Reise : Schräger geht’s nicht

Der „schiefe Turm von Frankenhausen“ ist gerettet. Nun hofft Nordthüringen auf mehr Touristen.

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Aus dem Lot. Umkippen wird das Bauwerk – vorerst – aber nicht. Foto: ZB
Aus dem Lot. Umkippen wird das Bauwerk – vorerst – aber nicht. Foto: ZBFoto: ZB

Das war knapp. Buchstäblich in letzter Minute konnte der „Stolz der Stadt“ gerettet werden, die Bürger atmen auf. Denn auf ihren schiefen Turm lassen viele Einwohner des nordthüringischen Kurstädtchens Bad Frankenhausen nichts kommen. Schließlich soll der Turm der Kirche Unser Lieben Frauen zum Magnet werden. Denn er ist schiefer als der von Pisa, ja, er soll überhaupt der schiefste der Welt sein und nun den 9000-Seelen-Ort auf die touristische Landkarte bringen.

Den Klotz in Schieflage hat jetzt die Stadt am Bein, die der ohnehin von Geldsorgen geplagten Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands das Wahrzeichen des Ortes für einen Euro abgekauft hat, um es zu sanieren. Damit hat die Sehenswürdigkeit zumindest mal eine Gnadenfrist bekommen. Der Kirchturm der „Oberkirche“ ist 4,45 Meter aus dem Lot – und daher mit einer Neigung von 5,37 Grad eindeutig schiefer als der berühmte Kollege von Pisa. Kostspielige Rettungsprojekte für das vom Einsturz bedrohte Bauwerk waren bislang allesamt gescheitert.

Nach Angaben von Bürgermeister Matthias Strejc – 35 Jahre alt und seit 2006 im Amt – haben die Stadtverordneten am vergangenen Montag mit nur knapper Mehrheit der vorläufigen Rettung des Turmes zugestimmt: neun Ja-, sieben Nein-Stimmen und drei Enthaltungen. Anfang des neuen Jahres sollen nun Stabilisierungsarbeiten beginnen. Das wird die Stadt 50 000 Euro kosten, und ein reger, Spenden sammelnder Förderverein schießt noch einmal dieselbe Summe zu. Bis 2014 bleibt dann Zeit für Stabilisierungen – und für die Suche nach mehr Geld. Schließlich werden rund 800 000 Euro nötig sein. Gelingt es nicht, die Summe aufzubringen, wird es keine Rettung mehr geben. Und das fänden die Frankenhausener schlimm.

Die sind übrigens keineswegs mit jedem Marketinggag einverstanden, wenn es um die Rettung des Turms geht. Als etwa auf der Spitze des Turms ein sich drehendes Flutlicht eingebaut wurde, das allnächtlich über die Stadt und in Wohnstuben strahlt, wurde es manchem Bürgern zu bunt. Das „Leuchtturm-Projekt“ nervt inzwischen viele, auch wenn in der gesamten Gegend ganz dringend touristische Leuchtfeuer gefragt sind.

Die Idee dazu hatte der Bürgermeister, der damit die Forderung des thüringischen Wirtschaftsministers Matthias Machnig aufgriff, im Freistaat müssten „touristische Leuchttürme“ entstehen. Das wörtlich zu nehmen, bot sich in Bad Frankenhausen an, dachte sich der umtriebige Strejc. Denn in der bundesweiten Wahrnehmung gibt es ja hier nicht viel mehr als den schiefen Turm. Und den kennt kaum einer.

Seit 1986 ist der durch einen unterirdischen Hohlraum aus dem Lot geratene Turm bereits für den Publikumsverkehr gesperrt. Nun wenigstens die vorübergehende Entwarnung. Strejc und die halbe Stadt (mindestens) haben aktiv um ihren Turm gekämpft, jetzt sollen Touristen in die Region kommen. Endlich.

Denn ein Problem wird durch die Aufmerksamkeit, den der einsturzgefährdete Bau der Stadt nun bringt, ganz offenbar: Attraktionen in der Gegend sind rar. „Das war schon immer unser Manko“, sagt der in Frankenhausen gebürtige Strejc. „Die Region Nordthüringen ist touristisch einfach kein Begriff.“ Es ist bis heute das Niemandsland zwischen dem Harz im Norden und dem Süden Thüringens, der mit dem Thüringer Wald, der Rhön und mit den Kulturstädten Weimar und Erfurt auf touristisch blühende Landschaften verweisen kann. „Die werden vom Land Thüringen vermarktet – und wir fallen hinten herunter“, klagt Strejc.

Die Frustration über das touristische Schattendasein ist nachvollziehbar, denn eigentlich ist die Liste touristischer Attraktionen in Nordthüringen doch länger, als Reisende, die in der eineinhalb Autostunden entfernten Landeshauptstadt Erfurt aufschlagen, offenbar ahnen.

In unmittelbarer Nähe zu Frankenhausen steht etwa ein Monumentalwerk, das wegen seiner gigantischen kreisförmigen Hülle im Volksmund gern „Elefantenklo“ genannt wird: Das Bauernkriegspanorama des Leipziger Malers Werner Tübke, entstanden zwischen 1976 und 1987, ist mit einer Fläche von 1700 Quadratmetern eines der größten Tafelbilder der Welt. Es ist ein von der DDR-Staatsführung in Auftrag gegebenes Werk in Gedenken an den Bauernaufstand unter Thomas Müntzer, freilich im sozialistischen Sinne propagandistisch umgedeutet.

Genauso sehenswert, nicht zuletzt wegen seiner ideologischen Monstrosität, ist sicher das gut zehn Kilometer entfernte Denkmal auf dem Kyffhäuser, zu Ehren des verstorbenen Kaisers Wilhelm I. und zur Bekämpfung patriotischen Wankelmuts im Deutschen Reich 1896 eingeweiht. Es ist übrigens nach dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig das zweitgrößte Denkmal in Deutschland.

Sonderhausen, einstige Fürstenresidenzstadt und heute Hauptstadt des Kyffhäuserkreises, sollte man auch nicht vergessen. Aus dem alten Kali-Bergwerk, das die gesamte Stadt unterhöhlt hat, wird seit der Wende zwar kein Salz mehr herausgeholt, stattdessen fahren nun Gäste ein. In dem „Erlebnisbergwerk“ gibt es Bootstouren, ein Restaurant mit Bowlingbahnen, regelmäßig halsbrecherische Radrennen und – wieder einen Superlativ: den mit 700 Meter unter null laut Guinness-Buch tiefstgelegenen Konzertsaal der Welt.

Gewiss, auch der Bürgermeister glaubt nicht, dass Besucher nur wegen des schiefen Turms kommen werden. Doch der und Attraktionen der Region zusammen „könnten bewirken, dass die Menschen noch einen Tag länger bleiben“, hofft der gelernte Bankkaufmann. Vielleicht wird der Turm sogar mal Hauptdarsteller – in Thüringens nächster Imagekampagne.

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