Reiseträume : Jeder in seine Welt

Mal abgesehen von Werbeslogans und PR-Lyrik hat doch jeder noch einen Reisetraum, dem er nachhängt. Den er bisher – aus welchen Gründen auch immer – noch nicht verwirklichen konnte. Tagesspiegel-Autoren haben mal aufgeschrieben, woran sie denken, wenn sie die Reiselust schüttelt.

Das Taj Mahal ist für viele ein Reisetraum.
Das Taj Mahal ist für viele ein Reisetraum.Foto: dpa

Zwiespalt Indien
Seit ich als Teenager Hermann Hesse verschlungen habe, wollte ich nach Indien. Damals war es noch weit, weit weg. Aber es gab Annäherungen in Gestalt von Räucherstäbchen, wallenden Hippieklamotten und gläsernen Armreifen. Vom Kamasutra nicht zu reden. Wie oft habe ich seitdem einen Reisekatalog in der Hand gehabt, träumend auf den Tadsch Mahal geblickt – und die Broschüre dann doch wieder zurückgelegt. Die Lektüre des Bhagavad Gita oder von Arundhati Roys wunderbarem Buch „Der Gott der kleinen Dinge“ hat ebenso wenig genützt wie „Slumdog Millionaire“ im Kino, das Anhören der Musik Ravi Shankars oder Besuche in indischen Restaurants. Wie oft habe ich eine Indienreise auf meiner persönlichen To-do-Liste mit rotem Ausrufezeichen an die Spitze gesetzt.Ich bin in vielen Ländern gewesen. Indien ist bislang ein Traum und sollte vielleicht einer bleiben. Immer wieder erzählten mir Freunde, dass sie es schrecklich fanden: die Armut, der Schmutz, die Ungerechtigkeiten. Aber ich habe auch über andere Länder schon Schlimmes gehört, um dann doch positiv überrascht zu werden. Vielleicht muss dieser Traum noch ein bisschen wachsen, bevor ich ihn mit der Realität konfrontiere. Kann sein, dass ich nie dorthin komme. Vielleicht aber auch schon im nächsten Urlaub. Elisabeth Binder

Endlich auf den Brocken
In diesem Sommer ist er dran. Endlich. So lange schon will ich auf diesen Berg. Aber immer wieder wurde der Brocken aufgeschoben, verlegt, hintangestellt. Das liegt ein bisschen an mir, vor allem aber an dem Berg. Man kann ihn nicht einfach buchen wie zum Beispiel die Bahamas. Der Brocken ist – schon bei der Planung – eine Herausforderung. Zunächst ist die Jahreszeit zu bedenken. Fährst du zu spät, liegt schon Schnee. Fährst du zu früh, liegt noch Schnee. Dazwischen tastest du im Nebel herum. Die Kunst ist es, einen der wenigen Tage zu erwischen, an dem du eine Sicht hast auf dem Brocken. Zudem ist zu klären: Wie kommt man hinauf?

Die Brockenbahn ist nur etwas für Gebrechliche, Faule oder Japaner. Kein Dichter ist von Schierke aus die Brockenstraße gegangen. Schon der Name ist ja eine Zumutung. Goethe hatte, von Torfhaus aus, nicht die schönste Strecke gewählt. Bleibt der Weg, den Heinrich Heine genommen hatte: durchs romantische Ilsetal (nachlesen beim Dichter!). Aber um zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein, müsste man um drei Uhr früh in Ilsenburg starten. Findet man den Pfad dann ohne Taschenlampe? Und, bricht man auch auf, wenn es in Strömen regnet? Ach, genug der ewigen Zweifel. Brocken, ich komme. Hella Kaiser

Zu Knuts Verwandten in die Arktis
Traumziele? Na ja, nirgends landet man so schnell auf dem Boden der Tatsachen wie bei der Ankunft an einem dieser vermeintlichen Traumziele. Immer ist alles komplett anders, als man sich es vorgestellt hat. Etwa Samoa in der Südsee. Noch nie ist unsereins beklaut worden im Urlaub, aber dort, in der offenen Fale-Basthütte am Strand. Das persönliche Dorado sieht doch irgendwie anders aus. Etwa auf den Kapverden, genauer auf der Insel Boa Vista, an der ollen Containerkneipe mit den klapperigen Plastikstühlen am Hafen. Und schon lange hatte ich nicht mehr so viel Sonne im Herzen wie im wolkenverhangenen Vancouver. Längst packe ich keine Erwartungen mehr ins Gepäck. Und reise trotzdem immer noch voller Leidenschaft. Einmal im Leben will ich da hin, wo die Verwandtschaft von Berlins Kulteisbär Knut herkommt: in die Arktis. Den Pol, die Kälte, die Naturgewalten, das Eis erleben, solange es das alles noch zu erleben gibt. Annette Kögel

