Passagierschiff Queen Mary 2 : Im Labyrinth des Müßiggangs

13 Decks hat die luxuriöse "Queen Mary 2", zahlreiche Restaurants, Bars und fünf Pools. Kann der Gast da zur Ruhe kommen?

Christoph von Marschall

Die Erdbeeren werden zum Rätsel. Gewiss doch, Erdbeeren sind typisch britisch. Von den "Queen's Birthday"-Partys in den Botschaften Ihrer Majestät rund um den Erdball sind Erdbeeren mit Schlagsahne ebenso wenig wegzudenken wie Pims, der unvergleichliche Cocktail, very British indeed. Nun gut, einmal im Jahr kann man die notfalls "just in time" einfliegen. Diese "Queen" jedoch ist nun schon sechs Tage auf hoher See, kein Hubschrauber ist zwischendurch hoch oben auf Deck 13 gelandet, und noch immer finden sich Erdbeeren im Überfluss morgens auf den Frühstücksbuffets und mittags bei den Dessertständen - so frisch, als kämen sie vom nahen Markt. Das ist noch verblüffender als das nicht enden wollende Angebot an Krustentieren und saftigen Filets. Die kann man wohl einfrieren. Aber Erdbeeren? Die "Queen Mary 2" ist ein wahrer Gourmet, der aber manche Geheimnisse für sich behält.

Es wird nicht das einzige Rätsel bleiben. Eine Transatlantikpassage an Bord des heute noch größten Passagierschiffes der Welt ist für Landmenschen wie eine Expedition in einen neuen Kontinent. Jeder Tag hält neue Entdeckungen bereit. Unsicher haben sich die rund 2600 Passagiere anfangs über die Treppen, durch die hotelartige Lobby, das Kino, die Restaurants und Bars bewegt. Immer wieder sind sie orientierungslos in den langen Korridoren unter Deck stehen geblieben - wo war jetzt vorn, wo hinten? Als Fremdkörper haben sie sich zu Beginn der Reise gefühlt, auf den Erinnerungsfotos kann man es auch später noch in ihren Mienen lesen. Zum Beispiel bei der Rettungsübung kurz vor dem Ablegen in Southampton. Es waren wohl die komischsten Momente dieser Reise: Wie sie sich da alle in signalorangen Schwimmwesten aneinander vorbeidrängen auf der Suche nach D1 oder K2 - dem Sammelplatz für ihr Rettungsboot, im Falle eines Falles.

Zwei, drei Tage später sind die meisten nicht wiederzuerkennen. Der Gang hat sich verändert, das Tempo, die Körpersprache, das Zeitgefühl. Mal abgesehen von den Joggern, die morgens ihre Runden drehen - drei Runden entsprechen 1,8 Kilometer -, promenieren die Gäste über das Deck mit dem sichtbaren Selbstbewusstsein, sich Müßiggang leisten und ihn genießen zu können. Viele benutzen nun ganz selbstverständlich Begriffe wie Bug und Heck, Backbord und Steuerbord. Hatten sie nicht kürzlich noch rechts und links gesagt?

Der Kabinenfernseher zeigt nur noch zerhackte Bilder ohne verständlichen Ton, wo in Landnähe noch CNN- oder BBC-Nachrichten zu empfangen waren. Aber wenn man sich überhaupt mal vor der Glotze aufhält, ist es plötzlich viel interessanter, die Filme über die Geschichte der Passagierschifffahrt und den Aufstieg der Reederei Cunard zu sehen - samt der Zweckentfremdung ihrer Flaggschiffe als Truppentransporter zu Kriegszeiten.

Wie beruhigend, dass Cunard noch nie ein Todesopfer in Friedenszeiten zu beklagen hatte, von Katastrophen wie der "Titanic" ganz zu schweigen. Und wie angenehm, vom Trubel der Welt abgeschnitten zu sein, sich in einen Deckchair zu legen, den Gang der Wellen zu betrachten oder in Ruhe zu lesen.

Die See und das Bordleben halten genug Erlebnisse bereit. Mehrfach begleiten Delfinschwärme das Schiff. Elegant schwingen sich die silbergrauen Leiber aus dem Wasser, um einige Meter weiter wieder einzutauchen - ein Bild demonstrativer Lebens- und Kontaktfreude.

