Reisetagebuch Tag 1 : Was will man Meer?

Unser „Redakteur zur See“ Reinhart Bünger hat in Windeseile seine Reisevorbereitungen für die Atlantiküberquerung mit der „Sea Cloud II“ von Las Palmas nach Barbados abgeschlossen.

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Von Las Palmas (Gran Canaria) führt der Kurs der Sea Cloud II über den Atlantik bis nach Bridgetown (Barbados).
Von Las Palmas (Gran Canaria) führt der Kurs der Sea Cloud II über den Atlantik bis nach Bridgetown (Barbados).Foto: Tsp

Mittwoch, 28. November 2012

 Geschafft, aber nicht restlos: Das große Abenteuer beginnt, die Überquerung des Atlantiks mit einem Großsegler. Für mich ein Kindheitstraum, seit Robinson Crusoe in einem Fernsehmehrteiler im ZDF Schiffbruch erlitt. Und so malerisch. Wir wollen mal lieber nicht an die „Bounty“ denken, die im Wirbelsturm Sandy vor einigen Wochen auf Grund ging. So oder so: Ein wenig Prophylaxe kann jetzt nicht schaden.

Heute Abend verlässt die „Sea Cloud II“ Las Palmas. Seit gestern werfe ich Arlevert ein, ein Medikament mit dem Wirkstoff Cinnarizin, das auch zur Behandlung von Störungen des Gleichgewichtsorgans beziehungsweise des Innenohrs eingesetzt wird.

Was sagt der Seewetterbericht? In den nächsten 24 Stunden ist mit Starkwind zu rechnen. Die Bilder eines amerikanischen Wettersatelliten zeigen einen strahlend blauen Himmel über den Kanarischen Insel. Das soll mir auch recht sein: Friede, Freude und hoffentlich leckere Eierkuchen vom Schiffskoch.

Die vergangenen Tage waren ja auch heftig genug: Mit jedem Punkt, den ich auf der To-do-Liste an Reisevorbereitungen streichen konnte, schienen zwei neue hinzukommen. Wie im wirklichen Leben: 1 Prozent Vorfreude, 99 Prozent Arbeit.

Gestern konnte ich meine ziemlich abgerockten Koffer in der Pestalozzistraße vom Täschner abholen. Der Mann ist ein Zauberer. Er bekommt alles wieder hin. Gleich nach meiner Frau liebe ich meine Koffer. Seit 25 Jahren sind sie meine Begleiter – angeschafft für ein Praktikum während des Studiums in Zürich. Sie hatten beide bereits zwei Mal Totalschäden – die Holzrahmen waren gebrochen. Abgerissene Gurte, aufgeschlagene Ecken – je hochpreisiger die Fluggesellschaft, desto größer die Warteschlangen bei der Reklamation am Schalter.

„Oh ,Sea Cloud II' – das ist ja toll.“ Mein Hausarzt war ehrlich begeistert, als es  –  ebenfalls gestern, immer auf den letzten Drücker – um die Pillen ging. Er ist begeisterter Segler. Ruckzuck war der Blutdruck gemessen: alles im Normalbereich. Zahnschmerzen? Keine. Der Arzt entließ mich mit einem ehrlichen „Mast- und Schotbruch – und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.“

Nun also zum Kofferpacken. Hoffentlich findet sich Zeit zum Lesen an Bord: „In Bedrängnis“, der Roman von Richard Hughes geht auf jeden Fall mit an Bord. Es geht darin darum, dass der  Dampfer „Archimedes“  in der Karibik in einen Hurrikan gerät, der vier Tage dauert. Die Todesangst der Seeleute auf dem Frachtschiff, der Kampf mit Natur und Technik sind das Thema. Das lese ich zuerst. Schließlich betreibe ich ja Prophylaxe mit Arlevert, da kann ruhig etwas schief gehen. Es muss ja nicht gleich ein Untergang sein.

Die Koffer sind endlich gepackt. Jetzt kann´s losgehen!
Die Koffer sind endlich gepackt. Jetzt kann´s losgehen!Foto: Reinhart Bünger

Nummer zwei auf der Leseliste ist „Die Taschen waren voller Geld“ von Frauke Wilhelm, erschienen in der Edition Temmen: Hafen- und Rotlichtgeschichten von der Bremer „Küste“ in den 50er und 60er Jahren – als in dem Bremer Altstadtviertel, in dem ich groß wurde, noch betrunkene Seeleute singend um die Häuser zogen (im Bremer Stephaniviertel steht bis heute das „Seemannsheim“).

Nummer drei ist ein Sachbuch: „Piraterie von der Antike bis zur Gegenwart“ von Volker Grieb und Sabine Todt. Mal sehen, ob es auf der Überfahrt einen Piratenabend an Bord gibt. Man muss ja auf alles gefasst sein. Augenklappe, Ohrringe, eine passende Kahlkopfbedeckung und ein schrilles Shirt sind jedenfalls schon einmal eingepackt. Wir können ablegen – Fernglas und Kompass kommen noch ins Handgepäck. Und eine Zwiebel. Die schneide ich mir auf, wenn ich eine Erkältung bekomme, und lege sie mir unter das Bett. Ein altes Hausmittel. Mehr ist nicht zu tun: Auf hoher See ist man in Gottes Hand.

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