Reise : Schatz der Balken

Zukunft im Zentrum: wie Deutsche Fachwerkstädte ihr biederes Image verändern wollen

Joachim Göres
Einladend. Der Gasthof „Zum Weißen Ross“ in Kallstadt an der Pfälzer Weinstraße findet auch von außen viele Bewunderer. Foto: laif
Einladend. Der Gasthof „Zum Weißen Ross“ in Kallstadt an der Pfälzer Weinstraße findet auch von außen viele Bewunderer. Foto: laifFoto: LAIF

„Fachwerk verbindet einmalige Landschaften, geschichtsträchtige Schauplätze und liebevoll restaurierte Denkmale, vor allem aber die Menschen, die darin leben, arbeiten und natürlich kräftig feiern.“ In deutschen Fachwerkhäusern ist die Welt noch in Ordnung, wenn man dem Veranstaltungsverzeichnis der Deutschen Fachwerkstraße (www.deutsche-fachwerkstrasse.de) glauben darf. An ihr liegen fast 100 Fachwerkstädte von Stade bis Meersburg und die wollen mit Viehmärkten, Schützen- und Trachtenfesten, Hutzelkirmes, Kräutermärchentagen und Nachtwächterrundgängen durch die historischen Altstadtgassen ihr Publikum locken. „Und wo könnte es schöner weihnachten als in einer anheimelnden Fachwerkidylle?“, lautet die rhetorische Frage im Prospekt der Deutschen Fachwerkstraße an den interessierten Reisenden. Angesprochen fühlt sich davon vor allem die „Generation 50 plus“, um die gezielt auch mit Oldtimerfahrten und Wohnmobilangeboten geworben wird.

„Viele Fachwerkstädte wollen von diesem manchmal altbackenen Image wegkommen und auch jüngere Reisende für sich interessieren“, sagt Manfred Gerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Historische Fachwerkstädte, in der Fachwerkstädte aus ganz Deutschland organisiert sind. Sie suchen gemeinsam Antworten auf immer drängender werdende Probleme: Bis zu 30 Prozent der Fachwerkhäuser in den Altstädten stehen leer und drohen zu verfallen, weil immer weniger Menschen dort wohnen wollen. Kleine und niedrige Räume, nur wenig Licht von außen, weder Garten noch Balkon, schlechter Standard der Einrichtung, hohe Energiekosten wegen schlechter Dämmung – das ist die Kehrseite der vermeintlichen Idylle. In zwei Jahren soll überprüft werden, inwieweit in den einzelnen Städten entwickelte Ideen aus der Misere führen.

Vor allem der Tourismus kann helfen, die bedrohten Gebäude zu erhalten, ohne die Reisenden mit Klischees zu locken – davon ist Bernd Demandt überzeugt. Der gelernte Tischler will Besucher mit der einzigartigen Architektur der Jahrhunderte alten Häuser überzeugen. In Hannoversch Münden hat Demandt 1994 für 22 000 Euro von der Stadt ein mehr als 400 Jahre altes Fachwerkhaus gekauft, es weitgehend in Eigenregie saniert und daraus ein beliebtes Hotel gemacht.

Vor allem Fahrradfahrer nutzen die 14 Zimmer auf ihrem Weg entlang der Weser. In einem anderen, bereits zum Abriss freigegebenem Fachwerkhaus hat Demandt Ferienwohnungen eingerichtet. Dabei hat er vereinzelt im Inneren alte Balken freigelegt und die Originalfarben hervorgeholt. Die beim Fachwerkbau eingesetzten natürlichen Materialien wie Lehm, Kalkfarben und Leinöle verbreiten eine besondere Wohnqualität. „Für die meisten unserer Gäste ist in erster Linie der günstige Preis und die zentrale Lage in der Altstadt entscheidend. Es gibt aber auch viele Besucher, vor allem aus den USA und aus Asien, die begeistert sind, in einem Haus von 1564 übernachten zu dürfen“, sagt Demandt.

Er war auch Mitorganisator der Reihe „Denkmalkunst“, bei der Ende vergangenen Jahres 40 internationale Künstler in leerstehenden Fachwerkhäusern in Hannoversch Münden ihre Arbeiten ausstellen konnten. „Auch eine nur vorübergehende Nutzung ist wichtig, weil dann Besucher in die Häuser kommen und sehen, welche architektonischen Schätze es hier gibt. Ein großes Problem ist, dass viele Menschen noch nie hinter die Mauern eines Fachwerkhauses geschaut haben und sich deswegen nicht für den Erhalt interessieren“, sagt Demandt.

Einige typische Fachwerkstädte haben in jüngster Vergangenheit bewusst auf andere Schwerpunkte bei der Werbung gesetzt. Fulda präsentiert sich als Barockstadt, Celle schmückt sich mit dem Titel Residenzstadt, Goslar und Quedlinburg heben ihre Auszeichnung Weltkulturerbe hervor. „In manchen Kommunen gilt Fachwerk vielleicht als zu popelig, man sucht nach klingenderen Attributen. Dabei braucht man zum Beispiel in Goslar eine Stunde für die Besichtigung der Kaiserpfalz, aber einen ganzen Tag, um die zahlreichen Fachwerkbauten zu bestaunen“, sagt Gerner, nach dessen Angaben rund ein Viertel der insgesamt 2,4 Millionen Fachwerkhäuser in Deutschland unter Denkmalschutz stehen. Er spricht von einem stabilen Zuwachs bei den Touristenzahlen in Fachwerkstädten, die vom Trend zum Kulturtourismus profitieren.

Darauf setzt auch Wetzlar. In der 52 000 Einwohner zählenden hessischen Stadt existiert seit einigen Jahren ein modernes Einkaufszentrum mit 23 500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Seitdem kommen mehr Menschen nach Wetzlar – doch nicht unbedingt in die historische Altstadt. Mit einem neuen Lichtkonzept soll den Besuchern nun auch zu den Fachwerkhäusern der Weg gewiesen werden. Zudem erinnert ein neu geschaffener so genannter Optikparcours an 20 Stationen an die bedeutende Rolle der Stadt an der Lahn bei der Entwicklung der optischen Industrie. So wurde unter anderem in einem Fachwerkhaus ein Dunkelkaufhaus eingerichtet, bei der die Kunden die Waren erfühlen müssen. Baudezernent Achim Beck: „Die Stadt muss investieren, um die Altstadt zu stabilisieren.“ Für die Städte mit den meisten erhaltenen Fachwerkhäusern wie Quedlinburg, Wernigerode oder Celle kommt Touristen eine gewichtige Rolle zu.

Für die Mehrheit der Städte geht es darum, leerstehende Häuser mit neuem Leben zu füllen. Teilweise ist die Bausubstanz nach langem Leerstand so schlecht, dass nur noch der Abriss bleibt. In Mühlhausen in Thüringen versucht man aus der Not eine Tugend zu machen. Wie in vielen Fachwerkstädten ist die Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung groß. Unter dem Motto „Genial Zentral“ wird jetzt die Neubebauung der Innenstadt geplant – in den zahlreichen Baulücken, die durch Abriss entstanden sind. Dabei werden die Grundstücke vergrößert, um junge Familien in die Altstadt zu locken. Ob dies gelingt, davon dürfte die Zukunft vieler Fachwerkstädte abhängen.

Informationen beim Verein Deutsche Fachwerkstraße, Telefon: 06 61 / 436 80, www.deutsche-fachwerkstrasse.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben