Reisebücher : Für Genießer und Globetrotter

Lust zu verreisen hat fast jeder. Ein entsprechendes Buch kann bereits die Vorfreude steigern. Wir stellen Lektüre zum Fest vor - very last minute.

Very-Last-Minute-Geschenk gesucht? Ein Buch geht eigentlich immer und ist auch bestens noch „auf den letzten Drücker“ zu besorgen. Insbesondere Menschen mit Fernweh schmökern gerade über die Feiertage auch gern in entsprechender Literatur. Um sich inspirieren zu lassen, bereits Erlebtes noch einmal aus anderer Perspektive beschrieben zu lesen oder anhand von Fotos Lust auf Neues zu bekommen. Die Flut der Publikationen auch auf dem Sektor der Reiseliteratur ist dabei so erdrückend, dass mancher dabei den Überblick verlieren kann. Damit der Griff ins Buchregal beim Händler nicht blind erfolgen muss, haben wir noch eine Reihe von lesens- und ansehenswerten Titeln zusammengestellt, die vielleicht den ein oder anderen von der Schmach der leeren Hände am Fest befreit. Wir stellen neben anderen auch drei Bücher vor, die das Mittelmeer zum Thema haben.

Die See an sich hat Menschen schon immer fasziniert. Vom Mittelmeer jedoch geht gerade für Nordeuropäer eine besondere Faszination aus. Wobei das Gewässer selbst nicht den Zauber auslöst, ist es doch in der Regel unspektakulär. Kein Tosen wie an der Nordsee, kaum knallige Farbspiele wie in Karibik, Südsee oder Indischem Ozean. Vielmehr sind es das für Nordlichter so betörende Klima und die Kulturen der 20 Anrainerstaaten. Und so verwundert es nicht, dass in diesem Jahr (wieder mal) eine Reihe von Autoren die Fron auf sich genommen hat, das Mare Mediterraneum aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beschreiben.

Entdeckung Eine erste Rate seiner „Entdeckungsreisen am Mittelmeer“ hat der Münchner Journalist Andreas Fischer geliefert. „Der Westen“ heißt der Band, der von der maghrebinischen Küste mit Marokko, Algerien und Tunesien schnurstracks Kurs auf Barcelona nimmt, Frankreich streift, um dann nach Anlegen auf Korsika an die italienischen Gestade führt. Fischer ist scheinbar ziellos mit dem Schiff unterwegs, geht mal hier an Land, mal dort. Doch er hat natürlich einen Plan, orientiert am Verlauf der Küsten und Gegenküsten, will vor allem auch Kontraste aufzeigen. Fischer unternimmt Erkundungen in Küstennähe, beschreibt Städte, Häfen, Natur, Menschen und politisch-gesellschaftliche Verhältnisse. Dabei vergisst er nicht, auch eine Fülle von praktischen Tipps zu geben für alle, die sich eventuell ebenso mal treiben lassen wollen. Der reichlich bebilderte Band ist in jedem Fall spannend und lehrreich, ohne dass der Autor dem Leser schulmeisterlich kommt. Wer die ungewöhnliche Mischung aus Reisebeschreibung und solider Hintergrundinformation sucht, wird mit dem Buch glücklich und kann sich auf den „Osten“ freuen, der im April kommenden Jahres erscheint. gws

— Andreas Fischer: Entdeckungsreisen am Mittelmeer. Erkundungen in Küstennähe. Der Westen. Rotpunktverlag, Zürich 2009, broschiert, 337 Seiten, 26 Euro
Mythos Das Mittelmeer wird heute zuallererst einem Mythos zugeschrieben: dem modernen Mythos vom internationalen Massenurlaub. Und Mallorca ist sein Zentrum. Aus Mallorca stammt auch Baltasar Porcel, der katalanische Schriftsteller und Mittelemeerhistoriker, der in diesem Jahr am 1. Juli im Alter von 72 Jahren verstarb. Er hat noch ein besonderes Buch über das Mittelmeer hinterlassen. Es bildet mit seinen 22 Essays – einer Mischung aus Kulturreportage, Reisebericht, historischer Skizze und literarischer Meditation – ein einmaliges Mosaik des Mittelmeerraumes, eine Spurensuche seiner Mythen und ein sinnenfrohes Abbild seiner bedeutenden Geschichte.

