Reise : Schaut, wohin ihr fahrt

Ägypten & Co haben die Diskussion um moralisches Reisen neu belebt – es zeigt sich das alte Dilemma

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Begegnungen mit Reisenden sind insbesondere für Menschen in Birma (hier in Bagan) von unschätzbarem Wert. Foto: gws
Begegnungen mit Reisenden sind insbesondere für Menschen in Birma (hier in Bagan) von unschätzbarem Wert. Foto: gws

Kreuzfahrten auf dem Nil, winterliches Strandvergnügen auf Djerba, Wellness am Toten Meer – nur drei Urlaubsformen an Touristenzielen, die neben anderen jetzt als „Unruhestaaten“ für Schlagzeilen sorgen. Ägypten, Tunesien, Jordanien sowie weitere Ziele in Nordafrika und dem Nahen Osten galten bisher als unbedenklich bei Reisenden. Relativ unbedenklich. Wer Zweifel in Bezug auf sein Urlaubsziel hat, dem liegt zunächst seine persönliche Sicherheit nahe. Gleichwohl: Trotz verheerender Anschläge in den vergangenen Jahren, die auch Touristenleben kosteten, haben sich die blutigen Ereignisse von Luxor (1997), Djerba (2002) oder Amman (2005) lediglich kurzfristig auf das Buchungsverhalten bei Ausländern ausgewirkt. Bedenken dazu, ob man ein Land eventuell wegen höchst fragwürdiger politischer und sozialer Verhältnisse meiden sollte, kommen hingegen nur selten bis gar nicht auf. Diese Frage stellt sich allerdings nun wegen der aktuellen Situation.

Bisher gelten als vornehmliche Maßstäbe bei der Wahl eines Ziellandes: ein ordentliches Hotel unter viel Sonne mit mehr oder weniger Kultur drumherum und das am besten zu einem möglichst günstigen Preis. Eine bewusste Form des Reisens, bei der auch sozialverantwortliche Kriterien eine Rolle spielen sollten, wird nun (wieder einmal) eingefordert. Dabei begeben sich Menschenrechtler und in der Entwicklungshilfe Engagierte allerdings nicht auf den Holzweg früherer Jahre, nach einem touristischen Generalboykott autoritärer oder totalitärer Regime zu rufen.

Etwas reifere Berliner erinnern sich noch an Proteste in den 80er Jahren während der Internationalen Tourismus- Börse (ITB). So wie man in den frühen Märztagen alljährlich beim größten Tourismustreffen der Welt mit eisigen Temperaturen rechnen musste, stellten sich auch die Grüppchen ein, die vehement für einen Boykott des Reiselandes Südafrika demonstrierten. Das Apartheidregime am Kap wurde zu Recht angeprangert, mit ihm jedoch gleichzeitig die Messe Berlin (damals noch AMK), die auch Südafrika die Möglichkeit gab, ihr „Produkt Reise“ zu präsentieren. Doch die Reihen von Touristikern und Messeleitung standen fest geschlossen. Die Instrumentalisierung der ITB als politische Waffe komme nicht in- frage. „Politik und Tourismus muss man auseinanderhalten, sonst führten wir eine ständige Zensurliste und der Tourismus wäre tot“, lautete immer das Credo des ITB-Gründers und langjährigen Messechefs Manfred Busche. Schließlich bleibe es jedem selbst überlassen, wo er seinen Urlaub verbringen wolle.

Gleichwohl, ein Denkverbot besteht für Touristen nicht. Urlaubern mit Zweifeln empfiehlt der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP): „Schaut euch genau an, wo ihr hinfahrt, kümmert euch um das, was außerhalb des Hotels und der Ferienanlage passiert, und macht euch selbst ein Bild, ob man da als Tourist auch künftig sein Geld hintragen möchte.“ Jeder, der wolle, könne sich durch Informationsmedien ein Bild machen von der Alltagssituation in den Ländern, die er bereisen möchte.

Die Liste von Ländern, in denen Tourismus zwar eine maßgebliche Rolle spielt, wo jedoch die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, ist lang. Doch wo ergäbe ein Reiseboykott überhaupt einen Sinn? Nur zwei Beispiele. Für das Reiseland China etwa, wo die geistige Freiheit des Einzelnen wenig zählt, wäre es nur ein wirtschaftlicher Nadelstich, blieben die Touristen aus. Es träfe vornehmlich die kleinen Rädchen im Geschäft, etwa Verkäufer von Souvenirs oder Hotelpersonal.

