Radweg : Respekt, ein eleganter Riesling

Eine Tour auf dem Saale-Unstrut-Radweg führt vorbei an Burgen, Kirchen – und Weinbergen. Einkehr bei Winzern ist erwünscht.

von

„Ben zi bena, bluot zi bluoda ...“ – fremd und verschlossen hallt die Beschwörungsformel von den Mauern wider, mit der die alten Germanen Wotan selbst zu Hilfe riefen, um ein verrenktes Pferdebein zu kurieren: „... lid zi geliden, sose gelimida sin“. 1841 wurden die vorchristlichen Zaubersprüche hier im Dom zu Merseburg in einem theologischen Wälzer aus dem 10. Jahrhundert entdeckt, das älteste schriftliche Zeugnis althochdeutscher Sprache überhaupt. Ein Faksimile der berühmten Seiten liegt im Kellergewölbe unter Glas, die akustische Version raunt auf Knopfdruck aus dem Lautsprecher.

Nur ein paar Schritte vom Dom entfernt wälzen sich draufgängerische Fahnenträger, nackte Geliebte und entsetzte Sterbende über die Leinwände: In der Willi-Sitte-Galerie haben die farbstrotzenden Bilder des bekannten DDR-Malers einen neuen Ort gefunden. „Prall und drastisch, so haben wir ihn schon in den Schulbüchern kennengelernt“, sagt die Dame an der Kasse. „Dabei übersieht man leicht, dass dieser Mann sein Handwerk hervorragend beherrschte.“

Auf scharfe Kontraste und Spuren höchst unterschiedlicher Epochen deutscher Geschichte stößt der Besucher an Saale und Unstrut immer wieder. Jede Menge Kultur, viel Historie, auskunftsfreudige Menschen und ein prächtiger Wein machen die Region nordöstlich des Thüringer Waldes zu einem der anziehendsten Reiseziele Deutschlands. Und da die Städtchen eingebettet sind in eine liebliche Landschaft, liegt nichts näher, als sich die Gegend per Fahrrad zu erreisen.

Inmitten von Rapsfeldern und blühender Obstbäume führt der Weg nach Süden. Flach ist es. Träg und braun, mal spiegelglatt, mal schlierig oder geriffelt, kommt die Saale dem Radfahrer entgegen, sehr gesittet und viel schmaler als erwartet. Vom vielbesungenen „hellen Strande“ kann keine Rede sein, die Ufer sind von ausladenden Weiden und schlanken Pappeln bestanden. Über dem Grün frischer Saat rauchen die Schornsteine von Leuna – entschieden sauberer als zu Zeiten, als der „VEB Walter Ulbricht“ noch das größte Chemiewerk der DDR war. Lerchen jubilieren, ein Specht trommelt, die Dörfer sind aufgehübscht, aber menschenleer. Und immer noch stößt man auf letzte Trümmer einstiger LPGs und Ruinen alter Fabriken.

Naumburg ist das Tagesziel. Vom Westturm des Doms geht der Blick auf ein überschaubares, mit schönen Renaissance-Häusern bestücktes Städtchen. Und wieder provozieren Gegensätze: auf der einen Seite die strengen, erhabenen Gesichter der Stifterfiguren im Dom und das Denkmal Nietzsches, der hier zur Schule ging, dort die mit Chinaware vollgeramschten hässlichen Billigstläden in der Fußgängerzone, einer neben dem anderen. Doch es gibt den Riesling von Herzer, der versöhnt, und es finden sich erfreuliche Lokale wie das „Bock’s“ oder die „Zille-Stube“ mit ihrer originellen Wildkräuterküche. Im einen schlagen die Filetspitzen samt Wildkräuterspinat, im anderen die Kalbsleber mit 14,90 Euro zu Buche. Und beides sticht so manches aus, wofür man anderswo viel mehr bezahlt.

Ganz umsonst ist die Salzluft am Gradierwerk im nahen Bad Kösen. In dem 320 Meter langen, 20 Meter hohen Wall aus salzverkrusteten Schwarzdornzweigen ließ man Sole verdunsten und erzeugte so „Meeresluft“ für Atemkranke. Von 1912 bis 1950 lebte Käthe Kruse, die „deutsche Puppenmutter“, am Ort und ließ eifrig produzieren, was jetzt im Romanischen Haus ausgestellt ist: „Jockerle“ und „Margaretchen“ in Dirndl und Trachtenjanker, „Träumerchen“ als Lehrpuppe zur Säuglingspflege und ab Ende der zwanziger Jahre auch echte Schaufensterpuppen.

Wenige Kilometer weiter thronen die Rudelsburg und Burg Saaleck hoch über dem behäbigen Fluss – doch wenn man weiß, dass die erste eine Art Wallfahrtszentrum für Studentenverbindungen aus ganz Deutschland ist und auf der anderen Himmler und Röhm allerhand Nazi-Brimborium zelebrierten, mag man sie nicht mehr ganz unbefangen als bloß romantisches Gemäuer zur Kenntnis nehmen.