Schiff ahoi!
Das eine, einzige Ziel, das persönliche Shangri La – gibt’s das? Ganz bestimmt! Zumindest so lange man nicht dort gewesen ist. Und möglicherweise hat der Traum sogar darüber hinaus Bestand. Doch es muss ja nicht unbedingt das Land, die Region, die Stadt sein, wohin man sich sehnt. Oft ist eben doch der Weg das Ziel. Da gab es einen Traum, der ist erfüllt – und der Zauber ist bis heute geblieben: Atlantiküberquerung mit dem Schiff und dann beim Morgengrauen in den Hafen von New York City einlaufen – Hudson River, Verrazano Narrows Bridge, Freiheitsstatue, Ellis Island und (vor zehn Jahren noch) die Twin Towers. Ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Ähnlich und doch ganz anders, ein bisher unerfüllter Wunsch: mit Frachtschiffen einmal um die Welt. Ganz ohne Schnickschnack oder romantische Anwandlungen. Nur so von Hafen zu Hafen gondeln. Wo’s passt, aussteigen, bleiben, in Atmosphäre baden, auf den nächsten Frachter warten. Träum’ schön weiter, Junge! Gerd W. Seidemann

Gottes Zorn am Machu Picchu
Die Sehnsucht nach Machu Picchu entstand im Frühjahr 1966, in einem kleinen Kino in Celle. Dort lief damals „Das Vermächtnis des Inka“, eine recht freie Verfilmung des Romans von Karl May mit allzu melodramatischer Handlung, aber einem fantastischen Drehort: die alte Inkasiedlung in den peruanischen Anden. Davon hatte ich noch nie gehört, ich kannte nicht ihren Namen, sah nur hingerissen diesen grün überwucherten Felskegel mit der blauschimmernden Bergkette im Hintergrund, vorne die labyrinthischen, nicht ganz durchschaubaren Ruinen – eine Ahnung von Exotik und Abenteuer keimte in mir, wie Jahre zuvor beim Schmökern in Stevensons „Schatzinsel“. Später sah ich Machu Picchu als Drehort in Werner Herzogs Konquistadorendrama „Aguirre, der Zorn Gottes“, las hier und da über den sagenhaften Ort, der seither auf meiner Traumzielliste weit oben steht. Doch leider – immer stand etwas zwischen mir und der Inka-Stadt: Erst mangelndes Reisegeld, dann die mordlüsternen Revolutionäre vom „Leuchtenden Pfad“, schließlich Familiengründung, Haus, Kind – die Reise nach Machu Picchu wurde immer wieder verschoben. Mittlerweile sollen dort täglich mehrere tausend Touristen durch die Ruinen klettern. Führe ich jetzt doch noch hin, wäre ich vermutlich enttäuscht. Andreas Conrad

Ferien auf Saltkrokan
Ferien auf Saltkrokan: Der Titel der Fernsehserie aus den 60er Jahren macht so viel Sinn wie ein weißer Schimmel. Auf Saltkrokan waren immer Ferien. Auch wenn wir in Essen Schule hatten. Den ganzen Tag draußen sein, Bötchen fahren und mit anderen Kindern trödeln – das Leben: ein Traum. Es gab keine Sehenswürdigkeiten auf der 20-Einwohner-Insel, nicht mal eine Pommesbude, und trotzdem passierte ständig was. Ein Putzeimer fiel um, ein Fisch biss an, Skrollan malte die Wände voll, Melcher, der Träumer und Witwer, kämpfte mit Alltag und Bienen. Die Menschen waren so menschlich, wie sie es bei Astrid Lindgren immer sind, die Stimmung fröhlich-melancholisch. Die pummelige Tjorven mit ihrer trockenen Weisheit und mit Bootsmann, dem wuscheligen Bernhardiner, an ihrer Seite, hatte es mir besonders angetan.

Saltkrokan gibt es nicht. Astrid Lindgren, die das Drehbuch schrieb, hat sich die Salzkräheninsel nur ausgedacht. Aber Schweden hat tausende solcher Schären. Heute wäre es ein leichtes, mit dem Billigflieger nach Stockholm zu reisen und dann mit dem Dampfer weiter. Noch immer fahre ich für mein Leben gern Bötchen, und die Ruhe einer solchen autofreien Zone könnte ich heute noch viel besser gebrauchen denn als kleines Kind.

Und doch bin ich bis heute auf keiner Schäre gewesen. „Ich bin kein Pioniergeist“, hat schon meine Mutter meinem Vater erklärt. „Ich friere zu leicht.“ Eine heiße Dusche, ein warmes Bett, ein dichtes Dach überm Kopf sind mir lieber als jede romantische Holzhütte. Vermutlich wäre es mir zu kahl auf der Schäre, kein Café weit und breit, dafür umso mehr Mücken. Und sowieso haben Inseln immer was Klaustrophobisches. Ich guck’ sie mir lieber vom anderen Ufer aus an.

Seien wir ehrlich: Welcher Erwachsene will seinen Kindertraum dem Realitätstest aussetzen? Selbst wenn ich nach Norröra führe, der Insel, auf der die Fernsehserie gedreht wurde – was nützt mir das ohne Tjorven, Pelle und Bootsmann? Susanne Kippenberger

P.S. Wer Sehnsucht bekommt: „Ferien auf Saltkrokan“ (Schweden 1962) läuft derzeit im Kreuzberger Moviemento.

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