Birma, ein anderes, wesentlich krasseres Beispiel. Noch vor Jahren wurde von Menschenrechtlern angefeindet, wer in dieses wundersam-wunderbare Land unter der Knute einer Militärjunta reiste. Die Generäle, seit 1962 an der Macht, halten mittels eines abgefeimten Überwachungsapparats und allgegenwärtiger Schergen „ihr“ Volk geduckt und arm. Profite aus Bodenschätzen fließen in die Taschen weniger, dem kleinen Mann bleibt ein Durchschnittseinkommen von umgerechnet einem Euro pro Tag. Wer das Land mit offenen Augen bereist, merkt, wie sehr die Menschen Kontakt und Informationen suchen, auch auf die Gefahr hin, sich den Zorn der Staatsgewalt zuzuziehen. Gewiss profitieren die Despoten in Uniform vom Tourismus, der begehrte Devisen ins Land bringt. Noch mehr allerdings profitieren die Menschen von Besuchern, die ihnen zumindest ein kleines Fenster zur Welt öffnen, ihnen zeigen, dass es ein anderes Leben gibt als das in permanenter Unterdrückung. Wer Birma bewusst bereist, kann zeigen, dass er sich für die Menschen interessiert und dadurch auch ein wenig Mut vermitteln. Und was den vermeintlichen Wirtschaftsboykott des Landes durch die westliche Welt betrifft: Der wird von europäischen und amerikanischen Unternehmen an so vielen Stellen (via Thailand) unterlaufen, dass es wieder nur das Gros der Bevölkerung trifft.

Bedenkenträger in Bezug auf die Frage „Wo darf ich als politisch korrekter Mensch überhaupt hinreisen?“, werden sich fragen lassen müssen, wem sie schaden oder nützen, wenn sie Land X oder Y mit ihrem Nichtkommen strafen. Ja, vielleicht, möglicherweise, eventuell hätte etwa in Ägypten der Druck im Kessel der Bevölkerung längst zu einer Explosion (mit ungewissem Ausgang) geführt, wenn nicht unzählige Arbeitsplätze durch den Tourismus entstanden wären. Ja, vielleicht wären auch die Heerscharen von arbeitslosen Ingenieuren, Lehrern, Geologen, die in ganz Nordafrika notgedrungen als Reiseführer unterwegs sind, längst protestierend auf die Straße gegangen, um an den Festen der Mächtigen zu rütteln. Vielleicht. Sicher hingegen ist, dass der Tourismus eine Menge Arbeitsplätze – welcher Qualität auch immer – in die Länder gebracht hat. Ob das nun den Mächtigen oder den kleinen Rädchen mehr gebracht hat – wer will das sagen?

„Tourismus ist eine Chance für nachhaltige Entwicklung und kann als Wirtschaftsfaktor auch die Lebensbedingungen an Ort und Stelle verbessern“, betont Burghard Rauschelbach, Tourismusexperte bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zudem seien etliche Regime zu Zugeständnissen bereit, um den profitablen Reisesektor nicht zu gefährden.

Ein ganz anders gelagertes Problem mit Ägypten hat derzeit die Messe Berlin. Das Land am Nil (Werbespruch: „Wo alles begann“!) ist im kommenden Jahr als Partner der ITB vorgesehen, es soll auch die Eröffnungsfeier am 6. März 2012 im Internationalen Congress Centrum (ICC) gestalten. David Ruetz, Leiter der ITB Berlin, ließ sich bei Vertragsabschluss 2010 mit den Worten zitieren: „Ägypten ist eines der ältesten Reiseziele dieser Erde und steht heute für Modernität gepaart mit Tradition.“ Aktuell will ITB-Sprecherin Astrid Ehring über Ersatzkandidaten nicht sprechen: „Wir müssen zunächst abwarten, wie sich die Situation im Land entwickelt.“ Derzeit gibt es ohnehin keinen Ansprechpartner. Der Tourismusminister Ägyptens ist nicht mehr im Amt.

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