Poznan, km 2015 : Betriebsfahrt mit Vollgas

Der Busfirma von Familie Olszewski laufen Spitzenmanager hinterher: "Solaris" im polnischen Poznan verkauft nach München, Warschau und Berlin. Und Mitarbeiter der ganz großen Firmen kommen freiwillig zu ihnen - ohne Abwerbegespräche.

Poznan_Olszewska Foto: Stefan Jacobs
Busse für Berlin: Die Polin Solange Olszewska mit einem Hybrid-Bus, der die Berliner Verkehrsbetriebe bestimmt ist. -Foto: Stefan Jacobs

Poznan„Unser Bus für Osteuropa: modern, robust und schön.“ - Solange Olszewska, 2004



Wenn in wenigen Wochen die nächste Halle fertig ist, haben es die Olszewskis geschafft: Dann ist ihr Familienbetrieb "Solaris" so groß, dass er die hässliche Munitionsfabrik nebenan komplett verdeckt. Bald sieht Solange Olszewska aus ihrem kleinen Büro nur noch den Himmel, ihre Werkhallen und den Parkplatz, auf dem glänzende Stadtbusse in langer Reihe auf ihren Einsatz warten: rot-gelbe für die Warschauer Verkehrsbetriebe, weiße-blaue für München und sonnengelbe für Berlin.

In einigen Tagen wird wieder eine Zehnerkolonne Richtung Deutschland fahren - und dann täglich durch Berlin, wo schon 150 Solaris- Busse unterwegs sind. Weitere 130 kommen bis 2008 hinzu. Ein in der Branche viel beachteter Prototyp mit sparsamem Hybridantrieb fährt durch Dresden, einer für Leipzig steht halbfertig in der Halle. Warschau hat gerade 255 Stadtbusse bestellt, 250 für Dubai sind so gut wie verkauft, Kunden in 18 Ländern gewonnen, die Mitarbeiterzahl hat sich binnen drei Jahren auf 1200 fast verdoppelt. Mit Mitte 50 haben die Olszewskis Erfolg, wie er nur wenigen gelingt.

Firmenchefin Solange Olszewska, die das Unternehmen mit ihrem Mann Krzysztof führt und von Berlin aus das Westeuropageschäft managt, freut sich Tag für Tag aufs Neue, wenn sie ihre Busse mit der markanten asymmetrischen Frontscheibe und dem Firmennamen sieht, der ihrem Vornamen ähnelt. "Solaris" ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, wobei David hier der Ingenieur Krzysztof Olszewski ist, der in Berlin strandete, als 1981 in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Binnen drei Jahren brachte er es vom einfachen Mitarbeiter zum Werkschef der Spandauer Neoplan-Fabrik. Nach der Wende entwickelte er auf eigene Faust einen Bus, der es mit osteuropäischen Straßen aufnehmen sollte.

Und Goliath? Solange Olszewska lächelt, wie sie bestimmt auch in den Männerrunden bei ihren Kunden manchmal lächelt, und sagt: "Der Vertriebschef von Evobus, also Mercedes, arbeitet jetzt hier. Der Leiter der Gerippeabteilung von MAN in Polen auch. Mein neuer Stellvertreter war vorher weltweiter Service-Chef bei MAN. Und keinen Einzigen haben wir abgeworben." Jetzt sorgt sich die Chefin um die polnische Arbeitsmoral. Sie beobachtet eine gewisse Ermattung bei vielen Landsleuten: Auto, Wohnung, Urlaub - alles da. "Der Hunger, etwas erreichen zu wollen, ist weg." Und die Regierungsbrüder geben ihr den Rest. "Die werfen uns um 100 Jahre zurück. Frauen sind nur noch Hüllen, die Kinder kriegen sollen. Und Wirtschaftsleute bekommen ein halbkriminelles Image verpasst. Sie scheinen nicht mehr erwüscht." Die Olszewskis haben nicht mehr wegen, sondern trotz der Rahmenbedingungen Erfolg. Stefan Jacobs

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