Schweiz : Achtung, da kommt ein Schlitten

Winterwandern wird gern beworben – auch im schweizerischen Braunwald. Doch selten hat man die Wege für sich.

Christine Berger
Schneeloch. Aktuell meldet das schweizerische Braunwald 160 Zentimeter der weißen Pracht. Für Winterwanderer abseits der geräumten Pfade eine Herausforderung. Foto: picture alliance / Arco Images G
Schneeloch. Aktuell meldet das schweizerische Braunwald 160 Zentimeter der weißen Pracht. Für Winterwanderer abseits der geräumten...Foto: picture alliance / Arco Images G

Am ersten Morgen lugt die Sonne durch die Vorhänge, der Tödi mit seinen stolzen 3600 Metern Höhe strahlt in ganzer Pracht. Das Bergpanorama, das sich dem Neuankömmling bietet, wirkt, als habe sich eine Fototapete vor den Fenstern des Frühstückszimmers entrollt. Weiße Gipfel, Felsen, gefrorene Wasserfälle, die in blaugrünen Farbtönen schimmern, davor verschneite Chalets. Braunwald im Glarner Land, rund zwei Zugstunden südöstlich von Zürich, ist einer jener abgeschiedenen Orte der Schweiz, die nur mit einer Bergbahn zu erreichen sind. Autos gibt es nicht. Hierhin ziehen sich Zürcher gern zurück, wenn es das Tagesgeschäft in der Stadt zulässt. Auch Prominente tauchen hier schon mal unter. 350 Einwohner leben am Ort, es gibt einige Skilifte – und ansonsten selige Ruhe.

Wer nicht Ski fährt, muss sich entscheiden: Den ganzen Tag auf der Terrasse sitzen, schön eingehüllt in Wolldecken und sich von der Sonne und dem Ausblick verwöhnen lassen? Oder hinauf auf den Gumen, wo der so sehr gelobte Panoramawanderweg mit Eisgrotte lockt? Wir, zwei sauerstoffhungrige Flachlandtiroler aus Berlin, entscheiden uns für die Bergtour. Ein bisschen Proviant eingepackt und los geht’s. Natürlich nehmen wir nicht die Panorama-Bergbahn, der ganze Stolz des Dorfes. Wir wollen es zu Fuß packen, und das ist selbst bei Tiefschneeverhältnissen möglich, versprechen jedenfalls die Karten des Braunwalder Tourismusbüros.

Der Anstieg zur ersten Rast am Weg, der Grotzenbüel-Bergstation auf 1559 Meter, ist (fast) ein idyllischer Spaziergang. Eine halbe Stunde geht es vorbei an netten Ferienhäusern, Bauernhöfen und viel, sehr viel Schnee. Am Dorfrand weitet sich der Blick, Bächistock, Glärnisch und auf der anderen Seite des Linthals unterhalb von Braunwald die Glarner Alpen.

Die Luft ist frisch. Wer innehält, hört allenfalls sein eigenes Ohrensausen. Ein Wegweiser kündigt eine Alpkäserei an, die irgendwo hinter dem Schneeteppich liegen muss. Die Vorstellung ist verlockend, das Ziel zu ändern, doch schon nach ein paar Schritten durch den Schnee, der gleich bis zum Oberschenkel nachgibt, ist klar: Hier ist ohne Schneeschuhe – jene Plastikbretter zum Unterschnallen – nichts zu machen. Also bleiben wir brav auf dem frei geschaufelten Weg. Doch auch das hat seine Tücken. Plötzlich brettert eine Kindergruppe auf Schlitten den Weg hinunter, ein Sprung in den Tiefschnee verhindert gerade noch, von einem der jungen Raser überfahren zu werden. Geschlittelt werden – wie die Schweizer sagen – darf hier ganz offiziell. Der Weg ist zugleich als Rodelbahn ausgewiesen.

Auf dem Grotzenbühl ist schon reichlich Halligalli. Skilehrer scharen ihre Schüler um sich, die Seilbahn bringt im Minutentakt Skifahrer herbei, die aussehen wie auf dem Weg zu einer Mondexpedition. Schweren Schrittes wanken sie mit klobigen Skischuhen zum Pistenrand, ihre Bretter geschultert. Wir kommen uns ein bisschen nackt vor in unserer Alltagskluft.

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