Reise : Riesen kommen auf leisen Sohlen

In Botsuana beten die Menschen stets um Regen. Mit einer reichen Tierwelt gilt das Land gleichwohl als „Diamant Afrikas“.

Gesine Unverzagt
Bitte nicht füttern, heißt es in Zoos. Auf der freien Wildbahn, wie hier in Botsuana, kommt auch niemand auf die Idee, selbst wenn sich Mensch und Tier schon mal sehr nahe kommen. Fotos: Gesine Unverzagt
Bitte nicht füttern, heißt es in Zoos. Auf der freien Wildbahn, wie hier in Botsuana, kommt auch niemand auf die Idee, selbst wenn...

E in gellender Schrei reißt mich aus dem Schlaf. Was war das? Mein Herz schlägt bis zum Hals. Und wieder dieser Schrei. Es ist stockfinstere Nacht, ich liege mit offenen Augen da und lausche in die Dunkelheit. Nichts! Endlich beginnt es zu dämmern, der Tag bricht an. Erleichtert ziehe ich den Reißverschluss meines Zeltes hoch. „Habt ihr auch diese Schreie gehört?“ – „Das waren Paviane. Wir nennen sie auch unseren Weckdienst, denn immer so gegen fünf beginnen sie zu brüllen“, erklärt Stefan munter. Unser Guide ist ein wahrer Naturbursche, deutschstämmig, in Namibia geboren und aufgewachsen. In der Natur kennt er sich aus, das ist sein Leben.

Wir befinden uns mitten im Okavangodelta. Das Binnendelta ist mit 20 000 Quadratkilometern eines der größten und tierreichsten Feuchtgebiete Afrikas. Auf der Insel Xaxaba, fünf Speedbootstunden von der Ortschaft Maun entfernt, wollen wir einige Tage verbringen. Acht Zelte hat das Grüppchen kreisförmig unter hohen Schakalbeerenbäumen aufgebaut. Obwohl alle Schuhe über Nacht schön brav im Zelt aufbewahrt waren – Affen und Hyänen lieben Schuhe – ermahnt uns Stefan am Morgen, die Treter wegen diverser Krabbeltiere gut auszuschütteln, bevor wir hineinschlüpfen. Putzmunter ist er längst dabei, das Frühstück mit Rührei und Speck auf offenem Feuer zuzubereiten.

Wir sitzen nur da, benommen von der unruhigen Nacht und verzaubert von der morgendlichen Stimmung, dem diesigen Licht der aufgehenden Sonne, begleitet vom vielstimmigen Freiluftkonzert der Vögel. Nie gesehene bunte sind auch darunter.

Während Richard, der Bootsbesitzer, im Camp bleibt, machen wir mit Ron, den alle nur „Captain“ nennen, eine morgendliche Bootstour, vorbei an grasenden Impalas und an im Wasser schnaufenden Flusspferden, die uns argwöhnisch beobachten. „Wir müssen Abstand halten“, erklärt Captain, „die Hippos sind die gefährlichsten und aggressivsten Tiere hier im Delta.“ Ein drohendes Schnauben lässt uns die Fahrt schleunigst fortsetzen. Unser Ziel ist das Dorf Mokovo, wo wir bereits erwartet werden. Jeweils zu zweit steigen wir um in die einheimischen Einbaumboote, um während einer mehrstündigen Tour das Okavangodelta auf einer Fahrt mit so einem Mokoro kennenzulernen. Fast lautlos gleitet es durch das Labyrinth der Schilflandschaft. Begleitet vom leisen Plätschern beim Vorwärtsstaken im seichten Wasser, erleben die Passagiere die ungewöhnliche Vielfalt der Wasservögel buchstäblich auf Augenhöhe – Braunkehlreiher, Scherenschnabel, der Fischadler fliegt allerdings schon etwas höher. Es ist warm und die Verlockung groß, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Das empfiehlt sich jedoch weniger, denn so manches harmlos erscheinende Treibholz könnte sich als Krokodil entpuppen.

Beseelt von der Bootstour, die so schön beruhigt, kehren die Ausflügler zurück ins Camp – und entdecken nur hundert Meter vom Zeltlager entfernt drei riesige Elefanten. „Ich habe eben gelesen, als die drei Giganten plötzlich vor mir standen“, begrüßt Richard die Rückkehrer. „Die Riesen haben sich aber genauso erschrocken wie ich. Wir haben uns nur angeschaut, dabei bin ich langsam rückwärts gegangen. Daraufhin haben sie seelenruhig das Camp inspiziert, in der Mitte eine riesige Duftmarke hinterlassen und sich dann getrollt“, weiß er zu berichten und zeigt dabei auf den monströsen Haufen, den die Dickhäuter gesetzt haben. Alle anderen sind froh, nicht dabei gewesen zu sein. „Die wären nicht gekommen, wenn sie uns hier vermutet und gehört hätten“, beruhigt Stefan.