Ja, manchmal ist es schwierig, noch einen freien Platz auf den meistbesuchten Decks7 und 8 zu ergattern oder wenigstens am Indoor-Pool unter dem gläsernen Sonnendach auf Deck11. Doch die Suche führt auch zu dem einen oder anderen Geheimtipp. Wie wäre es mit dem Whirlpool ganz oben auf Deck 13, neben dem Hubschrauberlandeplatz für Notfälle? In 50 Meter Höhe über dem Meeresspiegel weht zwar selbst bei ruhigem Wetter ein kühl anmutender Wind, aber im Whirlpool ist es warm. Und den hat man hier meist für sich allein.

Abendkleid und Smoking werden an mehreren Abenden erwartet. So hatte es in den Reiseunterlagen gestanden. Nicht erst im Ballsaal oder beim Empfang durch den Kapitän, sondern bereits beim allabendlichen Dinner. Smoking beim Essen, wirkt das nicht künstlich? Selbst in den nobelsten Fein schmeckerrestaurants von New York über Paris bis Berlin ist dieser Anblick selten. Doch tatsächlich, die Gäste erscheinen festlich gekleidet, manch älterer Herr gleich im weißen Smoking à la Frank Sinatra, zwei jüngere Amerikaner in ihrer Ausgehuniform und die indische Familie vom Nachbartisch in Landestracht, die Herren mit Turban. Alle dürfen das Gefühl haben, zur Upperclass zu gehören - schon allein durch ihre Anwesenheit an Bord der "Queen". Stewards rücken stets eilfertig die Stühle zurecht und entfalten die Servietten, der Weinkellner bringt eine Karte, die kaum Wünsche offen lässt, im Hintergrund spielt mal eine Harfenistin, mal ein Streichquartett. Die Kronleuchter, das Tafelsilber, fast alles ist wie in einem First-Class-Hotel. Nur manchmal erinnert ein leises Zittern des Bodens daran, dass dieses Hotel schwimmt und mehrere Tausend Fuß Wasser unter dem Kiel sind.

Natürlich gibt es sie doch: die Klassenunterschiede innerhalb der vermeintlichen Upperclass. Man hatte es ja schon bei der Buchung mit Blick auf die Preistafel geahnt. Oder sich bei allen Annehmlichkeiten gefragt, warum 1250 dienstbare Geister für 2600 Passagiere erforderlich sind. 1800 Euro pro Person ab Hamburg in der günstigsten Innenkabine im Sommer und rund 3000Euro pro Person in einer Außenkabine mit Balkon - das ist für eine Normalverdiener-Familie kein Billigurlaub, auch wenn das Essen und der Rückflug nach Deutschland inklusive sind (Sonderpreise zu bestimmten Terminen gibt es allerdings auch). Doch wer 10000 Euro für eine Woche Penthouse an Bord hinlegt oder gar 25000 Euro für ein "Grand Duplex Apartment", der will sich besser behandelt sehen als die gemeine Upperclass.

Diese Unterschiede werden freilich diskret behandelt, man muss schon nachfragen oder mit aufmerksamen Augen das Schiff erkunden, um auf die Sonderrestaurants, Extrapools oder Privatbutler zu stoßen. Nicht zu vergessen den Sonderbereich für Haustiere, die mit ihren Besitzern (gegen Aufpreis) auf Reisen gehen.

Das Entertainmentprogramm - Bordsprache ist Englisch - steht allen Gästen offen: allabendliche Unterhaltungsshows von Shakespeare-Stücken über klassische Konzerteinlagen bis Comedy, das einzige Planetarium an Bord eines Passagierschiffs, großzügiger Fitness- und Spa-Bereich, die Kunstauktionen und die Oxford-Lectures mitreisender Wissenschaftler. Eltern können ihre Kleinen auch mal im Kindergarten lassen. Der Humor der amerikanischen Kleinkünstlerin Chris Pendleton ist vielleicht nicht ganz nach europäischem Geschmack, im Wesentlichen geht es um Gewichtsprobleme und das reichhaltige Essen an Bord. Aber vielleicht ist er nur ein Tribut an die vielen US-Gäste bei dieser Reise, die 60 Prozent der Passagiere stellen, im kommenden Jahr, wenn die "Queen" zwei Mal Hamburg im Transatlantikverkehr ansteuert, wird das anders sein. Der chinesische Pianist Tian Jiang ist dafür ein Erlebnis.

