Portugal : Küste der Abenteurer

Im westlichen Zipfel Portugals zeigt sich die Algarve noch ohne Bettenburgen. Das lockt Aussteiger.

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Natürlich gewachsen – die Felsformationen der Ponta da Piedade. Foto: Stephan Brünjes
Natürlich gewachsen – die Felsformationen der Ponta da Piedade. Foto: Stephan Brünjes

João schwärmt: „Willkommen in der Küche! Schauen Sie, hier nebenan das Wohnzimmer und dort der Blick in die Kathedrale.“ Er ist weder Makler noch Stadtführer, sondern Außenbord-Jongleur. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn er seine vier Gäste in einer Nussschale von Motorboot durch wogende Wellen in immer neue, immer engere Felsgrotten manövriert und diese dabei vorstellt wie Räume eines Hauses. Die bis zu 20 Meter hohen Kalksteinwände an der Algarveküste sind mal beige, mal rostbraun, überall löchrig und schroff modelliert von Atlantikwind und Salzwasser.

Ponte da Piedade heißt dieses Labyrinth an der Südspitze der Stadt Lagos. Ein portugiesisches Naturwunder, vor allem aber Demarkationslinie zwischen verbauter und verschonter Algarve: Östlich der Ponte sind viele Küstenhänge überwuchert mit Apartment- und Hotelblöcken der Marke „Urlauberschließfach“, Ex-Fischerhäfen sehen hier aus wie Open-Air-Messen für Luxusjachten. Westlich der Ponte hingegen dösen Dörfer vor sich hin wie eh und je.

Burgau etwa: keine Zeile im Reiseführer, darum auch keine Touristenkarawanen in den winkligen Gassen mit blau-weißen Häusern. So können Burgaus Einwohner ungestört ihr Gemüse in ausrangierten Badewannen am Wegesrand anbauen. Bunte, leicht verwitterte Fischerboote sind hier keine Dekoration für Urlaubsknipser, sondern immer noch Dienstfahrzeuge. Vormittags kommen die Männer darin heim, nicht selten begrüßt von vier Generationen: Oma, Eltern, Ehefrau und Kinder. All das lässt sich wie in einer Theaterloge prima beobachten von der Strandbar „Brizze“ – mit einem Galão in der Hand, dem portugiesischen Milchkaffee.

Abseits der mautpflichtigen Autobahn geht’s über kurvige Dorfstraßen hinein in den Nationalpark Costa Vicentina. Er umfasst über hundert Kilometer portugiesische Westküste und ist quasi ihre Lebensversicherung: Wilder Dünenbewuchs mit Wacholderbüschen und Mastixsträuchern bleibt erhalten, allenfalls schmale Wege führen zu den Stränden, für Hotelanlagen gilt Bauverbot. Wirklich? Wie kommt dann „Martinhal“, ein Luxus-Ferienresort mit den Ausmaßen von etwa 50 Fußballfeldern auf die lieblichen Hügel über der 900 Meter langen Traumbucht am Hafen des Städtchens Sagres? „Die Baugenehmigung ist älter als das Naturschutzgebiet“, sagt Roman Stern. Doch das ist nicht der einzige Grund. Der 43-jährige Schweizer Unternehmer hat ein 38-Zimmer-Hotel umrahmt von 132 maximal zweistöckigen kubischen Design-Ferienhäusern so geschickt in die Felslandschaft mit Agaven, Gräsern und Mimosen eingepasst, dass sie weder aus der Ferne noch mittendrin wie Bettenburgen wirken. Eine vor allem auf Familien zielende Oase, elegant eingerichtet mit Kork und Schilf, Fliesen und Holz sowie anderen Baustoffen aus dem Nationalpark.

So wie Roman Stern, einst Investmentbanker in London, zieht die West-Algarve viele Besucher dermaßen in ihren Bann, dass sie schnell wiederkommen und gleich dableiben. Und sei es auf der tennisplatzroten Erde einer kahlen Wiese an der Nationalstraße 125. Ein klappriges Wohnmobil, ein Container und zwei Bierzeltbänke – so sieht Julia Beckenbauers Firmengründung aus. Beckenbauer? Ja, genau – die 32-Jährige ist eine Nichte von Kaiser Franz. Statt ihr Forstwirtschaftsstudium zum Beruf zu machen, findet sie es spannender, Menschen das Landsegeln beizubringen. Ein überdimensionales Dreirad mit aufgeflanschtem Surfsegel in der Mitte, einen Blaumann gegen den Staub, Helm und fünf Minuten Fahrstunde – mehr braucht man nicht, um angetrieben von mäßiger Brise über den Rundparcours zu sausen. „Genau diesen schnellen Erfolg meiner Gäste mag ich an diesem Job“, sagt Julia.

An den Stränden der Westalgarve kann man leider nicht mit den Landseglern fahren, zu eng sind die Buchten. Dafür aber so ideal zum Surfen, dass ganze Kolonien von Brettlfreaks hier als sandpanierte Neopren-Nomaden leben. Sven Engelmann war einer von ihnen, tauschte seine Krankenpfleger-Sicherheit in Landshut gegen das VW-Bus-Abenteuer mit Matratze, Hund und Zweiplattenherd. Eng, aber doch voller Weite. Denn jeden Morgen beim Aufwachen wird die Windschutzscheibe zur Kinoleinwand für einen atemberaubenden Naturfilm: Wellenbrecher, die auf den Strand schlagen, über den Klippen kreisende Störche, der azurblaue Himmel und das türkisfarbene Wasser. Inzwischen hat Engelmann nur einige Kilometer weiter in Sagres die Surferbar „Warung“ (Indonesisch für: Kneipe) eröffnet.

Vielleicht zieht die Pioniertradition dieser Kleinstadt Abenteurer geradezu an. Von Sagres aus brachen portugiesische Seefahrer im 15. Jahrhundert auf, um bis hinter die kanarischen Inseln vorzustoßen und schließlich Brasilien zu erobern. Ausgangspunkt vieler dieser Expeditionen: das Cabo de São Vicente, der südwestlichste Punkt des europäischen Festlands – schon aus diesem Grunde heute ein Pilgerort für Westalgarve-Besucher. Hier kommen sie zumindest in Versuchung, die „letzte Bratwurst vor Amerika“ zu essen – am Imbissstand von Wolfgang und Petra Bald. Klar, dass die beiden Nürnberger ihre Thüringer nicht nur mit Senf, sondern auf Wunsch auch inklusive Auswanderergeschichte servieren.

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