Rodeln : Wer umkippt, wird Schneemann

Die Wallbergbahn bei Rottach-Egern ist die längste Naturrodelstrecke Deutschlands. Nur Könner schaffen sie in einer Stunde.

Martin Cyris
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Hoppla, wir kommen. Auf einem Schlitten werden Erwachsene zu Kindern – und lachen über jeden Sturz. Foto: Imago

„Rechte Hacke – Rechtskurve. Linke Hacke – Linkskurve.“ Die kompakte Einweisung des workargen Schlittenverleihers gibt uns das Gefühl, nicht viel falsch machen zu können. „Ihr werd’s scho seh’n, Rodeln ist kinderleicht“, sagt der kauzige Bayer.

Wie wohl viele Erwachsene, die es am Wallberg wieder wagen wollen, haben auch wir seit ewigen Zeiten nicht mehr auf einem Schlitten gesessen. Was blieb, war die Erinnerung: Zu einer glücklichen Kindheit gehörte das Rodeln zum Winter wie die Pudelmütze auf den Kopf. Ein Heidenspaß, der für rote Wangen und so manch durchgescheuerten Handschuh sorgte. Irgendwann bekam das Rodeln dann das Image einer altmodischen und infantilen Freizeitbeschäftigung.

Doch weit gefehlt, Schlitten fahren ist kein Schnee von gestern mehr. Der Wallberg in Oberbayern ist zum Mekka für Rodler aller Altersklassen geworden. 2001 wurde die Strecke von der Wallbergbahn erstmals für Schlittenfahrer präpariert. Nach kleineren Streckenänderungen – allzu steile Abschnitte wurden entschärft und durch lange Kurven ersetzt – ist sie heute sechseinhalb Kilometer lang.

Damit ist sie Deutschlands längste durchgängig befahrbare und präparierte Naturrodelstrecke. Pistenraupen bereiten sie im Winter täglich auf. Gefrorener Boden und genügend Schnee vorausgesetzt. Laut Statistik kann am Wallberg an 40 bis 80 Tagen im Jahr gerodelt werden.

Mit einer Gondelbahn geht’s den Berg hinauf. Bevor wir an der Reihe sind, wird vor uns eine junge Frau aus der Schlange aussortiert. Sie trägt einen Minirock, Nylonstrümpfe und Pumps. Nach Meinung der Liftmitarbeiter ist dieser Aufzug für Eis und Schnee ungeeignet. Sie reden auf sie ein. „Halbnackert kannst fei net auf die Bahn“, ermahnt einer. Eine Angestellte der Wallbergbahn kommt hinzu und bietet ihr eine Skihose und festes Schuhwerk aus der Kleiderkammer der Wallbergbahn an. Die junge Frau willigt schließlich ein. Vielleicht auch, weil jetzt dicke Flocken vom Himmel fallen.

„Als Bahnbetreiber tragen wir die Verantwortung, dass unsere Gäste heil unten ankommen“, sagt Peter Lorenz, Geschäftsführer der Wallbergbahn. „Was schön fürs Auge ist, ist nicht immer gut für die Gesundheit.“ Die meisten Gäste wüssten jedoch, dass die Rodelbahn wetterfeste Kleidung erfordert.

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, erreicht ein Pärchen auf einem Doppelsitzer das Ziel in Liftnähe. Quietschvergnügt, aber von oben bis unten mit Schnee bedeckt. Der Mann trägt einen weißen Bart – einen schneeweißen, im wahrsten Sinne. Offensichtlich landete man kurz vor dem Ziel in der weißen Pracht.

In Vierergondeln geht’s in einer knappen Viertelstunde von 790 auf 1620 Meter hinauf. Ganz in der Nähe der Bergstation befindet sich der bei Skifahrern gefürchtete Glaslhang. Das Tegernseer Tal mit seinen Skipisten ist gleich nebenan. Obwohl immerhin fast 60 Kilometer von München entfernt, werden diese Erhebungen des Voralpenlandes von den Bewohnern der bayrischen Landeshauptstadt ganz unbescheiden die „Münchner Hausberge“ genannt.

Wichtig fürs Rodeln ist, neben der richtigen Kleidung, auch der richtige Sitz auf dem Schlitten. Eine Tafel an der Bergstation klärt auf: „Eine Hand am Seil, eine Hand an den Schlitten, beide Füße auf den Boden.“ Bevor wir unterhalb des „Wallbergkirchleins“ losschlittern, genießen wir das Panorama. Rottach-Egern liegt uns zu Füßen. Dunkel erstreckt sich der nahe Tegernsee, dahinter das sogenannte Oberland.

Ein königlich-bayrischer Anblick, den wir allerdings nur wenige Meter lang bewundern können. Denn dann sind wir voll mit uns und unseren Schlitten beschäftigt. Schnell wird uns klar, dass wir uns erst einfahren müssen. In jüngeren Jahren hatte es noch ausgereicht, sich auf den Schlitten zu werfen – bäuchlings, rücklings oder sogar stehend –, in einem Affenzahn den Hang hinunterzusausen und dabei unaufhörlich „Bahn frei!“ zu rufen.

Doch unser Respekt vor dem vereisten Untergrund und den Bäumen nahe der Strecke ist groß. Geschäftsführer Peter Lorenz hatte vor der Abfahrt zur Vorsicht gemahnt: „Zu viel Leichtsinn kann gefährlich werden.“ Schwere Unfälle wie etwa beim Skifahren seien beim Rodeln zwar eine seltene Ausnahme, doch auch ein verdrehtes Knie oder eine gezerrte Schulter könnten sich schmerzhaft auswirken.

Obwohl der erste Abschnitt zum Wallberghaus relativ flach ist, kippen wir mit unseren Schlitten mehrmals um. Die Strecke ist holprig. Es ist später Nachmittag, und zahllose Kufen haben kreuz und quer tiefe Spuren im Schnee hinterlassen. Da haben wir Mühe, unsere Ideallinie zu halten, geschweige denn zu finden.

Der Kontakt mit dem Schnee hat eine eigenartig enthemmende Wirkung. Bei jedem Sturz werden die Lachmuskeln unwillkürlich angeregt. Das geht nicht nur uns so, sondern auch anderen strauchelnden Rodlern. Wie kleine Kinder sitzen gestandene Männer neben ihren Schlitten, weiß wie die Schneemänner, und kichern trotz oder wegen ihrer Stürze. Ganz offensichtlich spricht das Rodeln das Kind im Erwachsenen an.

Jene, die wie Rodellegende Hackl Schorsch herunterflitzen, müssen um die Gestrauchelten herummanövrieren. Die Könner unter den Rodlern brauchen etwa 30 Minuten für die gesamte Strecke. Weniger flotte Schlitten sind erst in einer Stunde unten. „Es gibt Einheimische, die kommen schon morgens vor der Arbeit mit ihrem Schlitten unterm Arm“, erzählt Peter Lorenz.

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