Reiseliteratur : Auf Touren kommen

Für alle, die ungern zu Hause bleiben: neue Reisebücher und Bildbände

USA FÜR FILMFREUNDE

Dallas, 411 Elm Street – jeder Besucher der texanischen Metropole hat wohl schon in den fünften Stock des heutigen County Buildings hinauf geschaut. Von dort oben soll Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 die tödlichen Schüsse auf John F. Kennedy abgegeben haben. Ein Ort der Geschichte und Filmkulisse zugleich. Am Originalschauplatz hat Regisseur Oliver Stone Szenen für seinen Spielfilm „Tatort Dallas“ gedreht, der die verschiedenen Mutmaßungen über die Ermordung des US-Präsidenten aufgreift. Drehorte wie diesen beschreibt Autor Jürgen Winkler in seinem „speziellen Reiseführer“ und nimmt den Leser dabei mit auf eine Tour durch nahezu alle Landesteile der USA. Kalifornien und der gesamte Westen nehmen dabei den größten Raum ein. Doch auch die Notizen zu Locations in Florida oder New York rufen dem filminteressierten Amerikatouristen viele Filmsequenzen wieder ins Gedächtnis zurück. Da entzieht James-Bond-Darsteller Timothy Dalton im ehemaligen Wohnhaus von Ernest Hemingway in Key West einem Bösewicht die „Lizenz zum Töten“ oder Mel Gibson überquert in „Payback“ auf Rache sinnend zu Fuß die New Yorker Queensboro Bridge. Jürgen Winkler hat zwischen Hollywood und Boston Drehorte, Studios, Wohnungen sowie Grabstätten von Stars und Sternchen ausfindig gemacht. Kein Lesebuch, doch ein Werk, das man gern immer wieder mal zur Hand nimmt, um zu schmökern, sich dabei an Filme zu erinnern oder auch um geplante Reisen gezielt durch ein paar interessante Ausflüge anzureichern. Ein umfänglicher Kartenteil erleichtert das Auffinden der Drehorte. Filme, Personen und Orte sind über ein Register schnell zugänglich. In der Reihe „Spezielle Reiseführer“ sind bei Wolbern übrigens schon ähnliche Führer zu Potsdam-Babelsberg und Berlin erschienen. gws

DIE WELT FÜR WANDERER

Als Trendsetter wird sich Tagesspiegel- Autor Franz Lerchenmüller selbst nicht sehen. Doch er hat zweifelsohne ein Näschen für die Entwicklung von Reiseformen. Oder anders: Als eingefleischter Wanderer in Deutschland, Europa und einigen eher exotischen Orten auf der Weltkugel war er schon länger einer Entwicklung voraus, die jetzt in Zeiten knapperer Kassen und steigenden Umweltbewusstseins an Zuspruch gewinnt. In seinem neuesten Buch „Leichtes Gepäck“ hat Lerchenmüller seine zahlreichen Reportagen, von denen einige auch schon im Reiseteil des Tagesspiegels erschienen sind, zusammengestellt. Ob auf Natursafari in die Uckermark, eine Zwei tages expedition in Europas größte Höhle in der Schweiz oder ein paar schweißtreibende Tage auf Dominica und Martinique – zu Fuß unterwegs war der in Lübeck verwurzelte Allgäuer schon fast überall und auf vielerlei Art: mit Dichtern, als Feinschmecker, spontan, im Bildungsauftrag, geplagt von Durst und Blasen, zu Forschungszwecken, in Begleitung des inneren Schweinehunds. Mehr als 40 Wander- und Trekkingtouren beschreibt der Autor so, wie man es sich nur wünschen kann: immer sehr persönlich ohne Eitelkeit, informativ und dabei unterhaltsam. Ein Buch, das Lust macht, selbst die Stiefel zu schnüren, den Rucksack zu schultern, den unterschiedlichsten Menschen und Naturphänomenen zu begegnen. gws

POLARKREIS FÜR ABENTEURER

40 Tage durch Alaska, Kanada und Grönland am Polarkreis entlang. Fernsehmann Klaus Scherer hat nicht nur gefilmt, sondern auch einen Reisebericht ohne nostalgische Klischees verfasst, abgerundet mit historischen, politischen und ökologischen Fakten. Scherer verbringt viel Zeit mit den Inuit, schildert die Folgen des Klimawandels und genießt vor allem großartige Naturkulissen: tanzende Polarlichter, Kanufahrten oder von der Goldgräberstadt Dawson City aus auf dem Highway Richtung Norden. Der Journalist lernt eine altgediente Postfliegerin in Alaska kennen, besucht einen Enkel des Polarforschers Amundsen und auch den „Artic Elvis“. Ein kurzweilig geschilderter Streifzug mit dennoch erstaunlichem Tiefgang. WOG.

