Reise : Peer Gynt öffnet heute nicht

Hella Kaiser

Mollig warm ist es in der Dovrebahn, die von Oslo aus gen Norden startet. Draußen aber ist es bitterkalt. An den Stationen auf der Strecke, zum Beispiel in Lillehammer, stehen dick vermummelte Menschen auf den Bahnsteigen. Brrr, der Winter in Norwegen hat es in sich. Sitznachbar Henrik lächelt. Der junge Norweger studiert in Hamburg und ist froh, für ein paar Tage wieder in der Heimat zu sein. „Im Winter habe ich immer große Sehnsucht nach Norwegen“, gesteht er. Ausgerechnet im Winter, dann, wenn es kalt und dunkel ist? „Aber es ist doch überhaupt nicht dunkel“, widerspricht er. „Schauen Sie aus dem Fenster. Über dem ganzen Land liegt ja eine Schneedecke, und die macht alles ganz hell.“ Kein Vergleich sei das mit dem schrecklichen Winter in Hamburg, wo regennasse Straßen schwarz glänzen. In Norwegen, schwärmt er, könne man im Winter draußen schöne Dinge tun: Schlittschuh fahren, auf dem Schlitten sitzen oder Skilaufen.

Und genau deshalb sind wir hergekommen. Wir wollen Skilanglauf ausprobieren. In Otta, einer Kleinstadt mit rund 1600 Einwohnern, steigen wir aus. Das Bahnhofsgebäude von 1896 ist ein Schmuckstück, nur: Wie kommt man dorthin? „Einfach über die Gleise gehen“, sagt der Zugbegleiter. Ist das nicht gefährlich? Kann nicht eine andere Bahn kommen? Der Mann lächelt. „Keine Sorge, hier kommt nur selten am Tag ein Zug vorbei.“ Wozu also extra einen Übergang bauen? Norwegen, so lernt der Urlauber, ist ein praktisches Land.

Nur eine halbe Autostunde ist es bis zum tausend Meter hoch gelegenen Almgebiet Hövringen. Dort liegt die Siedlung Brekkeseter, in der Nähe des Rondane Gebirges. Bereits 1962 wurde es als Nationalpark ausgewiesen. Im Sommer wandern die Gäste hier, im Winter schnallen sie sich Langlaufskier unter die Stiefel. Verschiedene Loipen sind ausgeschildert.

Brekkeseter besteht aus einem Hotel und zahlreichen Ferienhäusern. Das sind urige Blockhütten, teilweise 200 Jahre alt. Im Sommer wuchert das Gras auf den Dächern, nun hat der Schnee eine weiße Decke darübergelegt.

Im gemütlichen Salon des Hotels Brekkeseter wird an diesem Abend Elch serviert. „Den haben wir im Herbst dort unten im Tal geschossen“, sagt Chefin Kari Haugrud, und zeigt mit dem Finger nach draußen in die weite Landschaft. Den Chianti zum Essen haben sie natürlich importiert. Sonst kommt nur Regionales auf den Tisch. „Wir bieten traditionelle norwegische Küche an“, sagt die Chefin selbstbewusst. Spaghetti gibt es nicht auf der Speisekarte.

Der Morgen ist frostig kalt. Wir stapfen zum Skigeschäft, um die Langlaufbretter auszuleihen. Magnus, der Tourguide für den Tag, beginnt mit einem kurzen Skiunterricht. Braucht das jemand, der in den Alpen locker abschwingen kann? Auf Langlaufskiern helfen diese Erfahrungen leider wenig, lernen wir rasch. Die Biester haben keine Kanten. Wie soll man denn da um die Kurve kommen, fragen wir etwas verzagt. „Schneepflug“, sagt Magnus und beruhigt: „Wir nehmen überwiegend flache Strecken und gehen ja nicht in die Berge.“ Glück gehabt. Denn einige Zweitausender erheben sich ringsherum. Aber wir merken rasch: Auch schon geringe Anhöhen bereiten Probleme. Man kommt kaum voran, rutscht immer wieder zurück und landet unversehens auf dem Hosenboden. Diese Sportart ist kraftraubend. Aber, sie hat einen Vorteil: Es wird einem schön warm dabei.

