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Reisetagebuch Tag 16 : Landgang statt Seegang

14.12.2012 10:27 Uhrvon
Alles Gute hat sein Ende. Nach 5359 Kilometern Atlantikfahrt holt die Crew die Segel ein.Bild vergrößern
Alles Gute hat sein Ende. Nach 5359 Kilometern Atlantikfahrt holt die Crew die Segel ein. - Foto: Reinhart Bünger

„Bridgetown, here we come.“ Unser letzter Reisetag auf See ist angebrochen, der vierzehnte. Wir möchten gar nicht ankommen. Doch am frühen Nachmittag taucht Barbados am Horizont auf.

„Die See sieht heute aus wie Quecksilber“, sagt eine mitreisende Schweizerin, „nur die Oberflächenspannung ist nicht ganz identisch.“ Das kann man wohl sagen: In der Nacht soll das Schiff, das unter Motor fuhr, schwer gerollt haben. Wieder sind einige TV-Flatscreens von Passagieren aus den Sekretären gefallen. Seit dem frühen Morgen kümmert sich ein Begrüßungskommando um uns: Zwei Möwen umkreisen unseren Rahsegler – sicheres Indiz, dass Land bald in Sicht ist. 70 Seemeilen sind wir noch entfernt und froh, dass Barbados noch nicht zu sehen ist.

28 Grad Celsius Außentemperatur, Nordostwindstärke 6 – bestes Segelwetter. Ausgerechnet jetzt, wo alles so schön läuft, geht die Reise zu Ende! Ein Passagier hat sich von unserer Beauty-Queen Urs eine Fußzonenreflexmassage angedeihen lassen und freut sich über sein wieder funktionierendes linkes Bein.

Bei Helmuth schlagen die Antibiotika an, und er hält seine Zahnschmerzen aus. Norbert freut sich über die Windstärke sechs.

Nur rund ein Drittel der Transatlantikfahrer bleibt in Barbados an Bord und hängt noch eine Woche dran. Die meisten Passagiere lassen sich nach Deutschland zurückfliegen. Für sie ist der heutige Tag ein Abschluss, für viele auch der emotionale Abschluss des Jahres. „Den Stress mit Besichtigungen an Land, den tue ich mir nach dieser Fahrt nicht an.“ So sprechen viele.

Zeit für Muße

Das Publikum, das mit „Sea Cloud“ oder „Sea Cloud II“ auf eine Crossing geht, ist speziell: Es sind Gleichgesinnte an Bord. Mehr oder weniger. Sie wollen segeln. Und sie suchen die Ruhe in der Weite des Atlantiks. Gleichwohl: Wer wollte, fand an Bord auch viel Abwechslung. Vorträge, Konzerte, Themenabende – das gibt es nicht nur auf großen Kreuzfahrtdampfern, sondern auch auf der „Sea Cloud II“, allerdings im Maßstab entsprechend verkleinert.

Wer auf diesem Schiff allerdings auf Animateure wartet, die ihn von morgens bis abends bespaßen, ist fehl an Deck. Was macht man denn da nur so den ganzen Tag auf einem Segelschiff, das 14 Tage lang ohne Landgang mit Passagieren unterwegs ist, die man nicht kennt und von denen man einige vielleicht auch gar nicht kennen möchte? Diese Frage wird Passagieren oft gestellt, die über zwei Wochen auf dem Atlantik mit sich unterwegs sind. Die Antwort ist einfach: Jeder macht, wie er denkt, und doch bildet sich in nur wenigen Tagen eine funktionierende Gemeinschaft, die sehr viel miteinander zu besprechen hat.

Bei einer überschaubaren Zahl von einigen Dutzend Passagieren redet schnell jeder mit jedem. Und da wir ja unserem häuslichen Umfeld und unseren Bürogemeinschaften davon gesegelt sind, können wir an anderen Stellen wieder andocken. Das bringt ziemlich viel Spaß, sich mit neuen Menschen, deren Ansichten, Einstellungen und Berufen zu beschäftigen, ihren privaten Wünschen und Erlebnissen. Weil das alles ohne Zeitdruck, ohne berufliche oder persönliche Verpflichtungen vonstatten geht. Karten, Schach oder Backgammon spielen – das geht natürlich auch. Und dann sind da die wunderbaren Mahlzeiten und Abende im Freien. Die Sterne, die See, der Mond – so banal es klingt, einfach nur Schauen kann sehr schön sein. Es muss nicht immer gesprochen werden, um etwas zu sagen oder zu hören. Kurz: An Bord lernt ein jeder – es sei denn, er will es nicht lernen – dass es nicht immer und überall wichtig ist, etwas zu tun.

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