Klaus Scherer: Auf dem Polarkreis unterwegs, Taschenbuch, 220 Seiten, 30 Fotos, Frederking & Thaler 2008, 11 Euro

BIRMA FÜR TRÄUMER

„In Birma zu reisen ist eine Katastrophe. Selten habe ich eine glücklichere Reise gemacht. Beides ist miteinander verflochten, vielleicht noch schlimmer, regelrecht verzahnt, unlöslich verkettet: Die Katastrophe ist das Glück … Ruhe und Stille. Das gibt es also doch. Man hofft, dass es anhält. Und es wird viel gelacht.“ Trotz allem, möchte man das Zitat eines Reisetextes von Cees Nooteboom ergänzen, das Autor Walter M. Weiss seinen kenntnisreichen Beiträgen im vorliegenden Buch voranstellt. Birma, Burma, Union Myanmar – das gebeutelte südostasiatische Land am Indischen Ozean mit seinen unterschiedlichen Bezeichnungen gilt unter Kennern noch immer als die Region, wo man einen tiefen, weitgehend unverfälschten Blick in die Seele Asien werfen kann. Wer sich überwunden hat, Birma trotz der unsäglichen politischen Zustände zu bereisen, wird seine gewonnenen Eindrücke in den Textpassagen bestätigt finden – und angesichts der stimmungsvollen Fotos des Berliners Mario Weigt in Erinnerungen schwelgen. Wer seine Reise nach Birma noch vor sich hat – nahezu undenkbar, dass jemand eine solche Reise nicht planen möch te –, wird sich kaum im Zaum halten können, nicht umgehend die Koffer zu packen. gws

DEUTSCHLAND FÜR ENTDECKER

Die Deutsche Märchenstraße ist bekannt, und Baukunst-Fans haben sicher auch schon von der Fachwerkstraße und der Straße der Romantik gehört. Für Autowanderer und Bildungsreisende im eigenen Land gibt es aber viel mehr zu entdecken. Auch die Sächsische Silberstraße oder die Märkische Eiszeitstraße haben ihre speziellen Reize. Romantiker mögen sich für die „Himmelswege“ entscheiden, Sachsen-Anhalts archäoastronomische Kulturroute, während sich Durstanfällige auf der Bayerischen Bierstraße in Sicherheit fühlen könnten und Ballsportfans sich auf keinen Fall die Deutsche Fußball Route NRW entgehen lassen dürfen. „Ferienstraßen in Deutschland“ ist der Titel eines handlichen und sehr benutzerfreundlichen Führers mit übersichtlichen Karten, vielen praktischen Hinweisen zu Verkehrsvereinen, Unterkünften und Restaurants. Die genauen Kilometerangaben machen die Strecken gut kalkulierbar. Das Beste: Es gibt auch Alternativrouten für Wanderer, Radfahrer und Bahnreisende. Die „Deutsche Weinstraße“ wird passenderweise für Wanderer besonders empfohlen, zum Beispiel der historische Weg von Neustadt zum Hambacher Schloss. Da kann man guten Gewissens auch testen, was die Gewächse zu beiden Seiten der Straße hergeben. Bi

SÜDTIROL FÜR GENIESSER

Wer auf der Brennerautobahn gen Süden braust, hetzt an die Adria, nach Florenz oder Süditalien. Und er ahnt kaum, was ihm entgeht, zwischen Brenner und Bozen. Denn dort, im Eisack- und im Wipptal und den angrenzenden verschwiegenen Seitentälern wartet eine Landschaft für Kenner. Der gebürtige Dresdner Andreas Gottlieb Hempel präsentiert seine Wahlheimat jetzt in einem kleinen, feinen Buch. 41 Wanderungen beschreibt er. Ortsnamen tauchen auf, die man nie gehört hat. Von Ranui zur Broglesalm etwa kann man wandern, von Völs nach Ums oder von St. Jakob auf den Freienbühel. Die mit Hintergrunddetails angereicherten Tourbeschreibungen sind schön bebildert mit beschaulichen Landschaftsaufnahmen, saftige Almen sieht man, urige Bauernhöfe und immer wieder Kirchlein. Eine Gegend, in der ein Mensch zur Ruhe kommen kann. Kasteien muss er sich dabei nicht, zahlreiche Einkehrmöglichkeiten sind vorhanden. Und dort kann der Wanderer in regionaler Küche schwelgen. Adressen zum Wohnen und Speisen sind genannt, dazu gibt es Hinweise zu kleinen Museen und Sehenswürdigkeiten. Wer dieses Buch unterm Gabentisch findet, wird gleich nachschauen, ob ihm die Wanderstiefel noch passen. kai

— Jürgen Winkler (Text und Fotos): USA, der spezielle Reiseführer. Wolbern Verlag, Potsdam 2008, 390 Seiten, 22,80 Euro

— Franz Lerchenmüller: Leichtes Gepäck – Wandern und Trekking in Deutschland und der Welt. Delius Klasing Verlag, Bielefeld, Oktober 2008, 270 Seiten, 19,90 Euro

— Mario Weigt (Fotos), Walter M. Weiss (Text): Burma. Stürtz Verlag, Würzburg 2008, 136 Seiten, 16,95 Euro

— Andreas Gottlieb Hempel: Erlebnis Eisacktal. Wandern, einkehren, Kultur entdecken. Folio Verlag, Wien–Bozen 2008, 137 Seiten, 12,50 Euro

— Wolfgang Rössig: Ferienstraßen in Deutschland. Polyglott Special 2008, 256 Seiten, 14,95 Euro

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