Reise : Rau mit Seele

Poesie und Wirklichkeit: Warum Bochum ein Lied verdient hat

Walter Schmidt

Hatte Herbert Grönemeyer eigentlich recht mit den Aussagen in seinem fast 25 Jahre alten Hit „Bochum“, verewigt auf dem Album „1984“? Unser Autor hat die Hymne auf die Stadt auf den Prüfstand gestellt.

„Tief im Westen, wo die Sonne

verstaubt....“

Mal abgesehen davon, dass Düsseldorf noch westlicher liegt – pro Jahr scheint die Sonne nach städtischen Angaben im Mittel rund 1400 Stunden auf Bochum. Industriestäube und Auspuffgase muss sie dabei noch immer durchdringen. Feinstaubbedingte Umweltzonen gibt es in Bochum jedoch bisher nicht. „Im Vergleich zu vielen anderen Ruhrgebietsstädten stehen wir aber gut da“, sagt Gerhard Zielinsky, der Leiter des städtischen Umwelt- und Grünflächenamts. Nur an einer Messstation werde an mehr als 35 Tagen der Grenzwert überschritten.

„... ist es besser, viel besser,

als man glaubt!“

Das gilt für viele Städte mit bescheidenem Ruf. Dennoch schrumpft Bochum nicht nur wegen eines deutlichen Überhangs an Sterbefällen. Hatte die Stadt im Jahr 2007 noch rund 373 000 Einwohner, so rechnet die Stadtverwaltung 2015 nur noch mit 366 000. Noch immer ziehen mehr Menschen weg, als neue zuziehen: im Jahr 2006 etwa 1000, im Jahr davor rund 1600 und 2004 sogar circa 6500.

„Du bist keine Schönheit ...“

Nein, Bochum sei „keine Schönheit im klassischen Sinne“, räumt Thomas Sprenger vom Presse- und Informationsamt ein. Die Stadt habe unter den „enormen Bombenangriffen im Krieg“ sehr gelitten. Doch gebe es noch immer viele schöne Bauten – etwa das Wasserschloss „Haus Kemnade“, das Bochumer Schauspielhaus und das Deutsche Bergbaumuseum.

„... vor Arbeit ganz grau.“

Auch Arbeitslosigkeit kann grau machen. Ende 2007 waren rund 19 000 oder 10,2 Prozent aller Bochumer im erwerbsfähigen Alter arbeitslos gemeldet (NRW: 8,6 Prozent). Dennoch schöpft Heinz- Martin Dirks vom Amt für Wirtschaftsförderung Hoffnung: Die Arbeitslosenzahlen seien in den vergangenen beiden Jahren „kontinuierlich nach unten gegangen“. Trotz Nokia. Und damit „rechnen wir auch in der näheren Zukunft“.

„Liebst dich ohne Schminke.“

Für Bochums Häuser stimmt das nicht. Denn man renoviere immer mehr Gebäude, „damit sie nicht mehr so verkommen aussehen“, sagt Wolfgang Zimmermann, der Obermeister der örtlichen Maler- und Lackiererinnung. In den Stadtteilen Stahlhausen, Hamme und Goldhamme zahle der Bund hierfür sogar Zuschüsse. Besonders mögen die Bochumer beim Außenanstrich gelbliche Farbtöne.

„Bist ’ne ehrliche Haut...“

Nun ja. „Die Bochumer sind keine ganz ehrlichen Häute“, räumt Ingrid Laun-Keller ein, die Sprecherin des Bochumer Polizeipräsidiums. Zwar habe sich die Zahl der dokumentierten Straftaten von 2007 im Vergleich zu 2006 um fast elf Prozent verringert – so etwa Taschendiebstähle um fast 29 und Wohnungseinbrüche um 12,5 Prozent. Doch die festgestellten Betrugsfälle legten um 50 Prozent auf mehr als 5400 zu.

„... leider total verbaut.“

Klar gegliedert ist Bochum wirklich nicht. Das habe mit den mal hier, mal dorthin platzierten Industriegebieten zu tun, aber auch mit den im Krieg zerstörten und dann neu genutzten Flächen, meint der Bochumer Stadtbaurat Ernst Kratzsch. Das Durcheinander von Quartieren aus „lieblichen Wohngebieten“, Mietskasernen und Gewerbegebieten werde zudem von Autobahnen und teils längst aufgegebenen Bahnstrecken „durchbrochen und durchschnitten“.

„Du hast’n Pulsschlag aus Stahl. Man

hört den Laut in der Nacht.“

Das Dröhnen der von Grönemeyer besungenen Stahlhämmer ist für den Bochumer Lärm nicht mehr prägend. Die Stahlindustrie hat seit 1984 an Bedeutung verloren. „Zur Zeit haben wir in Bochum noch rund 5500 Stahlarbeiter in sieben Betrieben“, berichtet Wirtschaftsförderer Heinz-Martin Dirks. Seinerzeit seien es etwa 10 000 gewesen. Das Lärmproblem sei aber „damit nicht behoben, es hat sich verlagert“, sagt Heike Degel vom Bochumer Umweltamt. Denn zwei Autobahnen verlaufen durch das Stadtgebiet: die A 40 und die A 43.