Im Blütengrund bei Naumburg holt Fährmann Andreas Köpnick Wanderer und Radfahrer über. An der unscheinbaren Unstrut entlang, die hier in die Saale mündet, geht es mit kleinen Steigungen nach Nordwesten. Ab jetzt dreht sich alles um den Wein. Die Lust am Rausch ist Menschen seit Jahrtausenden eigen, beweisen die Seiten des Steinernen Bilderbuchs am Wegesrand. Anfang des 18. Jahrhunderts beschloss eine weinselige Runde um den Hofjuwelier Steinauer, Szenen aus der Bibel in eine Sandsteinwand schlagen zu lassen. Einige der mannshohen Reliefs sind stark verwittert, andere zeigen, wie es auf der Hochzeit zu Kanaan zuging oder wie Lot von seinen Töchtern betrunken gemacht wurde. Noah, der erste Winzer, weist ein Doppelgesicht auf: „Das fröhliche und das aggressive“, sagt Hans-Peter Müller, der Ortschronist von Großjena. „Beides kann der Wein dem Trinker verleihen.“

Auch zu DDR-Zeiten wurde an Saale und Unstrut Wein produziert, auf der Hälfte der heutigen knapp 700 Hektar. „Das Motto hieß: Immer rein damit – wir machen schon Wein daraus“, sagt Müller.

In der Winzervereinigung Freyburg sind in einem versteckten Gelass noch ein paar dieser Tropfen erhalten. Der „Freyburger Galgenberg“ von 1986 etwa stammt aus eigener Herstellung, in die Flaschen mit „Barcarola“- und „Adria Sonne“-Etiketten wurde Wein aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien abgefüllt. Mangels Edelstahl verwandte man Rohre aus Jenaer Glas – sie ziehen sich noch heute an den Wänden entlang. Mittlerweile aber produziert die Vereinigung zwischen zweieinhalb und drei Millionen Liter pro Jahr, 480 Winzer liefern ihre Trauben hier ab. Saale-Unstrut-Weine sind begehrt, weil in Deutschlands nördlichster Weinlage aufgrund des Klimas der Ertrag begrenzt ist. Feinnervig, elegant und schlank kommen die Rieslinge und Weißburgunder daher, samtig und fruchtig der Blaue Zweigelt.

Den fünf Euro teuren Rundgang durch die Keller der „Rotkäppchen“-Sektkellerei in Freyburg dagegen kann man den Busgruppen aus Ingolstadt oder Mönchengladbach überlassen. Rund 110 000 Besucher drängt es pro Jahr, die Rüttelpulte, die 167 Stahltanks und das größte Cuvee-Fass der Welt zu bestaunen und am Ende an einem Gläschen Sekt zu nippen. Interessanter ist ein Rundgang durch den Herzoglichen Weinberg, wo Physiklehrer Hartmut Wiesemann alles über die unterschiedlichen Rebsorten, ihre Draht- und Pfahlerziehung oder den Bau von Trockenmauern parat hat. Und wo sich im barocken Weinberghäuschen bei einer Winzerplatte ein ganz intimes, stilvolles Weinfestchen feiern lässt.

Auf den Radfahrer aber wartet noch ein Ziel, ein letzter Abstecher in die Geschichte, weiter zurück als irgendein anderer während dieser Tour. Einem goldschimmernden Raumschiff gleich, das am falschen Platz gelandet ist, wurde die Arche von Nebra am Ende einer ansteigenden Kirschbaumallee in die Natur geklotzt. Auf dem nahen Mittelberg entdeckten Grabräuber 1999 die heute weltberühmte Himmelsscheibe, die älteste Darstellung des Weltalls.

Rund um den 32 Zentimeter breiten, gut zwei Kilo schweren bronzenen „Pizzateller mit Goldauflage“ wurde das neue Erlebniszentrum konzipiert. Eine Digitalshow im Planetarium erzählt die kosmische Detektivgeschichte: wie für die Menschen vor 3600 Jahren die Zeit nichts anderes war als ein langer, ruhiger, abschnittsloser Fluss. Bis es ihnen gelang, Aussaat- und Erntetermine anhand der Stellung von Sonne, Mond und Plejaden festzulegen – genau die sind auf der Himmelsscheibe dargestellt. Wissenschaftler berichten in Videos von den zahllosen Prüfverfahren, denen sie das Objekt unterzogen. Und sogar die handwerklichen Details der Herstellung werden erläutert. Nur die Scheibe selbst – die fehlt. Das kostbare Stück ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle gelandet.

Ein letztes Glas Weißburgunder auf der Terrasse über dem Tal, ein letzter Blick über löwenzahnsatte Wiesen und das hügelige Land. Respekt, Winzer, Bauherrn, Künstlerinnen und astronomische Genies: Ihr habt es geschafft. Ihr habt aus eurem Landstrich etwas ganz Besonderes gemacht!

0 Kommentare

Neuester Kommentar