Reise : Schwimmend zum Wachstum

Kein Ende des Booms: 2012 werden 23 neue Passagierschiffe vom Stapel laufen.

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Wo soll das hinführen? Werden Strandkörbe an Nord- und Ostsee verwaisen, Radwege entlang von Flüssen veröden? So schlimm wird’s kaum kommen, doch offenbar orientieren sich immer mehr wasseraffine Deutsche beim Thema Urlaub in Richtung Kreuzfahrtschiff. Im vergangenen Jahr kratzte die Branche hierzulande schon mal an der Zweimillionenmarke: Mehr als 1,8 Millionen Bundesbürger verbrachten Zeit auf einem Hochsee- oder Flusskreuzfahrtschiff. Das entspricht einem Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie aus der Branchenanalyse „Der Kreuzfahrtenmarkt Deutschland 2011“ vom Deutschen Reise-Verband (DRV) hervorgeht. Und in diesem Jahr soll die magische Grenze übertroffen werden.

Denn: Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Die Autoren der DRV- Studie sehen weiterhin großes Potenzial. Immerhin 9,9 Millionen Menschen können sich einen Urlaub an Bord in den kommenden ein oder zwei Jahren durchaus vorstellen, heißt es. Davon waren 86,9 Prozent noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff. Auch die Bilder der havarierten „Costa Concordia“ haben lediglich für ein kurzes Innehalten bei Kreuzfahrern gesorgt.

„Was der Passagier auf Kreuzfahrtschiffen für sein Geld bekommt, ist deprimierend viel“, sagte Dominic Paul, Vizepräsident von Royal Caribbean Cruises, unlängst in einer Diskussionsrunde in Berlin. Das grämt ihn keineswegs, vielmehr will er mit solchen Aussagen für sein Produkt und das der zahlreichen Konkurrenz werben. Denn was bekommt ein Passagier nicht alles für sein Geld: sowohl den Transport von Hafen zu Hafen, als auch die Unterkunft, reichlich Vollpension sowie Unterhaltung in allen Variationen. Oft genug ist selbst die An- und Abreise im Preis enthalten. Auf die in Deutschland aktiven Veranstalter bezogen heißt das: Im Durchschnitt kostet eine Hochseekreuzfahrt bei einer Reisedauer von 9,2 Tagen 1710 Euro, also 186 Euro pro Tag. In Anbetracht der erwähnten Leistungen nicht konkurrenzlos, doch schon günstig.

„Kreuzfahrer sind die glücklicheren Urlauber“, fasst es Sebastian Ahrens zusammen. Er ist Sprecher der Geschäftsführung von Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten und Vorsitzender des DRV-Arbeitskreises Schiff. Und wenn alle Kabinen auf bestehenden und noch zu erwartenden Schiffen verkauft werden, wird es viele glückliche Urlauber geben. Denn noch sind viele Schiffe im Bau. Allein dieses Jahr werden sieben Neubauten im Hochsee- und 16 im Flussschiffbereich in Dienst gestellt.

Wenn Sinn und Unsinn von immer mehr und immer größeren Hochseeschiffen zur Sprache kommen, genügt der Branche meist ein Verweis auf Zahlen: Das boomende Geschäft auf hoher See generiere eine wachsende Zahl an Arbeitsplätzen in der deutschen Kreuzfahrtindustrie. Dort sind mehr als 36 000 Menschen beschäftigt, 45 Prozent davon direkt bei Reedereien, Reiseunternehmen. Insgesamt erwirtschafteten die Veranstalter rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz (2010: knapp 2,1 Milliarden Euro).

Bei den bevorzugten Zielen auf dem Meer liegen die Klassiker vorn: Das beliebteste Fahrtgebiet war mit Abstand das westliche Mittelmeer, gefolgt von der Region Nordland (Norwegen, Island, Spitzbergen, Grönland), dem östlichen Mittelmeer, den Kanarischen Inseln, der Karibik sowie der Ostsee (siehe Grafik links).

Auf den Flüssen sind die Deutschen Spitze. Weltweit. Die Anbieter von Flusskreuzfahrten konnten ihre Passagierzahlen in 2011 um 6,7 Prozent auf 461 695 Gäste steigern und 496 Millionen Umsatz generieren (ein Plus von 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Der durchschnittliche Reisepreis betrug 1075 Euro und lag somit um 15 Euro– das entspricht 1,4 Prozent – unter dem des Vorjahres. Die Donau, gefolgt vom Nil sowie dem Rhein und seinen Nebenflüssen waren im vergangenen Jahr mit deutlichem Abstand die beliebtesten Flüsse der Deutschen (siehe Grafik oben). Wie sich die Reisen auf der „Rennstrecke“ Nil in diesem Jahr entwickeln werden, bleibt unklar. Die Ankündigung der Ägypter, den Fluss nun auch für Fahrten zwischen Kairo und Luxor zu öffnen, wird von den Veranstaltern begrüßt, weil so zumindest ein weiterer Buchungsanreiz geboten werde.

Die DRV-Studie zum Kreuzfahrtenmarkt wird seit 1993 erstellt. Verfasser ist Schifffahrtexperte Otto Schüßler. In der Erhebung werden die von Kreuzfahrtenanbietern als Schiffseigner, Charterer oder Generalagenten (GSA) erzielten Ergebnisse erfasst. Es wurden neun nationale und 23 internationale Unternehmen befragt, die Hochseekreuzfahrten veranstalten, sowie 22 Anbieter von Flusskreuzfahrten. Gerd W. Seidemann

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