Während der Dämmerung genießen wir bei einem Cocktail den Blick auf die Wasserlandschaft, während die Sonne blutrot in ihr versinkt. „Pula“, ruft Stefan und hebt sein Glas. „Prost.“ Erstaunlich, denn Pula ist der Name der Währung. Da Botsuana größtenteils ein sehr trockenes Land ist – im Süden breitet sich die Kalahariwüste aus und weite Teile des Landes bestehen aus Salzpfannen – ist das Wichtigste zum Überleben Wasser. Daher heißt hier das Geld Regen – Pula. Wenn man sich zuprostet, sagt man ebenfalls Pula, das so viel bedeutet wie „möge es Regen geben“.

Botsuana, so groß wie Frankreich und Belgien zusammen, hat nur zwei Millionen Einwohner. 70 Prozent der Einnahmen des Landes kommen aus dem Export von Diamanten. Die demokratische Regierung, die Diamantenminen, ein funktionierendes Gesundheitssystem und überschaubare Korruption macht Botsuana zu einem Vorzeigeland Afrikas.

Für Reisende ist es indes ein teures Land. Die Artenvielfalt der Tiere soll auf jeden Fall erhalten bleiben, die Besucherzahl bleibt entsprechend begrenzt, gleichzeitig sollen jedoch hohe Einnahmen gewährleistet sein. Zudem sind die luxuriösen Lodges meist nur mit kostenträchtigen Buschfliegern erreichbar.

Zurück in Maun wartet bereits Martin mit seiner Chessna, um uns in die Leroo La Tau Lodge zu fliegen, im Nordosten Botsuanas an der Westgrenze der Makgadikgadi Salzpfannen.

Bei der Ankunft stehen zwei Jeeps bereit, um die Gäste das letzte Stück über Stock und Stein zur Logde zu fahren. Die Begrüßung ist herzlich mit einem mehrstimmigen Chor der Mitarbeiter, der in einem ausgelassenen Tanz und viel Gelächter endet. Verantwortlich für die gute Stimmung ist Limbo, ein großer, immer gut gelaunter Afrikaner, dessen Job es ist, für das Wohlergehen der Mitarbeiter zu sorgen. „Wenn das Personal zufrieden ist, sind es auch die Gäste“, lautet seine Devise. Er kümmert sich um die 500 Angestellten der sieben Luxuslodges der Desert & Delta-Safari-Gruppe. Da auch in Botsuana Aids ein großes Problem ist, bleibt auch ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung davon nicht verschont. Limbo betreut zusätzlich zu seinem Job Infizierte, klärt über Verhütung auf und besorgt kostenlos Medikamente. Ein Arzt, Eric Birkenstock, steht ebenfalls für Crew und Gäste der Hotelgruppe mit dem Buschflieger allzeit bereit.

Die auf Stelzen gebauten Chalets von Leroo La Tau befinden sich am hochgelegenen Ufer des Boteti Rivers. Zur Freude von Lodge-Eigentümer und Tieren gleichermaßen haben durch Beben hervorgerufene Erdverschiebungen bewirkt, dass der einst ausgetrocknete Fluss mit reichlich Wasser gesegnet ist. Der Blick von den Veranden der Unterkünfte auf zahlreiche Zebras und Gnus am gegenüberliegenden Ufer ist schier überwältigend.

Kurz nach der Ankunft geht es los. Das Boot gleitet den Fluss entlang, der sich durch eine grüne Landschaft schlängelt. Auf der gegenüberliegenden Flussseite stehen Jeeps bereit für die Pirsch durch den Busch. Wo soll man nur zuerst schauen – Giraffen, Zebras, Flusspferde, Impalas, Kudus und die ganze bunte Vogelwelt! Drei Zebrakadaver beweisen: Auch Raubkatzen sind nicht weit. Und wie aufs Stichwort entdecken wir plötzlich einen stattlichen Löwen. Keine Angst, der „König der Savanne“ schlummert, offensichtlich satt, im Schatten eines Baumes. Höhepunkt der Pirsch ist allerdings auf dem Rückweg die Begegnung mit Elefanten: Sie überqueren schwimmend gleich neben uns ebenfalls den Fluss.

Drei Tage im Busch sind schnell vorbei. Martin, der Pilot, ist schon wieder zur Stelle, um uns nun in den Norden Botsuanas, in den Chobe-Nationalpark, 1967 gegründet und somit der älteste Park des Landes, zu fliegen. Bereits die Jeepfahrt zur Savuti Safari Lodge soll ein Erlebnis der besonderen Art werden. Fahrer David kündigt ein außergewöhnlich schönes Tier an – und beginnt schon, sich vor Lachen auszuschütten. Dann, mitten in der Savanne, taucht ein gedeckter Tisch voller Köstlichkeiten auf, den die Hotelmitarbeiter als Willkommensgruß für ihre Gäste inmitten der Wildnis gedeckt haben. Dazu wird der obligatorische Sundowner kredenzt. Irgendwie dekadent – aber unverschämt schön während eines blutroten Sonnenuntergangs. Als dann in dieser einzigartigen Atmosphäre plötzlich das vertraute Brüllen der Paviane ertönt, heben die Gäste lediglich mit einem lässigen „Pula“ das Glas.

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