Portugal : Geopark Naturtejo: Das Buch der Erde

Der Naturtejo ist der erste Geopark Portugals. Hier können Besucher auf der Fossilien-Route staunen.

Beate Schümann

Am Anfang ist der Blick. „Schau dich um, was siehst du?“ Carlos Neto de Carvalho wartet gebannt. Auf den Zinnen der Burg von Monsanto bietet sich ein 360-Grad-Panorama der Umgebung. Überwiegend flache Ebenen, in der Ferne eine Bergkette, einzelne Dörfer, keine Äcker. Unterhalb des Gipfels, auf dem die Burgreste stehen, türmen sich gigantische Granitfelsen, kugelrunde Tonnengewichte. Die Vorfahren der Bewohner des 60-Seelen-Dorfes nutzten sie beim Hausbau – als Fußböden, Wände, sogar als Dächer. Für diese Rock-Art erhielt Monsanto den Titel „Schönstes Dorf Portugals“.

„Sieh genau hin. Du musst das Warum verstehen!“ Carlos ist Geologe aus Lissabon, redet fließend Oxfordenglisch, und er ist unerbittlich. „Dir liegt die Erdgeschichte von Millionen Jahren zu Füßen. Da gibt es keine Zufälle.“ Die Augen des 31-Jährigen leuchten. Er ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch mit pädagogischem Feuer ausgestattet. Der Monsanto- Berg ist mit 750 Metern der höchste Punkt der Gegend. Gut zu verteidigen. Wasser gab es auch früher schon, sonst hätte niemand hier gesiedelt. Doch für mehr als Schweine und Ziegen reichte der Boden nicht. „Ein hartes Leben, steinhart.“ Carlos klopft gegen einen der Granitriesen – Quarz, Feldspat und Glimmer. Vor 300 Millionen Jahren geschmolzen, geschoben, gepresst und in Größe erstarrt.

Monsanto ist eine der Hauptattraktionen im Geopark Naturtejo da Meseta Meridional. Der im September vergangenen Jahres ins Global Network der Unesco aufgenommene Naturtejo ist der erste Geopark Portugals. Mit einer Fläche von 4625 Quadratkilometern bedeckt er gut ein Fünftel des kleinen Atlantiklandes. Im Norden grenzt er an die Serra de Estrela, das höchste Gebirge Portugals, im Süden an den Tejo-Fluss, im Osten an die Grenze zu Spanien. Wie alle Unesco-Geoparks will auch dieser das geologische, landschaftliche und kulturelle Erbe der Region bewahren, Wissen über Erde und Natur vermitteln. Außer Monsanto gehören die römischen Goldminen Conhal do Arneiro dazu, das Dorf Idanha-a-Velha mit keltisch-römisch-arabischer Vergangenheit, die erstaunlichen Fossilienfunde von Penha Garcia und seltene Vögel wie der schwarze Storch. Carlos, einer der Initiatoren, macht auch Führungen.

Der Guide startet den Jeep. Wenige Minuten später parkt er beim nächsten Schauplatz in Penha Garcia. Am Ortseingang mustert neugierig ein Grüppchen schwarz gekleideter Männer die Ankömmlinge. Die Frauen am Brunnen grüßen freundlich. Vor dem Geopark war ihr Bergdorf fast vergessen. Jetzt kommen Menschen, die sich für Fossilien interessieren, genauer gesagt: für versteinerte Fraßgänge von Gliederfüßern namens Trilobiten. Diese bereits kompliziert gebauten, mit Panzer, einer Art Skelett und Organen ausgestatteten Tiere bewohnten im Erdzeitalter des Paläozoikums den Grund des Urmeeres. In Penha Garcia haben sie Lebensspuren hinterlassen, die die Fachwelt als besonders gut erhalten einstuft.

