Sachsen-Anhalt : Mit Gänsekiel und Goldtinte

Magdeburger Trumpf: die neue Ottonen-Schau. Spuren der Kaiser gibt’s jedoch auch im Umkreis.

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Kloster Memleben. Als Stiftung zum Seelenheil am Sterbeort von Otto I. und Heinrich I. gehörte der Konvent eine Zeit lang in die Gruppe der großen Reichsabteien. Foto: Marlis Heinz
Kloster Memleben. Als Stiftung zum Seelenheil am Sterbeort von Otto I. und Heinrich I. gehörte der Konvent eine Zeit lang in die...Foto: Marlis Heinz

Der Weg zu den Ottonen ist steinig. Und verwirrend: Nicht jeder Herrscher namens Otto ist ein Ottone. Und nicht jeder Ottone heißt Otto. Etwas Licht ins Dunkel der 1000 und mehr Jahre zurückliegenden Historie bringt die Ausstellung „Otto der Große und das Römische Reich – Kaisertum von der Antike bis zum Mittelalter“. Aber nicht nur die große Ausstellung in Magdeburg könnte Reiseanlass sein, auch die kleineren in den Korrespondenzorten. Und nicht nur die Begegnung mit den Herrschern, auch die mit dem Fußvolk, mit Schreibstubendienerinnen, Spielleuten, Holzknechten …

Mit einem Gänsekiel zu schreiben ist mühevoll: eintunken in das Tintenhörnchen, nicht zu tief, sonst tropft es; dann wird der Buchstabe aus mehreren Schwüngen zusammengefügt, die idealerweise auch noch unterschiedlich stark sein sollten. Die Besucher des Skriptoriums – also der mittelalterlichen Schreibstube – im Stadtmuseum Merseburg sitzen über Pulte gebeugt, hantieren mit den ungewohnten Federn und malen hoch konzentriert Linie für Linie nach, was auf ihrem Übungsblatt vorgegeben ist. Helga Hampel, die Museumsmitarbeiterin, die (angemeldete) Gäste auf diese Zeitreise zurückbegleitet, tröstet die Ungeduldigen. „Auch von den Ottonen-Kaisern konnten das nicht alle. Sie ließen schreiben, vorlesen und signierten dann nur noch durch eine eigenhändige Linie quer durch ihre vorbereitete Unterschrift.“

Mit ihren mühevoll erstellten Handschriften in der Tasche ziehen die Gäste quer über den Schlosshof, hinüber zum Merseburger Dom. „Ich bin die Edle Kunigunde“, begrüßt sie dort eine vornehm Gewandete. „Mein Gatte, Heinrich der Zweite, stiftete einst diesen Dom“, deklamiert sie und beschreibt im Folgenden ihre Familienverhältnisse. Die waren nicht sehr übersichtlich in einer Zeit, da Herrscher kreuz und quer durch Europa heirateten, da oftmals früh und manchmal rätselhaft gestorben wurde und schleunigst eine Nachfolge hermusste, da sich Grenzen verschoben und der Thron nicht in einer Hauptstadt stand, sondern immer dort, wo der Kaiser gerade unterwegs war.

Nun also die, nach 2001 und 2006, dritte Ottonen-Ausstellung in Magdeburg. Deren Schwerpunkt bildet diesmal das Phänomen Kaisertum. Zu den Exponaten zählen neben erlesenen Handschriften auch Elfenbeinschnitzereien, edelsteinbesetzter Goldschmuck, Ohrgehänge, Kaisersiegel oder Marmorstatuen; besondere Höhepunkte sind unter anderem das Prunkschwert, das Otto der Große in der Schlacht auf dem Lechfeld schwang, die mit Goldtinte auf purpurgefärbtes Pergament verfasste Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu, der Frau von Otto II.

Und dann wären da noch die Korrespondenzstandorte und all jene Angebote, welche die lange Zeitgeschichte in kurze Geschichten-Zeiten verpacken. Das beginnt schon vor der Tür des Museums. Durch Magdeburg führt Otto I. – auch der Große genannt – gelegentlich höchstselbst. Zugegeben, der Mantel des Otto-Guides erscheint nicht eben prunkvoll, aber die blecherne, gülden glänzende Krone hat immerhin den Vorteil, dass die Gäste ihren Anführer nicht verlieren, wenn er mit seinem Trüppchen auf dem Marktplatz steht.

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