Das literarische Gemälde umfasst die Geschichte und Kultur von den Phöniziern bis heute und den gesamten Raum beider Küsten – von Gibraltar bis nach Palästina und Israel. In zahlreichen Details zeigt sich die ambitionierte Kennerschaft des Autors, und diese genau recherchierten Details bewahren ihn auch vor einem allzu romantischen Blick.

Faszination und Romantik des Lebens am Mittelmeer erscheinen durch die Erfahrung der Moderne getrübt. „Zwar stimmte alles, was ich geschrieben habe, einmal, ich habe es jahrelang auf verschiedenen Reisen erlebt, aber jetzt wird es nie wieder so sein, und ich werde nicht nach Istanbul fahren, wenn ich alt bin, denn der Eminönüplatz ist verschwunden.“

Für Mittelmeerreisende ist Porcels melancholische Reise ein heilsames Vademecum in eine Welt, die nie ohne Widersprüche war. Er eröffnet diese mehrfache Perspektive auf Schönheit und Grausamkeit, auf Freiheit und Diktatur, auf Lebenslust und Morbidität mit seiner katalanischen und stets gleich wissbegierigen Sicht – auf die westlichen wie die östlichen Dinge, auf das Gestern wie auf das Heute. Martin Zähringer

— Balthasar Porcel: Das Mittelmeer. Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Transit-Verlag Berlin 2009, 416 Seiten, 24,80 Euro
Duft Jahr für Jahr wollen Touristen von Padua auf der Brenta nach Venedig reisen. So, wie es Goethe in seiner „Italienischen Reise“ beschrieben hat. Und immer scheitern sie, weil man auf diesem Fluss bestenfalls bis nach Chioggia gelangt. Denn wie sollten die Touristen wissen, dass Goethe den Brentakanal meinte? Auch Hans-Ulrich Treichel tappt – so entnehmen wir seiner amüsanten Geschichte „Auf der Suche nach Venedig“ – in diese Falle. In der Traumstadt angekommen, bezieht er Quartier in einer Pension. Dort wird fleißig gebaut, am Morgen, am Abend und sogar während der Mittagszeit. Die auf dem kleinen Kanal vorbeifahrenden Gemüsetransporter, Ambulanzboote und Taxen lassen direkt unter seinem Fenster Hupen, Sirenen und Hörner ertönen, bevor sie in den Canal Grande einbiegen. Venedig kann sehr laut sein. Treichels kleines Werk ist eins von 22 Geschichten, die Maria Rinaldi für ihre Sammlung „Der Duft des Mittelmeers“ versammelt hat. Eine Fundgrube. Da beobachtet der Engländer Tim Parks an der italienischen Küste das quirlige Strandleben unter Batterien von grün-orange gestreiften Schirmen. Dort, wo die Menschen Kokosnüsse kaufen und kalte Limonade trinken und nicht, wie im vertrauten Blackpool, Suppe oder heißen Tee. Der gebürtige Amerikaner Bill Bryson hat erst mal Schwierigkeiten, überhaupt an einen Strand zu kommen. 40 Minuten wartet er am Bahnhof von Rom, um seine Fahrkarte nach Neapel zu kaufen. „Wie in den meisten öffentlichen Einrichtungen Italiens ging es dort zu wie im Tollhaus“, schreibt er und erkennt: „Um sich in einer römischen Warteschlange zu behaupten, braucht man eine Spitzhacke.“ Entsetzt von Neapel, „ein einziges Bild der Verwahrlosung“, flieht er nach Capri. Und schwelgt, „so hoch über dem Meer, dass ich das Donnern der Brandung nur als leises Flüstern wahrnahm“.

Es sind nicht nur Urlaubsgeschichten. Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia berichtet von Männern, die viel Geld bezahlen, um nachts ein Schiff nach Amerika zu besteigen. Und am Ende – „wieso fahren sie in Amerika Fiat 500?“ – begreifen, dass der betrügerische Kapitän sie nur an einer anderen Ecke von Sizilien abgesetzt hat. Guy de Maupassant erzählt in seiner Geschichte „Vendetta“, wie eine alte Sardin ihren ermordeten Sohn rächt, Orhan Pamuk zählt die Schiffe am Bosporus und beschreibt tragisch-komische Episoden in Nebelnächten.

