Schönes Deutschland : Kraxeln zum Winzer

Auf dem Oberweseler Oelsbergsteig lernt man viel über Weinanbau – und hat beste Aussichten.

Martin Seger
Bitte anschnallen!, möchte man rufen. Dabei lässt sich der Oelsbergsteig recht gut begehen. Sebastian Vogt macht jede Woche eine Führung für jedermann. Foto: Martin Seger
Bitte anschnallen!, möchte man rufen. Dabei lässt sich der Oelsbergsteig recht gut begehen. Sebastian Vogt macht jede Woche eine...Foto: Martin Seger

Sebastian Vogt steht auf einem schmalen Pfad am Oberweseler Oelsberg – rund 100 Meter über dem Rhein. „Schwindelfrei sollte man hier schon sein“, sagt der Fremdenführer. „Denn unser Weg verläuft teilweise neben einem Abgrund.“ Jede Woche begleitet Sebastian Vogt einige Wanderer auf dem Oelsbergsteig, und er kennt die Strecke am 180 Meter hohen Steilufer des Mittelrheins ganz genau. „Es ist ein spektakulärer Panoramaweg mit dem gewissen Kick“, schwärmt er begeistert.

Der schmale Steig wirkt tatsächlich wie ein alpiner Bergpfad: Er führt an den sonnenverwöhnten Rebstöcken des Oelsbergs entlang, windet sich um einige Hangfalten und durchquert kleine Bergwäldchen. Doch er tangiert auch einige Felsenköpfe und schräge Schieferflächen, die mit Hilfe von zwei Leitern, 22 Eisenkrampen und rund 65 Metern Halteseil zu überwinden sind. „Viele Urlauber machen hier ihre ersten Kraxelerfahrungen“, erzählt der Wanderführer bei einer Erkundungstour.

Ungeübte „Bergfexe“ brauchen eine Stunde für die Strecke. Sie bewundern unterwegs Weinreben, Feigen und junge Pfirsichbäumchen, aber auch Heilkräuter und wilde Buchsbäume. Sogar die seltenen Smaragdeidechsen lassen sich manchmal blicken.

„Am Oelsberg herrscht ein Mikroklima, das Pflanzen und Tieren gefällt – und der Riesling mag es auch“, sagt Sebastian Vogt. „Aber der Steillagenweinbau ist manchen Winzern zu arbeitsintensiv“, ergänzt er. Noch 2002 lagen viele Rebhänge am Oelsberg brach. Sie verwilderten, bis es im Jahre 2003 zu einer Flurbereinigung kam. „In deren Verlauf finanzierte die Deutsche Bahn eine Wiederherstellung der Weinbergslage – als ökologische Ausgleichsmaßnahme für ihre Hangsicherung an der Bahntrasse nach Boppard“, erklärt der Wanderführer.

Oberwesel. Stadt des Fachwerks, der Türme und des Weins. Foto: Martin Seger
Oberwesel. Stadt des Fachwerks, der Türme und des Weins.Foto: Martin Seger

Heute bewirtschaften mehr als zehn Winzer den Oelsberg. Sie erkannten den Wert der Lage, pflanzten neue Rebstöcke, sanierten die längst eingefallenen Terrassenmauern und ließen eine moderne Bewässerungsanlage für ihre Rebstöcke bauen. „Es ist ein richtiges Vorzeigeprojekt geworden“, schwärmt Sebastian Vogt.

Der Oelsbergsteig wurde 2006 angelegt, um Wanderern den Steillagenweinbau näherzubringen. Vor allem auch um zu zeigen, wie mühsam die Arbeit für Winzer sein kann. Er ist Teil eines dreistündigen Rundwegs und belohnt alle, die sich die Mühe machen, mit herrlichen Ausblicken auf Oberwesel.

Die trutzige Kleinstadt wirkt fast wie eine Filmkulisse, die am Westufer des Rheins aufgebaut wurde – mit 16 Wehrtürmen, einigen Fachwerkhäusern und einer zweieinhalb Kilometer langen begehbaren Stadtmauer. „Stadt der Türme und des Weins“ wird Oberwesel durchaus treffend genannt. Im Süden thront die mittelalterliche Schönburg auf einem Hügel. Und der Loreley-Felsen ist auch nur wenige Flusskilometer entfernt.

Sebastian Vogt kommt oft ins Schwärmen. „Ach, es gibt hier so schöne Aussichten, dass sich viele Wanderer gar nicht sattsehen können – und ich selbst auch immer noch nicht“, sagt er auf dem Oelsbergsteig und genießt den grandiosen Blick. Nicht von ungefähr zählt die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal zum Unesco-Weltkulturerbe.

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