Reisen, die heilen : „Alt-68er gehen nicht zum Kurkonzert“

Warum Rentner heute andere Ansprüche haben und wie sich die Branche darauf einstellt.

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Ralf Baumbach ist Geschäftsführender Gesellschafter der Mediplus Gruppe in Bonn.
Ralf Baumbach ist Geschäftsführender Gesellschafter der Mediplus Gruppe in Bonn.Foto: promo/mediplus

Herr Baumbach, unsere Gesellschaft wird immer älter, da dürften Sie sich doch als Anbieter von Wellness- und Kurreisen vor Freude die Hände reiben?
Naja, es ist keine einfache Zielgruppe. Menschen, die jetzt älter werden, haben eine große Reiseerfahrung und sind sehr anspruchsvoll. Manche, die jetzt im Vorruhestand sind, waren früher als Backpacker unterwegs. Die haben viel von der Welt gesehen und ganz andere Vorstellungen, als Menschen die vor 20, 30 Jahren zur Kur gefahren sind. Das heißt: Unsere Produkte müssen immer differenzierter werden.

Die Differenzierungen merkt man ja schon beim Blättern in Ihrem Katalog. Da gibt es Wellnessreisen, Akivreisen, Präventionsreisen, Kurreisen. Durchschaut noch jemand die Unterschiede?
Die Übergänge sind fließend. Wenn jemand beginnt, sich für seinen Körper zu interessieren, fängt das oft mit Wellness an. Da lässt er sich die eine oder andere Massage geben und merkt, dass es ihm guttut. Die Gesundheitsreisen führen dann in Kurorte wie zum Beispiel Bad Füssing, wo es auch Behandlungen gibt, für die die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Kurreisen beginnen dagegen mit ärztlichen Eingangsuntersuchungen und beinhalten dann drei bis vier Anwendungen pro Tag. Der Kurgast reist auch meist allein. Zu Präventionsreisen gehören Kurse, die die Krankenkassen mit 150 Euro pro Jahr bezuschussen.

Das sind dann wohl so Kurse wie Rückenfit, Yoga oder autogenes Training. Aber die kann man doch auch am Wohnort belegen.
Ja, aber nach so einem Kurs macht jeder weiter wie bisher. Das belegen Studien. Wenn der Mensch sein Verhalten ändern will, seine Ernährung umstellen zum Beispiel und mehr Sport treiben, dann muss er mal raus aus seiner gewohnten Umgebung. Große Unternehmen sponsern ihren Mitarbeitern oft den Besuch im Fitnessstudio. Man hat aber festgestellt, dass die Nutzungsquote da unter zehn Prozent liegt. Wenn die Menschen eine Verhaltensänderung erreichen wollen, müssen sie einfach mal wenigstens eine Woche lang raus. Da lernen sie dann, sich vernünftig zu bewegen und zu ernähren. Beides gehört ja zusammen. Damit beugt man Herz-Kreislaufleiden vor, die heute 60 Prozent aller Krankheiten ausmachen.

In Ihrem Katalog dominieren Angebote in Deutschland.
Das liegt daran, dass die meisten Menschen etwa für Präventionsangebote nicht so weit fahren wollen. Die Trainer für Physiotherapie brauchen auch Zertifikate, die gibt es eher in Deutschland. Bei Kuren ist das schon anders.

Die klassischen Kurorte gelten häufig als angestaubt. Menschen um die sechzig scheuen den Aufenthalt dort, weil sie glauben, dort mit sehr, sehr alten Menschen zusammenzutreffen. Da fühlen sie sich dann nicht wohl.
Orte, die auf die Anziehungskraft von Kurkonzerten oder Kurpromenaden bauen, haben verloren. Das Klientel dafür stirbt langsam aus. Ich kann mir keinen Alt-68er vorstellen, der zu einem Kurkonzert geht. Aber viele Orte wandeln sich. Sie bieten sehr gute Wellnesshotels mit ausgezeichneter Küche, Freizeitangeboten und Thermen. In Bad Kissingen etwa gibt es das sehr beliebte Hotel Frankenland, ein Vier-Sterne-Plus-Haus. Die Gäste wählen eher ein Hotel, das ihnen entspricht als den Ort.

Früher standen Orte für bestimmte Heilanwendungen. Rheumakranke fuhren woanders hin als Menschen mit Bluthochdruck oder Hautproblemen. Ist das noch so?
Nein, heute versucht jeder Kurort, für alle Krankheitsanzeigen gerüstet zu sein. Nur wenige Orte sind spezialisiert, etwa Bad Meinberg für Tinnitus oder Bad Bertrich für Venen- und Gefäßkrankheiten.

Ihr Unternehmen, 2001 gegründet floriert. In diesem Jahr haben Sie mehr als 70 Millionen Euro Umsatz gemacht, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. 200 000 Menschen haben bei Ihnen gebucht. Aber die großen Veranstalter haben die sogenannten Best Ager ja auch längst entdeckt. Wie grenzen Sie sich da ab?
Wir haben 2003 als erste ärztlich begleitete Reisen angeboten. Das haben heute viele Veranstalter im Programm. Doch bei den Präventions- und Kurreisen verfolgen wir unser Konzept. Wir beobachten den Markt und achten sehr auf die Hotels, die wir anbieten. Wenn wir drei- oder vierstellige Gästezahlen in einem Hotel haben, können wir mehr Einfluss nehmen auf die Qualität. Bei zwei, drei Gästen in einem Hotel funktioniert das nicht. Außerdem darf man nie stehenbleiben, ständige Innovationen sind notwendig. In Bad Birnbach gibt es zum Beispiel einen sogenannten Vital Camping Platz an einem Naturbadesee. Da kann man im Wohnmobil wohnen, aber auch in kleinen Häuschen. Das läuft super.

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