Reykjavik : Feiern für die Hälfte

Reykjaviks cooles Nachtleben ist durch den Sturz der Krone erschwinglicher geworden. Wer wetterfest ist, kann es jetzt testen.

André Anwar

Das kleine Island ist von der Weltwirtschaftkrise stärker betroffen als irgendein anderes Land. Die drohende Massenarbeitslosigkeit scheint dem normalen Isländer aber bislang kaum auf das Gemüt zu schlagen. Im Gegenteil. „Jetzt gilt Rocken bis zum Untergang“, scherzt etwa einer der Veranstalter des fünftägigen Airwaves Musikfestivals, das für die kleine Hauptstadt mit ihren 116 000 Einwohnern mit über 100 Shows überdimensioniert wirkt, aber seltsamerweise funktioniert.

Genauso wie das Nachtleben. In den rund fünfzig Bars und Klubs der Rauchbucht – so lautet der deutsche Name für Reykjavik – wird zur Wirtschaftskrise wild gefeiert. Jeweils von Donnerstagabend bis Sonntag. KeinWunder. Die Vulkaninselbewohner gelten als trotziger Volksschlag. Bei ihren skandinavischen Nachbarn werden sie als die unverwüstlichen „Italiener des Nordens“ bezeichnet. Was im restlichen Skandinavien verpönt ist, wie das Zuspätkommen, ist hier akzeptierte Norm. Aber auch eine für nordische Länder relativ offene Herzlichkeit und eine ohne Scheu gezeigte Neugier und Lebensfreude zeichnen vor allem die jungen Isländer aus. Touristen profitieren davon in Form einer ehrlich interessierten Gastfreundlichkeit.

Woran das liegt, weiß niemand genau. Island besteht nicht nur aus introvertierten, blonden Wikingern. Das soll nur ganz früher so gewesen sein, als Norweger die Insel besiedelten. Dann aber haben sie auf ihren Plünderreisen Männer und vor allem Frauen aus der ganzen Welt geraubt und mit dem Gold auf ihre geliebte Vulkaninsel verschleppt, weshalb es heute kurze, lange, blauäugige, braunäugige, blonde und nahezu schwarzhaarige Isländer gibt.

Heute benutzen die Isländer subtilere Methoden, um Ausländer auf ihre Insel zu locken: Die exotische Kombination aus düster metallener Natur mit brodelnden Vulkanquellen und das ausschweifende Nachtleben treibt hippe Touristen in Scharen auf die Insel. Und nicht nur Urlauber kommen gerne. Auch Weltstars landen hier. „Einmal saß ich am Tisch, es war ein späterer Abend um Weihnachten herum, nur fünf Leute waren im Lokal. Vier Isländerinnen, die sich viel zu erzählen hatten und ein Mann, der sich etwas abseits über ein Glas Whisky beugte. Es war George Clooney. Er wurde einfach in Ruhe gelassen“, erzählt Yvan, ein Modefotograf aus London. Nachdenklich setzt er ein Glas Bier an die Lippen. Das erste an diesem bevorstehenden Partyabend. Wegen des Absturzes der Krone kostet es nur vier statt früher acht Euro. Auch Hotelzimmer sind mit 40 Euro pro Nacht preiswerter denn je. Zentrale Hostels kann man schon für 10 bis 15 Euro buchen.

Yvan bereist ständig Weltmetropolen wie Paris oder Rom, aber seine regelmäßigen Abstecher ins architektonisch eher an Neunziger-Jahre-Neubausiedlungen erinnernde Reykjavik lässt er sich nicht nehmen. „Wie die Leute sich hier zum Ausgehen anziehen ist spannend“, findet der Experte. „Hier bekommt man viel Inspiration.“ Island sei origineller als etwa Berlin, vor allem in der Mode. „Aber auch Musik, Partystil und die Mentalität der Menschen sind unvergleichbar“, sagt Yvan.

