Radeln im Tal der Drau : Hinauf rollt’s wie von selbst

Die Radtour zum Millstätter See präsentiert Kärntens beschauliche Seiten. Es geht auch mal bergan. Wer auf dem E-Bike sitzt, spürt das kaum.

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Den Großglockner im Rücken statt vor der Nase, da kommt man gut voran. Noch dazu auf einem Elektrorad.
Den Großglockner im Rücken statt vor der Nase, da kommt man gut voran. Noch dazu auf einem Elektrorad.Foto: usd

Strom ist anonym. Und deswegen können wir nicht wissen, ob die elektrische Hilfskraft, die in unseren Fahrrädern steckt, vielleicht irgendwie aus dem Fallkraftwerk an der Möll stammt. Wir sind in Kärnten, das Kraftwerk linkerhand nutzt die aus den Abflüssen des Maltatals herabstürzenden Wassermassen, um Strom zu fabrizieren.

Der Radweg zum Millstätter See führt durchs Tal der Drau, hier ein Hügelchen, dort ein kleiner Buckel. Deshalb können wir nicht recht ausprobieren, was wirklich in den E-Bikes steckt, die wir heute Morgen von den Steckdosen gelöst haben, um uns ein wenig durch den Süden Kärntens zu bewegen, zwischen Klagenfurt, Villach und Spittal an der Drau, die Großglocknergruppe mal vor Augen, mal im Rücken.

Erst als bei Seeboden der Millstätter See in Sichtweite ist, erschließen sich allmählich die Wonnen der Elektromobilität. Der Radweg über dem See führt recht steil in den Tannenwald hinein. Normalradler hebt es jetzt aus dem Sattel, sie ächzen schweißproduzierend im Wiegetritt bergan. Der Elektroradler hingegen schiebt seine Zusatzkraft in die vierte Dimension, pedaliert kräftig, aber nicht übermäßig, und man wird das Gefühl nicht los, von unsichtbaren Mächten angeschoben zu werden, wo der Weg schottrig wird und ansteigt. Die Quintessenz des Elektroradelns an Millstätter See und Drau ist: Es herrscht immer Rückenwind, und Bergstraßen fühlen sich an wie Wege im Tal.

Manchmal berührt der Radweg das Ufer, und wir können ausmachen, was sich im gegenüberliegenden Millstatt so tut – der Millstätter See ist nur eineinhalb, zwei Kilometer breit, dafür bis zu 141 Meter tief und klar. Es heißt, er habe Trinkwasserqualität. Dass er mal, in den 1970er Jahren, zu einer Kloake umzukippen drohte, davon ist nichts mehr zu spüren.

Drüben, hinter einer kleinen Hafenanlage, recken sich die rotgezwiebelten Doppeltürme der Millstätter Stiftskirche über den See. Das Bild der bewaldeten Nockberge dahinter verändert sich stetig im Zug der Wolken und im Wechsel der Radlerperspektive. Mal sattgrün, dann wie ein fantasievoll gewobener Flickenteppich, dessen Grundtöne mit jedem Hinschauen variieren.

Im Schloss Porcia gibt's Wetterböller zu bestaunen

Kurz vor der Südkurve des Sees huschen wir an überraschenden kubischen Konstruktionen vorbei; hier sind unter dem Logo „SoArt“ und als weithin sichtbare Landmarke Künstlerquartiere entstanden und Ateliers für Maler, Bildhauer und Musiker. Nebenan gibt’s ein bisschen japanisch inspirierte Architektur. Ein „Garten der Stille“ entstehe hier, heißt es bedeutsam auf einer Bautafel. Eigentlich ist hier jegliche Anpflanzung ein einziger Garten der Stille; der Südrand des Millstätter Sees ist kaum bebaut, die Elektrofahrräder sind lautlos, und nur manchmal ist ein wenig zu hören, wenn sich im Ausflugslokal über dem See die Wanderer und Radler ihre Abenteuer erzählen und darauf mit ihren Apfelschorlen oder anderem anstoßen.

Das Etappenziel ist Spittal, die etwas unübersichtlich zusammengebaute Bezirkshauptstadt an der Drau. Vielleicht wäre die 16 000-Seelen-Stadt nicht der Erwähnung wert, gäbe es da nicht das wundersame Schloss Porcia, in dem 300 Jahre lang die gleichnamige italienische Adelsfamilie residierte. In der politischen Unübersichtlichkeit der Kärtner Weltkrieg-1-Nachkriegsgeschichte spielte es eine kurze Rolle als Regierungssitz einer Übergangsexekutive und beherbergt heute ein erstaunliches Museum für Volkskultur.

Hier reckt sich beispielsweise ein „Wetterböller“ in den Museumssaal. Früher besaß jeder Kärtner Bauer geweihte Wetterböller, um sie bei drohendem Gewitter abzufeuern, in der Hoffnung so die Wolken aufzulösen und Schaden von Haus und Hof abzuwenden. Reiner Zufall, dass der Museumsböller heute auf eine Dönerbude in der Nachbarschaft des feinen Schlosses gerichtet ist.

Zum Schloss gehört auch ein Paar solider, brauner Lederschuhe, das Schlossführer Adolf Oberrauter präsentiert, und zwar mit einer gewissen Routine und nicht ohne Stolz: Es ist das Gesellenstück des gelernten, heute 79-jährigen Schusters, präsentiert in einer Handwerksstube unweit einer rekonstruierten Alm-Schutzhütte für Bauern und Wanderer.

Ein paar Räume weiter quetscht sich Oberrauter in eine hölzerne Schulbank, weist auf Einkerbungen, die er hier vor rund 70 Jahren unter hohen Risiken angebracht hat. Er ist hier zur Schule gegangen und hat zum Beispiel das Rechnen mit zwei Holzhänden gelernt, an denen man Finger so lange auf- und abklappen kann, bis fünf weniger vier einen einzigen Stinkefinger ergeben, der sich monströs dem Lehrer entgegenreckt. Endlich haben die jungen Museumsbesucher was zu grinsen!

Die eher mittelalterlichen Elektroradler können im Nachbarraum des Schlossmuseums darüber staunen, was aus ihrer Fortbewegung geworden ist, seit ihre Ahnen vom Hochrad plumpsten oder fluchend von schlecht gedrechselten Holzscheiben kletterten.

Am Millstätter See gibt es 17 E-Bike-Routen mit einer Gesamtlänge von rund 600 Kilometern, zahlreiche bikerfreundliche Quartiere und ein lückenloses Netz von Akku-Ladestationen. Infocenter Millstätter See, Telefonnummer: 00 43 / 47 66 / 370 00, millstaettersee.com

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