„Bist einfach zu bescheiden!“

Tatsächlich werde den Bochumern immer nachgesagt, „dass wir hier um die eigenen Stärken zwar wissen, aber kein großes Aufhebens darum machen“, bestätigt Thomas Sprenger die Liedzeile.

„Dein Grubengold hat uns wieder

hochgeholt, du Blume im Revier!“

Als erstes Bochumer Bergwerk schloss „Prinz Regent“ 1960, als letzte Zeche „Hannover-Hannibal“ 1973. „Blumig“ ist das gut 145 Quadratkilometer große Bochum aber durchaus. Geschätzte 37 000 Bäume wachsen in der Stadt. Ihr Grünanteil samt Forsten liegt „bei mehr als 30 Prozent“, sagt Thomas Sprenger. Dazu zählen auch 440 Hektar Parks und Grünanlagen, darunter der als englischer Garten entworfene Stadtpark aus dem Jahr 1878.

„Du bist keine Weltstadt!“

Wohl wahr.

„Auf deiner Königsallee finden keine

Modenschauen statt.“

Im Vergleich zur rund 700 Meter langen Düsseldorfer „Kö“ ist die Bochumer Königsallee allerdings ein Gigant. Kilometerweit zieht sich die teils vierspurige L 551 vom Hauptbahnhof nach Süden bis Bochum-Stiepel. An der Straße liegt das Schauspielhaus, „eine der Kulturhochburgen Deutschlands“, urteilt Stadtsprecher Thomas Sprenger. „Da brauchen wir gar keine Modenschauen stattfinden lassen.“

„Hier wo das Herz noch zählt, nicht

das große Geld!“

Den Handy-Hersteller Nokia mag das noch größere Geld nach Rumänien locken. Für Raimund Ostendorp hingegen hat das Herzliche an den Bochumern den Ausschlag dafür gegeben, in Bochum- Wattenscheid den „Profi-Grill“ zu betreiben. „Hier besinnt man sich noch auf die Grundwerte, nicht auf den oberflächlichen Schein“, sagt der frühere Gourmet-Koch des Düsseldorfer Restaurants „Im Schiffchen“. Mit seinem Imbiss, einem „modernen Tante-Emma-Laden“, versuche er eine „Symbiose aus Qualität und Herz“. Und das kommt an: „Bei mir stehen Manager und Bauarbeiter an der Theke.“

„Wer wohnt schon in Düsseldorf?“

Immerhin 580 000 Menschen, rund 200 000 mehr als in Bochum.

„Du bist das Himmelbett für Tauben.“

Für die geflügelten „Rennpferde des Kleinen Mannes“ hatten früher etliche Berg- und Stahlarbeiter einen Schlag auf dem Dach oder im Gärtchen. Und nicht nur sie. Heute gebe es im Regionalverband Bochum des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter noch „zirka 1500 aktive Mitglieder", sagt Klaus Kühntopp, Redakteur der Zeitschrift „Die Brieftaube“. In den siebziger Jahren seien es etwa zehn Mal so viele gewesen – und der Rückgang bleibe gravierend. Kurz: Der Nachwuchs bei den Taubenzüchtern fehlt. Die Zahl der wilden Stadttauben versuche Bochum durch ein „konsequentes Fütterungsverbot mit entsprechenden Ordnungsstrafen“ zu begrenzen, sagt Thomas Sprenger.

„Und ständig auf Koks.“

Gekokst wird natürlich auch in Bochum. Konnte die Polizei 2006 noch 40 Kokain-Konsumenten ermitteln, waren es im vergangenen Jahr fünf mehr. Doch die Zahl der registrierten Drogendelikte hängt offenbar auch stark von der Zahl der verfügbaren Ermittler und deren Einsatz ab. Positiv: Die Zahl der Drogentoten in Bochum hat sich immerhin halbiert – von zehn im Jahr 2006 auf fünf 2007.

„Hast im Schrebergarten deine Laube.“

Vor 100 Jahren, am 9. Dezember 1908, versammelten sich die Gründer des „1. Bochumer Schrebergartenvereins Bochum-Ehrenfeld“. Noch immer gibt es nach Angaben der Stadt in Bochum 79 Kleingartenvereine mit etwa 9000 Mitgliedern und Familienangehörigen. Nahezu 5600 Parzellen teilen sich eine Schrebergarten-Fläche von beachtlichen rund 250 Hektar.

„Machst mit dem Doppelpass jeden

Gegner nass, du und dein VfL!“

Der Fan-Beauftragte des VfL Bochum, Dirk Michalowski, gibt zu bedenken, dass Grönemeyers Lied schon 24 Jahre alt ist; seither habe sich der Fußball „ein bisschen geändert“. Doppelpässe kämen beim VfL aber schon noch vor.

Ahh! Na dann: Glück auf!

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