Hölzerne Wegweiser zeigen verschiedene Routen an. Große und kleine Runden sind zu wählen. Im ebenen Gelände geht es nach einer Weile ganz gut, nur wenn es abschüssig wird, gibt''s Schwierigkeiten. Warum ist die Frau dort vorn so langsam? Immer kürzer wird der Abstand zu ihr. Na gut, dann eben zum Überholen flott aus der Spur treten, so wie es Magnus vorgemacht hat. Zack, da liegt man wieder. Eigentlich kein Problem, denn man fällt ja weich. Nur das Aufstehen ist eine Kunst, weil die Skier ständig wegrutschen. Eine vierköpfige norwegische Familie kommt fröhlich entgegen, selbst der etwa fünfjährige Sohn weicht schon geschickt aus. Wahrscheinlich kommen Kinder hier schon mit Skiern an den Füßen zur Welt.

Der Wind pfeift über das Hochplateau und beißt in den Wangen. Später sagt Kari lächelnd: „Ein Glück, dass heute nur der Wind bläst. Wir haben oft Stürme hier oben.“ Ihr Mann Björn erklärt: „Es ist nicht wie in den Alpen. Hier ist alles viel wilder. Und bei den Touren sieht man oft keinen Menschen.“ Sigrid und Martine, die kleinen Töchter der beiden, stieben auf ihren zotteligen Pferden davon. Ist es nicht zu kalt für die Kinder? Kari winkt lächelnd ab. „Aber nein, sie sind gern draußen“, sagt sie. Sie selbst ist es ja auch. „Ich liebe Cross Country Skiing“, sagt Kari. „Es ist die klassische Variante des Skilaufens. Du bist eins mit der Natur, du fühlst ihre Stärke.“

Nach und nach kriecht uns die Kälte doch durch die Kleidung nach dieser Dreistundentour. Dabei hatten wir Karis Rat beherzigt, eine „Wollschicht“ zwischen Thermounterwäsche und Fleecepullover zu ziehen. Bloß hinein jetzt, ans wärmende Kaminfeuer. „Sauna ist jetzt gut“, empfiehlt Björn. Und heizt sie umgehend an. Etwas später sitzen wir in der kleinen hölzernen Saunahütte und schauen schwitzend auf die prasselnden Holzscheite. „Zum Abkühlen sollten Sie sich dann in den Schnee werfen“, rät Björn. Ist ja genug da. Schnickschnack wie Wasserschläuche oder gar ein eiskaltes Tauchbecken brauchen sie nicht in Brekkeseter.

Quartierwechsel. Die fünf Kilometer bis zur Smuksjoseter Almherberge sind mit den Skiern vorgesehen. Nur leider hat sich der Schneefall zum Gestöber ausgewachsen, der Wind heult bedrohlich. So holt Hüttenchef Roar Skaugen nicht nur das Gepäck seiner Gäste ab, sondern bittet sie gleich selbst in sein Schneemobil. Mächtig stolz ist er auf das urige Gefährt, das mit Motorkraft auf Kufen vorwärts kommt. „In den sechziger Jahren fuhr es als Schulbus in Kanada“, verrät er. Eine Heizung hat das blau-aubergine angestrichene Ding nicht. Roars kleiner Sohn sitzt neben dem Vater und hat eine wichtige Aufgabe übernommen: Immer mal wieder kratzt er das Eis von der Innenscheibe.

Smogsjosetter liegt allein auf weiter weißer Flur. 1949 haben Roars Eltern hier mit einem Logierbetrieb begonnen. Sieben Zimmer boten sie an, mit warmem und kaltem Wasser. Elektrischen Strom gibt es erst seit 1978. In den letzten Jahren wurde das Haus modernisiert, aber die alte, urgemütliche Kaminstube sieht noch so aus wie damals. 23 Zimmer stehen jetzt zur Verfügung, „die meisten mit Dusche und eigenem WC“, hebt Roar stolz hervor. Im Winter ist Smogsjosetter gut gebucht. „Manchmal sind vier Touren am Tag notwendig, um die Gäste mit dem Snowmobil abzuholen“, sagt der Chef. Anders kommt man zwischen Oktober und April nicht hierher. Im Sommer freilich könnte man mit dem eigenen Auto vorfahren.

