Reise : Schaukelpartie

Leicht ist es nicht, im Boot voranzukommen. Aber man lernt es schnell – und hat Spaß dabei

Lucas Vogelsang

Oh, ein Wal. Annegret Renner stellt ihr Boot quer zu den Wellen und hebt die Hand. Wir sollen warten. Der Ausflugsdampfer „Moby Dick“ schiebt sich heran. Menschen sitzen darauf, bei Kaffee und Kuchen. Mein Boot tanzt auf den Wellen, Wasser klatscht mir ins Gesicht. „Ruhig weiterpaddeln, sonst macht das Boot mit dir, was es will“, ruft Annegret. Von der anderen Seite nähert sich ein Dampfschiff mit dickem, schwarzem Schornstein. Als es am verglasten Maul der „Moby Dick“ vorbeizieht, lässt der Kapitän sein Horn ertönen. Gruß an den Kollegen. Es ist ein Sonntag im Juni. Strahlend blau ist der Himmel, das Wasser glitzert. Auf den Flüssen und Seen in und um Berlin herrscht Hochbetrieb. Endlich passieren wir die Wasserstraße, weichen Segel- und Motorbooten aus und erreichen das Ufer.

Pause. Paddeln ist anstrengender und aufregender, als ich gedacht habe. Annegret Renner lacht, während sie meinen knallgelben Seekajak an Land zieht. Sie ist Erlebnispädagogin, und für sie ist das bisschen Paddeln ein Kinderspiel. Ich lasse mich erschöpft ins Gras fallen. Es ist erst halb drei. Doch zwischen dem Aufbruch am Morgen und der Hitze des Mittags scheinen mehr als nur sechs gepaddelte Kilometer zu liegen.

Es begann gegen neun: Annegret Renner wartet in weißen Shorts, Laufschuhen und einem grünen T-Shirt vor dem Paddelklub. Auf ein deutsch-holländisches Ehepaar und mich. Kurzer Smalltalk, Uhrenvergleich. Die Boote werden bepackt, Schwimmwesten übergestreift. Nach einer halbstündigen Erklärung wird das erste Kanu zu Wasser gelassen. „Und was ist mit der Eskimorolle?“, will ich wissen. Die Paddelexpertin lacht: „Hier kann nichts passieren.“

Kann es doch. Vor uns lassen die Teilnehmer eines anderen Anfängerkurses die Boote ins Wasser gleiten. Ein älteres Paar möchte einmal um den Wannsee paddeln. Sie steht zögernd am Ufer. Er, ängstlicher Blick, traut sich – und kentert. Der Paddellehrer ruft: „Sie können doch schwimmen, oder?“

Da ist es wieder, dieses mulmige Gefühl. Hinter mir grinst ein korpulenter Rentner und sagt: „Tja Junge, Wasser hat keine Balken.“ Doch Annegret Renners Trockenübungen erweisen sich als eine gute Vorbereitung für die Tour. Sie hält den Kajak fest, hilft beim Einstieg, reicht das Paddel. Zuerst schwankt das Plastikding, in das ich mich da gezwängt habe, noch bedrohlich. Es dauert einige Zeit, bis man sich an das Schaukeln gewöhnt hat. Die Expertin fährt voraus. Und wir paddeln hinter ihr her wie Küken hinter ihrer Mutter.

Als Annegret Renner das erste Mal auf eine längere Tour mit dem Seekajak gegangen ist, hatte sie vorher nie zuvor in einem Boot gesessen. In einem Laden für Outdoor-Equipment hatte es sie ganz unvermittelt gepackt. Mit dem Geld, das sie eigentlich für ein Auto gespart hatte, kaufte sie sich ein Kanu, ein Zelt, einen Gaskocher und was man noch so braucht für Touren auf dem Wasser. „Dann bin ich einfach losgepaddelt“, erzählt sie, „auf dem Schoß lediglich einen Stadtplan von Berlin.“ Und es ging. Deshalb ist sie auch der festen Überzeugung, dass jeder – unter Anleitung – gleich mit dem Kajak auf Tour gehen kann. Gemeinsam mit dem Kanutouristiker Wolfgang Glaubitz hat sie vor ein paar Monaten „berlin-outside“ gegründet, eine Erlebnisausflugsagentur. Die beiden bieten neben einfachen Paddelkursen auch mehrtägige Ausflüge nach Brandenburg an.

Heute machen wir nur eine kleine Runde: Wannsee und Umgebung. Annegret fährt neben uns her. Sie taucht die Blätter ihres Paddels gleichmäßig ins Wasser: links, rechts, links. Nebenher bleibt noch genug Zeit für Sightseeing aus einer anderen Perspektive. Annegret deutet auf interessante Gebäude an den Ufern. Herrschaftliche Villen, in denen vor dem Krieg Schauspieler und danach Stasigrößen schliefen, alte Kirchen und ein Apartment mit Flachdach, das noch wie in den 50er Jahren eingerichtet sein soll. Nierentische und türkisfarbene Girlanden. Paddeln mit Kultur. Das ist die Idee hinter berlin-outside. „Es geht nicht um Schnelligkeit, wir wollen den Moment beim Paddeln genießen“, erklärt Annegret Renner.

Sie liebt ihren Job – und „diese Unabhängigkeit, die einem das Kanu beschert. Einfach einsteigen und losfahren“. Das will sie anderen vermitteln. Und es klappt. Vom Wasser aus gesehen, wird Normales fremd und spannend. Ein Reiher thront auf einem rostigen Poller an einer verfallenen Anlegestelle. Durch das üppige Grün der Baumkronen schimmern die roten Steine einer Ruine.

Ich würde mich jetzt gern zurücklehnen und einfach treiben lassen. Doch das Ehepaar ist schon außer Sichtweite. Und ich kämpfe mit der Steuerung, werde von den kleinen Wellen der Motorboote hin und her geworfen, fahre auf das Ufer zu. Panik. Annegret wendet und lässt sich neben mir treiben. Sie spricht ruhig: „Du musst gleichmäßig paddeln. Wie ein Uhrwerk.“ Sie korrigiert meinen Griff. „Entspann dich, wir haben keine Eile.“

Vor uns öffnet sich der See. In der Ferne zeichnet sich die Silhouette von Potsdam ab. Wir passieren Schloss Glienicke. Glänzend-weiß hinter wasserspeienden Löwen am Springbrunnen. Von der Nachmittagssonne sanft bestrahlt, wirkt das wie auf einer Postkarte aus Italien. Ich schließe die Augen und träume. Eine Gondel kommt mir entgegen.

Auskunft: Wolfgang Glaubitz, Catostraße 12 b, 12109 Berlin; Telefon: 030 / 704 25 79, Fax: 030 / 703 84 69,

Annegret Renner: Telefon (mobil)

01 76 / 67 83 96 34

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