Das blank gewetzte Kopfsteinpflaster blitzt in der Sonne. Vor den kalkweißen Häusern stehen Geranientöpfe aufgereiht. Am Wegweiser zur Fossilien- Route sitzt eine Frau, die Stockfisch zerteilt. „Hallo“, ruft sie den Fremden munter zu, erzählt von ihren sieben Kindern und gibt sogar ihr Rezept preis: Kabeljau mit Orange. Die Gassen führen steil aufwärts. Hinter der Kirche trabt Carlos schnurstracks auf die Brüstung des Ausblicks zu. „Was siehst Du?“, fragt er wieder. Den Stausee, alte Wassermühlen, einen Berg mit Faltenstruktur, lamellenähnlich wie Schiefer oder vielleicht Buchrücken. „Ein Buch, genau!“ Carlos ist begeistert. Das wollte er hören. Ein Buch der Zeit. Mit Buchrücken mal fingerdick, mal bis zu 400 Meter. Jede Seite schildert Erinnerungen der Erde.

„Es ist Quarzit, gepresster Sandstein.“ Der Spurenspezialist beugt sich über seine Lupe. „Das ist der Boden des Urmeeres, fernste erdgeschichtliche Vergangenheit!“ Aus seinem Rucksack zieht er eine geologische Karte und fährt mit dem Zeigefinger dort entlang, wo einst eine interkontinentale Kollision den Meeresgrund zu einer Kordillere zusammenschob, die sich vom portugiesischen Valongo bis zum spanischen Toledo erstreckt. Bei Penha Garcia wurde das Gestein durch enormen seitlichen Druck zu Platten gefaltet und gebrochen. Um beim Bild der Bücher zu bleiben: zu einer ganzen Bibliothek.

Ein gebeugtes Mütterchen nähert sich. „Geht ihr zu den Schlangen?“, will sie wissen. Die wurmähnlichen Versteinerungen in den Felsen kennt sie seit ihrer Kindheit. Jetzt freut sie sich, dass ihretwegen immer mehr Menschen in ihr Dorf kommen. Schon in den 80er und 90er Jahren waren die Fossilien von bekannten Geologen wie dem Engländer Roland Goldring und dem Tübinger Adolf Seilacher untersucht worden. Die Geologen identifizierten die Funde als Grabspuren von Trilobiten, sogenannten Ichnofossilien aus der Ära des Ordoviziums, in dem es eine Fülle von marinen Arten gab, etwa Korallen, Schwämme, Seeskorpione, Ammoniten und Trilobiten.

Trilobiten und ihre Überreste gelten als die wichtigsten Fossilien der Paläontologie, sozusagen die Kronzeugen der Schöpfung. Die Gliederfüßer tauchten vor mehr als einer halben Milliarde Jahren bei der „Kambrischen Explosion“ auf, die Wissenschaftler als die Geburtsstunde aller Tierstämme und ihrer Gruppen bezeichnen. Gut 250 Millionen Jahre später kam es zu einem großen Artensterben, bei dem auch die Trilobiten restlos ausstarben. Für Evolutionsforscher sind sie wegen ihrer Vielfalt und Häufigkeit die damaligen Herrscher des Meeresbodens. Land gab es noch nicht.

Hinter der Kirche beginnt der Fossilien-Trail. Er führt zu den zehn ausgewiesenen Fundstellen an den Berghängen. Auf die Felsen gemalte Pfeile weisen die Blickrichtung, damit der Betrachter die Schlangengebilde leichter findet. Wer kann sich schon den Moment vorstellen, in dem vor Jahrmillionen die Bewegung von Krebsen bei der Nahrungsaufnahme versteinert wurde? Ohne etwas Bildhaftes ist der Ablauf der Naturgeschichte kaum vorstellbar. Auf der Suche nach Nahrung durchschaufelten die Gliederfüßer unermüdlich mit ihren vielen koordiniert arbeitenden Beinen die Sedimente – sozusagen die Maulwürfe des Ordoviziums. Sie gruben sich bis zu sieben Zentimeter tief unter die Erdoberfläche ein, richtige Tunnel.

„Diese Erkenntnis dokumentiert Penha Garcia“, sagt Carlos. Die Abdrücke der im Quarzit festgehaltenen Bewegung kamen erst im Verlauf der Erosion durch den Abbruch der vertikalen Gesteinsformation zum Vorschein. Die sichtbaren Schlangen sind das Spiegelbild. Plötzlich klettert Carlos auf einen der Steilhänge. „Hier haben mehrere Trilobiten gemeinsam gefressen.“ Zum Scherzen ist der Geologe nicht aufgelegt. Dazu ist die Sache mit der Ansammlung dicker Wülste zu ernst.

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