Sachsenmetropole : Mein Leipzig lob’ ich mir!

Goethe kam 1765 als Student in die Stadt – und war sehr angetan. Wir wollten wissen, was die Sachsenmetropole heute für ein Wochenende so bieten kann.

Gerd W. Seidemann

Ach, der Berliner hat’s nicht einfach mit seiner Wochenendgestaltung. Kultur in allen Variationen, Sport, Unterhaltung – diese Riesenauswahl in der Stadt, zum Verzweifeln! Aber immer nur im Saft der eigenen (Kneipen-)Kultur köcheln, das kann es auch nicht sein. Und die Lust auf Natur im Umland hält sich manchmal durchaus in Grenzen. Die Lösung: raus in die Stadt! Zum Beispiel nach Leipzig, lediglich eine gute Stunde mit der Bahn entfernt. Und der Schiene sollte man sich unbedingt anvertrauen, statt aufs Auto zu setzen. Denn erstens ist Leipzig überschaubar, also für Fußgänger geeignet, zweitens hervorragend durch die „Bimmel“ erschlossen, drittens wunderbar mit dem (Leih-)Fahrrad zu erkunden und viertens – auf der A 9 weiß man ja nie, ob nicht just wieder ein Gefahrguttransporter zwischen Klein Marzehns und Niemegk umgekippt ist, ob am Dreieck Nuthetal nicht doch wieder gebaut wird ... Wir haben ein Leipzig-Wochenende unternommen.

Freitag: Anreise und Geschichtliches

Ja, Züge können auch pünktlich sein. Selbst die der Deutschen Bahn. Einrollen in den größten Kopfbahnhof des Kontinents um 10 Uhr 05. Das reservierte Zimmer im Hotel gleich gegenüber ist – wie avisiert – so früh noch nicht hergerichtet, doch das Gepäck wird gern schon in Verwahrung genommen. Von Zahnbürste und anderen Reiseutensilien befreit, nun auf ins Wochenende.

Nur ein paar Schritte sind es bis zu den historischen Schwergewichten. Thomaskirche: 1409 Gründungsstätte der Uni Leipzig, Heimat des Thomanerchores und letzte Ruhestätte des Thomaskantors Johann Sebastian Bach; gleich in der Nähe die Nikolaikirche, die mit den Friedens- beziehungsweise Montagsgebeten 1989 bekannt wurde.

Am Augustusplatz, einem der größten Plätze Deutschlands, spielt auf dem neu gestalteten Campus der Universität eine andere Kirche eine Rolle, obwohl sie nicht mehr zu sehen ist. Anstelle des noch im Bau befindlichen Universitäts- Hauptgebäudes stand die im Krieg weitgehend unversehrt gebliebene Universitätskirche St. Pauli. Sie wurde im Mai 1968 auf Geheiß von Walter Ulbricht („Das Ding muss weg“) gesprengt. „Ersatz“ sieht – nach quälenden Diskussionen in der Stadt – der Uni-Neubau vor. Nach Entwürfen des niederländischen Architekten Erick van Egeraat erinnert die Giebelkonstruktion mit einer Aula im Innern an die zerstörte Kirche. Auch der aus St. Pauli gerettete Altar wird demnächst von der Thomaskirche zurück an seinen angestammten Platz geholt.

Das Wetter ist nicht so doll, also verzichten wir darauf, die Dachterrasse auf dem City-Hochhaus zu besuchen. Aus 120 Meter Höhe soll man bei guter Sicht einen spektakulären Blick über Stadt und Umland genießen können. Die Uni nutzt das Hochhaus („Weisheitszahn“) übrigens nicht mehr, die Stadt Leipzig war vielmehr froh, den Henselmann-Bau von 1972 loszuwerden. Mieter ist nun unter anderem der Mitteldeutsche Rundfunk.

Zeit für eine kleine Mahlzeit. An Lokalen mangelt es wahrlich nicht. Gute Erfahrung machen wir im „Spizz“ (Markt 9); hier gibt’s leichte Kost und flotte Bedienung (abends Jazz, Funk und Boogie als Zugabe).