Dann geht es zur sogenannten Vorparty. Die 23-jährige isländische Literaturstudentin Stebba beginnt den Abend, wie die meisten Isländer, schon um halb sieben daheim in der Studenten-WG mit Freunden. Das „Anfeiern“ des Events mit mitgebrachtem Alkohol ist eine gemütliche Tradition auf der Insel.

Wer nirgendwo eingeladen ist, kann im Belly’s die billigsten Drinks der Stadt in zweifelhafter, aber lustiger Atmosphäre genießen. Diverse Plasmabildschirme flimmern an den Wänden. Etwas stilvoller ist das Boston an der Hauptstraße gleich neben dem Sputnik, einem der vielen gut sortierten Secondhand-Läden. Das Boston ist die Bar von Freunden der Musikerin Björk und wahrscheinlich deshalb ihr Lieblingsladen. Feudale Sofas und ein etwas skurril wirkendes Ambiente erinnern an die Decos der neunziger Jahre. Alles hier wirkt irgendwie unproblematisch und gemütlich. Die Küche im Lokal ist ausgezeichnet. Vor allem die deftige isländische Lammsuppe für ungefähr zehn Euro (früher rund das Doppelte) und die frischen Fischgerichte sind populär bei den Einheimischen, genauso wie der Sushi Laden an der Hauptstraße, der das normierte Standardmenü um isländische Fischrezepte bereichert hat.

Gegen halb zehn abends begibt sich Stebbas „Vorpartygesellschaft“ ins Kaffi Barinn. Der in warmen Rottönen eingerichtete, zweistöckige Nachtclub ist bei Musikern, Studenten und Models gerade der populärste Laden. Wer trendy ist, geht hin. Wie in den meisten Clubs hier wird gute elektronische Musik gespielt.

Die Leute sind tatsächlich sehr originell gekleidet. Nur wenig erinnert daran, dass Reykjavik eine Kleinstadt ist. „Vielleicht liegt es auch daran, dass es in jeder isländischen Familie zwei Musiker, Künstler oder sonst wie Kreative gibt, und alle Leute Lifestylezeitschriften abonnieren“, sagt der Barmann und grinst. Dass Reykjavik so besonders ist, findet er nicht.

Später geht es ins Tunglid, einem etwas größeren Nachtclub. „Es ist nicht immer toll hier, aber es wird immer besser“, findet Lily, eine 26jährige Kunststudentin. Sie kann hier noch lange tanzen. Offizielle Sperrstunde ist am Wochenende um 5 Uhr 30 in der Früh. Aber so ernst nehmen die Isländer das nicht. Wer zudem Glück hat, wird nach der Schließung zu einer Afterparty eingeladen: Bei einem Isländer daheim oder ins Café Cultura. Das ist dann zwar nur noch durch den Hintereingang zu erreichen. Aber man kann endlos weitertanzen – ohne Rauchverbot.

Auch in der Blauen Lagune wird manchmal gefeiert. Dann legt ein DJ die silbernen Scheiben am Uferrand auf, und die Leute tanzen unter freiem, winterlichen Himmel im vulkangewärmten, dampfenden See.

Dass die Isländer beinhart feiern können, soll auch an der erholsamen Wirkung der zahlreichen heißen Quellen liegen. Neben den natürlichen Lagunen werden die Freiluftbäder in der Innenstadt gern in Anspruch genommen. Das in den 30er Jahren erbaute Bad Vesterbaejarlaug etwa ist gemütlich und überschaubar.

Mit etwas mehr Energie – und einem Auto– lässt sich auch einer der bei Touristen eher unbekannten Badeplätze in den Bergen erreichen. Lily nimmt uns zum Seljavallalaug mit, damit wir unseren Kater auskurieren können. Der ausgediente, mit Moos umrahmte Pool liegt mitten in der wintergrauen Landscchaft Islands und wird durch das warme Wasser aus den Bergen gespeist. Wir sind zu viert. Sonst ist keine Menschenseele zu sehen. Das Panorama ist unvergesslich. Das vom wummernden Nachtleben aufgeweichte Hirn gesundet schnell.

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