Reisetagebuch Tag 3 : Vor Madeira einen Haken schlagen

Auf der „Sea Cloud“ über den Atlantik. - Tag 3: In der Nacht zum Montag werden die Uhren wegen Passierens der nächsten Zeitgrenze eine Stunde zurückgestellt. Erleichterung herrscht an Bord aber wegen ganz anderer Dinge.

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Nur etwas für Schwindelfreie: Segel einholen auf der Sea Cloud.
Nur etwas für Schwindelfreie: Segel einholen auf der Sea Cloud.Foto: Reinhart Bünger

Tag 3, Sonntag, 4. Dezember 2011

 Position um 8 Uhr morgens:

34 Grad, 8 Minuten nord

13 Grad, 0 Minuten West 

300 Seemeilen westlich von Casablanca (Marokko)

130 Seemeilen nordöstlich von Porto Santo

Wassertiefe: 3650 Meter

Seegang aus Nordost Stärke 4

Durchschnittliche Fahrt 8,4 Knoten

Gesegelte Gesamtdistanz bis 8 Uhr früh seit Abfahrt: 202 Seemeilen

Wind: Stetig über Nordost mit gerade noch Stärke 5.

 

Auf großer Fahrt
Es heißt: "Leinen los" für die Sea Cloud.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Hansa Treuhand
21.01.2010 00:00Es heißt: "Leinen los" für die Sea Cloud.

Allgemeine Erleichterung an Bord – zumindest unter den Passagieren: Die Schaumkronen auf den Wellen sind über Nacht zu Schaumhäubchen geschrumpft. Zunächst sieht es so aus, als müsse der Diesel angeworfen werden. Doch nun weht der Wind stetig und treibt die „Sea Cloud“ bei bedecktem Himmel auf den sonnigen Horizont zu. Vorfreude auf die Passatwinde macht sich breit: Es hat den Anschein als werde es wärmer. Der zunächst graue, dann zunehmend tiefblaue Atlantik verliert für uns Landratten langsam seinen Schrecken, Entspannung macht sich breit. Jetzt kann man mal so richtig den Blick schweifen lassen. Hallo, könnte der weiße Schaum dort achtern etwa das Auftauchen eines Wals gewesen sein?

Doch so weit sind wir noch nicht. Zunächst einmal geht es darum, die „Sea Cloud“ östlich an Madeira (Portugal) vorbeizumanövrieren. Die wie ein Strich gezogene Ideallinie für unsere Route von Portimao (Portugal) nach St. Paul’s (Antigua) ist nämlich nicht zu halten. Jedenfalls nicht, wenn der 80 Jahre alte Edel-Oldtimer segelnd, also ohne Maschinenkraft, dorthin bewegt werden soll. Dem Wind hat wohl niemand etwas von der Ideallinie verraten. Und so muss auf der Seekarte immer wieder mal ein Haken gezeichnet werden, um die richtige Brise aus der richtigen Richtung einzufangen.

Früher war es bei Atlantiküberquerungen nicht üblich, Mannschaft und Passagieren zu sagen, wo man sich auf See befindet. Möglichen Panikattacken unter den Passagieren oder einer Meuterei der Besatzung sollte so der Wind aus den Segeln genommen werden. Auf einem Schiff wie der „Sea Cloud“ darf und muss das anders sein.

„Ja, wo sind wir denn eigentlich inzwischen?“ Diese Frage wird öfter im heute gut besuchten Frühstücksraum gestellt. Pünktlich um 9.30 Uhr soll es jetzt jeden Morgen ein Briefing über unsere momentane Position in Raum und Zeit geben. Der erste Offizier Christian Haas hat dafür heute Vormittag die für  jede „Landratte“ verständlichen Worte gefunden. „Um schneller die Passatwinde zu erreichen, die nördlich und südlich des Äquators wehen, werden wir das Röckchen hochheben und bei fünf bis sechs Windstärken die nördlich geplante Route verlassen.“

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