Zeitlos und doch kurzweilig gleiten die lauen Tage und kühleren Nächte vorüber, im steten Wechsel zwischen individuellem Tagesprogramm und rituellen britischen Einschnitten wie dem Afternoon Tea mit Gurkensandwiches und kleinen Kuchen. Unvergessliche Bilder graben sich ins Gedächtnis ein wie das fluoreszierende Kielwasser im Licht des Mondes. Immer wieder aufs Neue erstaunlich bleibt beim Blick hinab auf die Wasseroberfläche die Geschwindigkeit, mit der die Queen nach Westen strebt: 26Meilen, rund 50 Stundenkilometer. Natürlich könnte die "Queen" schneller fahren und die Passage in fünf Tagen bewältigen. Doch erstens muss auch die "Königin" an den Kraftstoffverbauch denken, und zweitens weiß die Reederei, dass auch ein genügend großer Zeitpuffer vorhanden sein muss, falls übles Wetter mal einen kleinen Umweg notwendig machen kann. Zum Wohl der Passagiere, die oft am Zielhafen feste Anschlussflüge gebucht haben.

Ja, auch diese Reise hat ein Ende, ein Ziel, das dringt plötzlich ins Bewusstsein. Ein Ziel, das für die meisten in der Fantasie vorab zum Höhepunkt der Passage herangewachsen war: die Einfahrt nach New York, vorbei an Ellis Island, wo so viele Einwanderergenerationen erstmals amerikanischen Boden betraten auf der Suche nach einem besseren Leben; die Freiheitsstatue zum Greifen nahe; und dann die Wolkenkratzer von Manhattan im Schein der Morgensonne...

Ach, vielleicht hätte man im Geografieunterricht besser aufpassen sollen. Als die "Queen" schon gut westlich der Längengrade von Grönland war, wurde eine warme Meeresströmung spürbar - und die Luft diesig und schwül. Viele stehen am Ankunftstag ab vier Uhr morgens auf dem höchsten Deck. Als es anderthalb Stunden später dämmert, herrscht bereits ein richtiges Gedränge. Florence Myers, eine kleine ältere Dame aus Florida, ist nicht für solche Momente gebaut. Sie war extra früh aufgestanden, um sich einen guten Platz zu sichern, und sieht nur Leiber um sich herum.

Aber zunächst starren sie alle nur Löcher in die Dunkelheit. Die wenigen Lichter, die aufgeregt begrüßt werden, gehören zu Fischerbooten. Eine Ewigkeit scheint vergangen, als sich plötzlich ein großer dunkler Schatten drohend vor dem Schiff aufbaut. Die Verrazano- Bridge. 1964 bei ihrem Bau war sie die längste Spannbrücke der Welt. Selbst aus der Perspektive des obersten Decks meint man, die "Queen" könne unmöglich darunter hindurch passen. Mindestens den Funkmast und dann die Schornsteine werde es kosten. Aber natürlich geht alles gut, dieses Maß hat ja beim Bau ihre Höhe begrenzt.

Begleitet von Nebelschwaden und Wolkenfetzen - New York ist auf Sumpfgebiet gebaut und am frühen Morgen eher diesig - fährt die "QM2" an Docks entlang den Hudson hinauf. Ja, da ist Ellis Island und die Freiheitsstatue mit der brennenden Fackel in der Hand. Aber die sieht aus zirka 50 Meter Deckhöhe über Wasser und gewisser Entfernung nicht ganz so imposant aus, wie man sie in Erinnerung hatte - als man vor Jahren mit einem kleinen Boot auf sie zufuhr und dann direkt unter ihr stand. Die US-Hymne ertönt, die Amerikaner singen mit. Manhattans Wolkenkratzer gleiten im grauen Morgenlicht vorbei. Eine Lücke klafft, wo einst das World Trade Center stand. Und dann schwenkt die "Queen" ihren massigen Körper majestätisch in das schmale Becken an Pier100. Amerika, wir kommen.

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