Bordpianist mit Faible für Filmmusik

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Reisetagebuch Tag 5 : „Wo ist meine Heimat, wo bin ick to Hus?“
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Die Mannschaft hat die Segel etwas zurückgenommen. Die Sea Cloud soll sieben bis acht Knoten laufen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Mannschaft hat die Segel etwas zurückgenommen. Die Sea Cloud soll sieben bis acht Knoten laufen. Nicht mehr, aber auch nicht...Foto: Reinhart Bünger

Helge hat ein breites Repertoire drauf, auf Noten kann er meist verzichten. In der Regel spielt er eineinhalb Stunden vor dem Essen und eine halbe Stunde nach dem Essen, nachmittags und abends. „Ich werde täglich so auf vier bis fünf Stunden kommen“, sagt der gebürtige Österreicher, der in Deutschland aufgewachsen ist. Seit sechs oder sieben Jahren ist der 35-Jährige als Bord-Pianist unterwegs. Sein Repertoire hat er breit angelegt, weil er irgendwann den Eindruck hatte, dass er ständig das Gleiche spielt. „Aber ich will ja auch meinen Spaß haben.“ Ein besonderes Faible hat Helge Herr für Filmmusiken und da besonders für Melodien aus der „Fabelhaften Welt der Amelie“. Helge war ein bisschen aufgeregt vor seinem ersten Einsatz. „Die Technik ist neu für mich und ich wusste noch nicht, wie es klingt“, sagt er. Außerdem sei ein Bord-Pianist an Bord eines „Sea Cloud“-Schiffes im engen Kontakt mit den Passagieren. Die wollen, auch während er für sie spielt, mit ihm sprechen. Auf dieses Multitasking muss er sich noch einstellen. Während des Spielens schaut er gerne auf den Atlantik. Das lässt eine Repertoireerweiterung in Richtung Stummfilmmusiken zu: Helges Klavier müsste für den Seegang – der die Handlung wäre – nur noch die musikalische Unterströmung finden.

Zuzutrauen wäre es Herrn Herr. Als sich vor dem Abendessen ein auf Gästen zusammengesetzter 12-köpfiger Shanty-Chor vor der Bar und Helges Klavier versammelt, klappt die Improvisation schon 1A. „Wo wollt Ihr singen?“, fragt er. „So in der Mitte“, lautet die mehrkehlige Antwort und schon ist Stimmung: „Wo die Nordseewellen springen an den Strand, dor is miene Heimat, dor bin ick to Hus.“ Nick aus der Nähe von Boston hat zwar kein Wort verstanden, und kennt noch nicht einmal die Zeile „There's plenty of Gold, so I've been told – at the Banks of Sacramento.“ Doch welche Gefühle die Ausreise seiner Vorfahren bestimmten, das hat er jetzt gespürt. Man hört eben nur mit dem Herzen gut.

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