So viel Spaß machen die Geschichten, dass man gar nicht aufhören möchte zu schmökern. Und: Man muss dazu nicht mal an einem Mittelmeerstrand liegen. Aber die Sehnsucht danach wird schon riesengroß. kai

— Maria Rinaldi: Der Duft des Mittelmeers. Die schönsten Sommergeschichten. Piper Taschenbuch, 2009, 286 Seiten, 7,95 Euro
Anleitung Es gibt Menschen, die sind auf der Suche nach dem „Paradies auf Erden“, wenn sie Urlaubspläne machen. Das gibt’s zwar nicht, auch wenn immer wieder mal davon die Rede ist, vor allem in der Werbung. Immerhin, lesend kann man dem Ziel ein wenig näher kommen. Heike Mallad, eine profunde Kennerin und Liebhaberin der Seychellen, nimmt den Leser an die Hand und beleuchtet nicht nur die Licht-, sondern auch die Schattenseiten des Inseldaseins. Entgegen aller Tourismus-Werbung von immerwährendem blauen Himmel klärt sie gleich zu Anfang darüber auf, dass das von Touristen beliebte Jahresende auf den Seychellen nicht sonnig sein wird, sondern dicke Wolken und heftige Regenschauer können eher einen Inselkoller zum neuen Jahr bringen. In ihrer sowohl den Menschen als auch der Natur gegenüber sensiblen Art erzählt die Autorin, die sich die Hälfte des Jahres auf der Inselgruppe aufhält, nicht nur Bekanntes, sondern sie verrät zum Beispiel auch Geheimnisse der schmackhaften, gesunden Inselküche.

Heike Mallads „Anleitung zum Inselglück“ will keinen Reiseführer ersetzen. Nicht nur für Seychellen-Urlauber, sondern gerade auch für Daheimgebliebene sind die Häppchen, in denen die Seychellen hier serviert werden, eine beglückende Lektüre und ein großartiger Leseschmaus. Eingepackt in viel Sonnenschein werden Land und Leute, die fremde Kultur und Natur dieses scheinbar irdischen Paradieses sicherlich auch die grauen Wintertage aufhellen: „Der Sandstrand gleicht einem perfekt gebackenen Biskuitteig, umkränzt von luftigen weißen Sahnecreme-Schaumkronen, in der Mitte geadelt durch das saftige Grün, das einlädt zum genießerischen Verweilen.“ Anna Gerstlacher

— Heike Mallad: Seychellen – Eine Anleitung zum Inselglück. FAW-Verlag, Bamberg, 2. Auflage 2009, 402 Seiten, 19,95 Euro
Stadtverführer Wer noch etwas für reiselustige Spielfreunde sucht: Nicht nur für Skatklopper ist das Kartensortiment gedacht, das der Stadtspiele-Verlag in Dresden herausgibt. Aktuellste Neuerscheinung ist der „Stadtverführer Leipzig“. Die Idee: Kartenspiele als Stadtführer – oder umgekehrt. In der kleinen Version werden auf einem Skatblatt die 32 wichtigsten Sehenswürdigkeiten einer Stadt vorgestellt. Die „Großen Stadtverführer“ sind Rommé-Spiele und führen auf vier Touren zu 110 Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Stadt. Die Informationen, die auf der Rückseite jeder Karte stehen, sind nach unserer Erfahrung sauber recherchiert und kurzweilig geschrieben. Dabei haben die Autoren Dinge ausgegraben, die manchmal selbst Einheimische nicht kennen. Die praktischen Stadtführer sind auch bereits für Berlin, Köln, München, Hamburg, Frankfurt am Main und Dresden erschienen. Für Berlin gibt es das „Rummy Card Game“ sogar auf Englisch. Die Spiele sind nach Angaben des Verlags in jeder Buchhandlung, in vielen Museumsshops, in Spielzeug- und in Outdoor-Läden zu haben. Oder in Dresden, Telefon: 03 51 / 310 18 91. gws

— Kleiner Stadtverführer Leipzig. Stadtspiele-Verlag, Dresden 2009, als Skatspiel 9,90, als Rommé-Version 14,90 Euro
Kompromiss Wer sich nun gar nicht auf ein Land bei der Wahl des Lektüregeschenks festlegen will, kann nur zum Allheilmittel für Reiselustige greifen: „400 Reisen, die Sie nie vergessen werden: Vom Amazonas bis ins Zululand“. Der Bildband ist die Fahrkarte zu ganz besonderen Zielen. Ob zentralasiatische Steppe oder Hochanden – der Bildband von National Geographic (39,95 Euro) ist etwas für Kulturliebhaber und Globetrotter. Tsp

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