Partner Windhoek und Berlin : Geteilte Erfahrungen

Mit gemeinsamen Kunstprojekten lernen die Städte Windhoek und Berlin einander besser verstehen.

Rolf Brockschmidt
Kunstprojekt Foto: Leigh Daniz
Kunst schafft Identität. Stone Path von Shiya Karuseb. -Foto: Leigh Daniz

Manchmal hilft der Zufall, damit Großes geschehen kann. Oliver Schruoffeneger, der Politiker der Grünen, zuständig für Haushalt, Entwicklungspolitik und Städtepartnerschaften, wurde im Jahr 2006 gefragt, ob er zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken der namibischen Künstlerin Imke Rust im Atrium in Reinickendorf sprechen könne. Immerhin war Berlin im Jahr 2000 eine Städtepartnerschaft mit Windhoek eingegangen. „Ich habe dann diese Ausstellung eröffnet und mich mit Imke Rust darüber unterhalten, was man tun könne, um diese Städtepartnerschaft zu beleben. Wenn, dann müsste es etwas Nachhaltiges sein, das partnerschaftlich zu verwirklichen ist“, erzählt Schruoffeneger. Der Regierende Bürgermeister Wowereit und Namibias Botschafter Katjavivi waren von dem Projekt ganz begeistert und sagten ihre Unterstützung zu. Finanziert wird das Projekt aus Lottomitteln. „Der Austausch mit Berlin wird den Status der Kunst bei uns anheben. Kunst ist ein ganz wichtiges Element in der Gesellschaft, aber bei uns in Namibia wird das noch längst nicht überall so verstanden“, sagt Imke Rust.

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt „shared experiences“ – „geteilte Erfahrungen“ wird von der gemeinnützigen GmbH „p.art.ners berlin-windhoek“ über diesen Zeitraum veranstaltet, Geschäftsführer sind Schruoffeneger und Rust. „Die Grundidee ist, dass wir die ordnende Organisation sind, es aber für jedes Vorhaben in jeder Stadt einen Partner geben muss“, sagt Schruoffeneger. Die Projekte müssen sich auf gleicher Augenhöhe abspielen.

„Wir haben eine andere Herangehensweise als die Europäer“, sagt Imke Rust, „alles geht langsamer, wir haben oft die Ruhe weg, auch davon kann man lernen. Ich kenne den Zwiespalt, als Namibierin in der fünften Generation weiß ich, dass unterschiedliche Zeitbegriffe Probleme bereiten können. Ich kenne den europäischen Druck, aber ich kenne auch das Gefühl, dass etwas zu langsam geht. Aber wir können voneinander lernen. Wer bei 40 Grad im Schatten arbeiten muss, der reagiert anders als im gemäßigten Berlin“, sagt die Künstlerin, die sich auf den Austausch mit ihren deutschen Kollegen freut. „Wir müssen lernen, die Deutschen zu verstehen, aber die müssen auch uns verstehen.“ Zudem sei in Namibia vieles aus der Not geboren, „wir müssen aus einer Mangelsituation heraus lernen, zu improvisieren, wir können nicht einfach alles kaufen.“ So sei es für deutsche Künstler durchaus eine Erfahrung, sich mit festem Karton und Wellpappe als Druckmedium auseinanderzusetzen, wie es in Namibia üblich ist und was der Grafik einen eigenen Charakter gibt.

Damit die Künstler diese Erfahrungen machen können, werden zwei Berliner Künstler „auf der Farm bei Dörte Berner“, einer anerkannten namibsichen Bildhauerin in aller Ruhe und Abgeschiedenheit arbeiten, während zwei Windhoeker Künstler im Künstlerhaus Bethanien und in der Hausmeisterwohnung des Berufsverbandes Bildender Künstler leben und arbeiten werden. Alle Künstler müssen sich verpflichten, das Atelier auch einmal zu verlassen und in die Schulen zu gehen, Workshops zu veranstalten oder über das Land zu erzählen.

Inzwischen hat auch die Kunsthochschule Weißensee mit der University of Namibia einen Dozentenaustausch für den Herbst vereinbart. Alle Ausstellungen, die aus diesen Projekten entstehen, sind auf 18 Monate gebucht und auch für andere Ausstellungsorte abrufbar, so etwa von Imke Rust, der Fotografin Helga Kohl und der Bildhauerin Dörte Berner. Zudem wird ein Berliner Künstler mit vier Studenten und einem Professor der Kunsthochschule Weißensee ein Projekt veranstalten.

Für die Ausstellung „Grenzerfahrungen“ des Stadtmuseums Berlin 2009 wird das Team nach Windhoek reisen, um mit dem dortigen Partner die technischen Möglichkeiten einer gemeinsamen Ausstellung über die Geschichte sich anzuschauen. Der Ort in Windhoek steht noch nicht fest.

Geplant sind ferner 15 Schulpartnerschaften zwischen Berlin und Windhoek, erste Interessenten aus Berlin haben sich schon gemeldet. Diese Schulen können dann auch Ausstellungen und Filme aus dem Gesamtprojekt im Unterricht einsetzen.

Im Mai kommt der Chor der University of Namibia nach Berlin, um hier zwei Mal aufzutreten. Ob das in traditionellen Kostümen geschieht, wie beim „Musikexport“ verbreitet, oder ganz normal, wie in Nambia üblich, ist noch in der Diskussion. Den Gegenbesuch statten im Oktober die „Happy Disharmonists“ aus Berlin Windhoek und Swakopmund ab, um gleichzeitig dort für das gemeinsame Musical „The Lion’s roar“ zu üben. „Zuerst sollte das Musical nach Berlin kommen“, erzählt Schruoffeneger, „aber es gibt dazu keine Noten. Also müssen die Berliner zum Proben nach Namibia reisen!“

Das Grips Theater wird in Windhoek in diesem Jahr bei der Gruppe „Avalon“ einen Workshop abhalten, um die Methode Grips einzustudieren. Avalon wird dann für 2009 eine Windhoeker Version der „Linie 1“ produzieren. Desgleichen wird die Faster than Light Dance Company mit Jugendlichen aus Windhoek ein gemeinsames Stück erarbeiten. Botschafter Katjavivi, der auch Botschafter für die Türkei ist, überlegt, ob man auch türkische Jugendliche aus Istanbul einbeziehen soll. Hier entwickelt das Projekt bereits eine Eigendynamik.

Im Bereich Film werden fünf Kurzfilme aus Namibia für einen Sommerworkshop in Deutschland ausgeschrieben und ein Festival geplant (siehe Beiträge Seite B6).

„Wir haben die Hoffnung, dass nach den fünf Jahren des Projektes sich genug Partner gefunden haben, um eigenständig weiter zu arbeiten. Persönliche Kontakte sind dafür ganz wichtig“, sagt Oliver Schruoffeneger. Wer sich mit partnerschaftlichen Ideen einbringen will, findet nähere Informationen unter www. Berlin-windhoek.org

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