Wieder aufnahmefähig streben wir zum „Panometer“ im Stadtteil Connewitz. Mit der Straßenbahn eine leichte Übung (Linie 9 Richtung Markkleeberg- West bis Richard-Lehmann-Straße). Das 360-Grad-Riesenpanorama des Berliner Künstlers Yadegar Asisi zeigt in dem ausgedienten Gasometer seit März „Amazonien“, eine lebensecht gemalte Momentaufnahme aus dem Regenwald Südamerikas, gedruckt auf circa 3200 Quadratmeter Polyester. Die Schönheit und Komplexität des Dschungels wird mit Tag- und Nachtatmosphäre, tropischer Geräuschkulisse und eigens komponierter Musik täuschend echt simuliert. (Richard-Lehmann-Straße 114)

Nach der sinnlichen Erfahrung geht’s in 16 Minuten mit der Tram zum Hotel am Bahnhof. Frisch geduscht stellt sich dann die Frage nach dem Abendprogramm. „Gute Unterhaltung“ beim Sommertheater am Palmengarten verspricht die Kritikerin der „Leipziger Volkszeitung“. Sie hat recht. Hier sitzt das Publikum im Garten einer alten Gastankstelle unterm Ahornbaum und amüsiert sich wie Bolle über „Freikörperkultur“. Das kleine Ensemble heizt dem Publikum mit einem revueartigen Reigen rund um das Thema FKK ein. Getränke werden zu zivilen Preisen am Tisch serviert, eine Bratwurst gibt’s vom Grill. (Jahnallee 52, Tram 3, 7, 8, 15, Haltestelle Angerbrücke)

Sonnabend: Neuseenland und Zoo

Als hochinteressant entpuppt sich die gebuchte Rundfahrt ins „Neuseenland“ südlich von Leipzig. Der Katastrophe von Nachterstedt zum Trotz bleibt die mehrstündige Tour zu den Tagebauseen im Programm. Wie der Veranstalter versichert, bestehe hier nach menschlichem Ermessen nicht die Gefahr eines Erdrutsches. Man fahre nur auf gesicherten Wegen. Am Zwenkauer See wird auch im Infocenter alles zu den Seeplänen haarklein erklärt. Dem Pegel des neuen Gewässers fehlen heute noch 20 Meter Höhe, doch eine kleine Bootstour ist bereits möglich. Am Markkleeberger See hingegen tobt schon das pralle Wassersportleben. Die einzige Sportstätte Leipzigs, die im Rahmen der gescheiterten Olympiabewerbung 2012 fertiggestellt wurde, ist der Kanupark mit Wildwasserstrecke. Heute vergnügen sich Möchtegernkanuten und Schlauchbootfahrer auf der rauschenden Anlage, wochentags trainieren Sportler hier. Den See erreicht man übrigens auch mit der Straßenbahn 9 vom Hauptbahnhof aus.

Zurück in Leipzig, geht es, Luthers Spuren folgend, zum Mittagessen in den „Thüringer Hof“. 1454 gebaut, bald darauf Gasthof und Ausspannstation an der Kreuzung der historischen Wege Via Regia (Mainz– Breslau) und Via Imperii (Venedig–Bernau). Das Haus bot dann ab 1877 Platz für 1200 Gäste, hatte 17 verschiedene Räumlichkeiten und wurde schließlich in einem Atemzug mit dem Münchner Hofbräuhaus genannt. Im Krieg völlig zerstört, knüpft das Haus heute an alte Traditionen an. Wer sich mit Luthers Eisbein nicht anfreunden mag, findet auch andere bodenständige Kost aus der Region. (Burgstraße 19)

Jetzt aber die Füße vertreten. Obwohl, bis zur Albertina ist es nicht weit. Die zweitälteste Universitätsbibliothek Deutschlands (nach Heidelberg) wurde im Krieg zum überwiegenden Teil zerstört und in einer zehnjährigen Bauphase (1992 bis 2002) original aufgebaut, inklusive Carrara-Marmor. Eine Augenweide fürwahr, doch unglaublich aus heutiger Sicht. Unvorstellbar auch, wie eine moderne Bibliothek heute strukturiert ist. Batterien von elektronischen Arbeitsplätzen für die Studenten statt Tresen, wo mehr oder weniger verbiesterte Bibliothekare in Regalwälder schlurfen und die kleinmütig erbetene Literatur eher ungnädig herausgeben. Nahezu alles, was Studenten und Professoren lesen müssen, ist digital verfügbar. In der Ausstellung „Leipziger – Eure Bücher!“ werden übrigens derzeit die wertvollen Bestände des Hauses präsentiert, von mittelalterlichen Handschriften der Reichenau über Zeugnisse der Reformationszeit und der höfischen Kultur Sachsens bis hin zu umfangreichem Schriftwechsel von Künstlerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts wie Richard Wagner und Max Klinger. (Beethovenstraße 6)

