Paris : Pardon, kein Gefillte Fisch

Zum Leben zu teuer: Das Pariser Judenviertel Le Marais verliert seine Seele. 300.000 Euro Jahrespacht für einen Laden sind mittlerweile üblich.

Rory Mulholland[AFP]
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Typische Imbissbuden wie diese haben es schwer. McDonalds Burger verkaufen sich besser. -Foto: laif

Ein Schild mit der Aufschrift „Zu vermieten“ hängt über dem traditionsreichen Restaurant „Jo Goldenberg“ im Pariser Judenviertel Le Marais. Das wohl bekannteste koschere Restaurant der französischen Hauptstadt wird womöglich bald einer Boutique für junge Mode oder schicke Schuhe weichen müssen. „Jo Goldenberg“ in der Rue des Rosiers war jahrzehntelang ein Treffpunkt für Freunde jüdischer Hausmannskost wie gefillter Fisch, Suppe mit Rindfleischklößchen oder eingelegte Heringe.

Jetzt könnte es zum traurigen Symbol für den Verlust des jüdischen Charakters des Marais-Viertels werden.

Zwar sind die malerischen engen Gassen zwischen dem Touristenmagneten Centre Pompidou und der verkehrsumtosten Place de la Bastille im Pariser Osten noch immer von ihren alteingesessenen jüdischen Bewohnern geprägt. Hier gibt es nicht weniger als fünf Synagogen, darunter ein Jugendstil-Schmuckstück des Architekten Hector Guimard. Einige jüdische Buchläden ziehen nach wie vor treue Stammkunden an. Auch ein jüdischer Rundfunksender ist im Marais angesiedelt – in einem Gebäude, das einst ein beliebtes Dampfbad beherbergte. Jetzt will dort der schwedische Moderiese H+M eine zusätzliche Filiale eröffnen.

Eingeleitet wurde der Wandel des Marais mit dem Bau der neuen Pariser Oper an der Place de la Bastille vor 20 Jahren. Seither haben sich zahlreiche Galeristen und teure Designerläden in dem Viertel niedergelassen. Finanzkräftige internationale Handelsketten wie H+M, Kookai, Lee oder das japanische Design-Kaufhaus Mushi eröffneten Filialen. Das Marais wurde so zu einem Anziehungspunkt für Touristen und einkaufsbummelnde Pariser.

All dies ließ die Mieten in die Höhe schnellen. 300 000 Euro Jahrespacht für ein Ladenlokal sind heute durchaus üblich.

Kleine jüdische Handwerker wie Bäcker, Friseure oder Metzger seien so verdrängt worden, berichtet Joseph Finkelstein, der sein ganzes Leben im Marais verbracht hat. Heute leitet er eine Bürgerinitiative, die sich für die Rettung des jüdischen Lebens am „Pletzle“ einsetzt, wie das Gebiet rund um die Rue des Rosiers auf Jiddisch genannt wird. Ihr ist es immerhin bereits gelungen, die Eröffnung eines McDonald's- Fast-Food-Imbisses in den Räumen des ehemaligen Dampfbades zu verhindern. „Und H+M werden wir ebenfalls stoppen“, gibt sich Finkelstein kämpferisch.

Doch Dominique Bertinotti, als Bürgermeisterin des vierten Pariser Bezirks für das Marais zuständig, ist nicht sehr optimistisch. Zwar habe die Stadt grundsätzlich ein Vorkaufsrecht, erläutert sie. Doch die Eigentümer forderten oft Preise, die drei oder vier Mal über den offiziellen Schätzpreisen lägen. „Wir können aber mit dem Geld der Steuerzahler nicht jeden Preis zahlen“. Der Kampf der Bürgerinitiative um das alte Dampfbad sei daher eine „verlorene Sache“. Und auch das Gasthaus „Jo Goldenberg“ sei sehr wahrscheinlich bereits verloren.

Dies glaubt auch der britische Historiker Andrey Hussey, Autor des Buches „Paris, eine geheime Geschichte“. Die französische Hauptstadt sei dabei, sich in ein riesiges Museum zu verwandeln, lautet seine These. Ganze Stadtteile seien heute nur auf Tourismus zugeschnitten. Dies gelte auch für das jüdische Viertel rund um die Rue des Rosiers. Noch schlage im Marais das „Herz des Pariser Judentums“, so Hussey. Doch der Wandel sei kaum noch aufzuhalten. Auch das Marais werde Teil des Museums Paris werden.

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