Am nächsten Morgen schneit es noch immer, der heftige Wind verwirbelt die Flocken zu wilden Tänzen. Aber die Tour ins 15 Kilometer entfernte Mysuseter wird deshalb nicht abgeblasen. Es gibt schließlich keine Alternative. Natürlich könnte man sich von Roar nach Brekkeseter zurücktransportieren lassen, aber wer wollte sich jetzt als Warmduscher präsentieren? Außerdem lockt in Mysuseter das Rondane Spa. Und die Strecke dorthin, so versprach Magnus, sei einfach und flach. „Norwegisch flach oder dänisch flach?“, fragt der Guide zuvor bei Kari sicherheitshalber nach. „Dänisch flach“, lautete die beruhigende Antwort. Die Dänen hätten einfach andere Kriterien, wird erklärt. Und was man ihnen zumutet, dürften auch deutsche Flachländer bewältigen, so das Credo.

Also los! Nur, wo ist die Loipe? Alles ist zugeschneit. „Kein Problem, die Pfosten weisen euch den Weg“, sagt Roar. Aber lauern nicht Bäche und kleine Seen unter der weißen Decke? „Im Zweifel wirft man einen Skistock voraus“, empfiehlt der Norweger. Wenn er versinke, sollte man nicht weitergehen. Und wenn man sich verirrt? Roar erzählt von zwei Norwegern, denen das an einem Januarabend mal passiert ist. Aber sie hätten das einzig Richtige getan. „Sie haben sich tief eingebuddelt und sich die ganze Nacht lang wach gehalten. Morgens konnte sie dann ein Helikopter orten.“ Beruhigende Aussichten.

Mühsam stapfen wir voran, an ein Gleiten ist nicht zu denken. Keiner will der Erste sein und die Spur ziehen müssen. Ach, wären wir nur schon an der Peer-Gynt-Hütte, die auf halber Strecke liegt. Dort könnten wir eine Pause machen zum Essen und Trinken hatte der norwegische Guide gesagt. Wieso er „an“ und nicht „in“ der Hütte sagte, begreifen wir später. Das Holzhäuschen, dessen „Gemütlichkeit unter niedrigen Decken“ ein Wanderbuch rühmt, ist verschlossen. Wir holen Sandwiches und Thermoskanne aus dem Rucksack und pausieren im Stehen vor der Hütte. Man muss wohl Norweger sein, um jetzt nicht zu hadern. In einer Werbebroschüre über Hövringen preist ein Texter: „Ein Wintertag im Hochgebirge, wenn der Nordwind alles in ein einziges Schneegestöber verwandelt und die Kälte im Gesicht beißt, kann auch eine Herausforderung sein. Dann, geschützt hinter einer Schneewehe sich den Frost aus dem Bart reiben und einen Schluck warmen Kaffee aus dem Rucksack zaubern, ist eine der wunderbaren Freuden im Leben.“ Na also, man muss nur die richtige Einstellung haben. Auf geht''s: genießen und weiterstapfen.

Ein norwegisches Paar kommt entgegen. Beide führen je einen Hund mit sich, die lange Leine jeweils an einem Bauchgurt befestigt. „Hey“, rufen sie freundlich, und sogar die Hunde, mit Überziehern um die Pfoten, scheinen gut gelaunt zu sein.

Kurz vor Mysuseter ändert sich das Wetter, sogar die Sonne kommt heraus. Weit schaut man nun übers weiße leicht gewellte Land. Wie still es ist. Dagegen wirkt der winzige Flecken Mysuseter fast schon quirlig. Das Rondane Spa Hotel ist das erste Haus am Platz. Verschiedene Saunen gibt es da, einen Whirlpool und sogar ein kleines Schwimmbad. Ein Wellnesshotel, in dem Massagen, „türkische Bäder“ und „ungarische Peelings“ angeboten werden. Unvorstellbar, dass kernige Norweger wie Björn oder Roar hier je das „New-Man-Treatment“ buchen würden, mit „einer Aromamassage für Gesicht und Nacken“. Die Behandlungen mögen so gut sein wie zum Beispiel in Österreich, nur: Sie sind hier erheblich teurer.

Auch im Rondane Spa gibt es neben den Saunaräumen einen kleinen viereckigen Hof, in dem man sich im Schnee wälzen kann. Aber das macht nur halb so viel Spaß wie im urtümlichen Brekkeseter.

An Rondane führt die Trollloipe vorbei, die in Hövringen beginnt und nach 170 Kilometern in Lillehammer endet. Auch wer gemächlich unterwegs ist, könnte sie in fünf Tagen schaffen. Traust du uns die Trollloipe zu, Magnus? „Kein Problem“, sagt er lächelnd. „Sie ist dänisch flach.“

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