Pflanzenwälle säumen die Ufer, Lianen und Farne hängen herab. Im Hinterland schicken Rodungsfeuer dichte Rauchwolken gen Himmel, das Wasser des Sepiks sieht wie flüssiges Kupfer aus. Eine Stimmung zwischen Apokalypse und Magie.

Das Gästehaus in Kanimibit ist noch im Bau. Die Rückwand fehlt, die Hälfte des Bodens ebenfalls. Wir übernachten trotzdem dort. Von der Sonne gegrillt, sehnen wir uns nach einem Bad. Wenn das Krokodil im Fluss das Maul aufreiße, sagen die Männer im Dorf, laufe sein Rachen in der Strömung voll. Weshalb die Echsen hier für den Menschen ungefährlich seien.

Trotzdem kostet es Überwindung, in den nächtlichen Fluss zu steigen. Ganz kurz nur. Bis zur Hüfte: untertauchen, abkühlen. Da streift etwas Hartes, Kantiges die Wade. Raus! Schnell raus! „Sie fressen alles“, sagt Philip, als wir uns am Ufer abtrocknen. „Alles, alles – und dann fressen wir sie.“ Zum Abendbrot. In Kokosmilch und Limonensaft gegart, serviert auf Bananenblättern. Wir nehmen die Hände und reißen das Fleisch mit den Zähnen auseinander. Es ist fasrig und schmeckt ein wenig wie Huhn.

 Draußen schüttelt der Wind Kokosnüsse von den Palmen, in der Ferne zucken die Rauchwolken der Rodungsfeuer in feinen Blitzen; ein Gewitter zieht auf.

„Das Große Krokodil macht Regen“, sagt Philip, der das Fleisch hinunterschlingt, ohne zu kauen. „Das Große Krokodil löscht die Feuer, dann geht es nach Hause. An einen Ort, den kein Mensch betreten kann.“

Michael Obert liest aus seinem neuen Buch „Die Ränder der Welt. Patagonien, Timbuktu, Bhutan & Co.“ (Malik Verlag,

288 Seiten, 19,90 Euro) am 26. November in Berlin, Literarischer Salon / Z-Bar, Bergstraße 2; Beginn: 20 Uhr 30.

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