Nach so viel Kopflast nun die leichte Kost im Zoo. Wiederum sind es nur ein paar Schritte. Die großen Pläne der Wildhüter sind noch nicht verwirklicht, doch auf gutem Wege: In „Gondwanaland“ soll für 60 Millionen Euro die Urzeit lebendig werden, als Asien, Afrika und Südamerika noch eine gemeinsame Landmasse waren. Ein Regenwald in einer Riesentropenhalle mit Baumwipfelpfad, Bötchentour und 40 Tierarten soll ab 2011 die Besucher begeistern. Vorerst nehmen wir gern mit der herumtollenden jungen Tigerfamilie vorlieb, schlendern vorbei an Elefanten und Seebären bis zur „Kiwara Lodge“. Auf die Veranda setzen, etwas zu trinken bestellen, entspannen – und ein Stück Afrika in Sachsen genießen. Der Blick schweift über die scheinbar frei laufenden Herden von Giraffen, Zebras, Gazellen, Säbelantilopen bis ins angrenzende grüne Rosental. Toll!

Abends machen wir’s uns einfach. Was dem Westfalen die Reintour (hier mal rein, da mal rein), ist dem Leipziger der Drallewatsch. Die dicht bebaute und bewohnte (!) Innenstadt animiert unweigerlich zu einem Kneipenbummel. Im Dreieck Barfußgasse, Fleischergasse, Klostergasse findet sich Essen, Trinken, Unterhaltung für nahezu jeden Geschmack. Die szenige „Karli“ (Karl-Liebknecht- Straße, südliche Vorstadt) planen wir für den nächsten Besuch ein.

Sonntag: Auf zur Industriekultur, Abfahrt

Wir wollen heute der Industriekultur im Ortsteil Plagwitz nachspüren. Eins der imposantesten der 15 672 Kulturdenkmäler Leipzigs ist die einst größte Baumwollspinnerei des Kontinents, wo sich zu Kaisers Zeiten 240 000 Spindeln drehten. Heute ist hier die dichteste Kunstszene Deutschlands zu finden, wo auch die neue Leipziger Schule zu Hause ist, die (zwar nicht alle) Kunstkenner in der Welt begeistert, auf die man jedoch in jedem Fall andernorts neidisch ist. Schier endlos, das heißt auf sechs Hektar, reiht sich hier Galerie an Galerie, Studio an Atelier, Fahrradmanufaktur an den „Laden für Nichts“ (der sich allerdings auch als Galerie entpuppt). Diese „Fabrikstadt“ ist Arbeits- und Lebensraum für mehr als 100 professionelle Künstler, für Architekten, Werbegrafiker, Möbeldesigner und Modemacher, Handwerker wie Schlosser, Tischler und Schreiner sowie unterschiedliche Dienstleister. Das geeignete Umfeld also auch für Gastronomie, Theater- und Tanz-, Kunst- und Kulturinitiativen – und nicht zuletzt individuelle Wohnlofts, von denen auch Vorzeigekünstler Neo Rauch eins besitzen soll.

Vergessen Sie das kleine Hotel in der Spinnerei – zumindest jetzt im Sommer ist es fast immer ausgebucht. Erst gegen Herbst wird es entspannter. Nun, die Traumquote erklärt sich von selbst, wenn man das „Meisterzimmer“ (Internet: www.meisterzimmer.de, Übernachtung ab 50 Euro) besucht: Es gibt nur ein Zimmer, das heißt ein riesiges Atelier, einst der Frauenwaschraum der Fabrik. Was die vielen Waschbecken in der Küchenzeile erklärt … (Spinnereistraße 7)

Abfahrt Hauptbahnhof um 13 Uhr 51. Fazit des Wochenendes: Leipziger haben es ähnlich schwer mit ihrer Vielfalt wie Berliner. Nur, Berliner haben es gut – Leipzig ist nur eine Bahnstunde entfernt.

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