Seebad Royan : Bauhaus am Boulevard

1945 versank das Belle-Epoque-Seebad Royan an der Girondemündung im Bombenhagel. An seiner Stelle entstand eine Modellstadt der 50er Jahre.

Hella Kaiser
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An Royan scheiden sich die Geister. Junge Leute mögen das Seebad im Westen Frankreichs, an der Mündung der Gironde. Breit ist der Strand und weit kann man ins Wasser hinauslaufen, bevor es tiefer wird. Ein idealer Ort für Familien mit Kindern. „Die alten Leute aber lieben Royan nicht mehr“, sagt Isabelle Debette, die Kulturbeauftragte der Stadt. „sie haben immer noch die herrlichen Belle-Epoque-Bilder im Kopf und trauern ihnen nach.“ Royan, das war einmal die „Königin der Seebäder“.

1875 fing alles an. Damals fuhr der erste Zug von Paris nach Royan. Im Sommer war es bald Glückssache, in den weinroten Waggons noch einen Sitzplatz zu ergattern. Denn tout Paris wollte sich ergötzen an der feinen Sandmeile des Ortes. Mit schweren Koffern und riesigen Hutschachteln nahmen die wohlhabenden, vergnügungssüchtigen Hauptstädter Quartier an der Girondemündung.

Der reichen Gesellschaft folgten Maler und Schriftsteller, die Royan noch mehr Anziehungskraft verliehen. Emile Zola beispielsweise residierte nobel in der Villa Paradou, dem Sommersitz seines Pariser Verlegers. Die Feriengäste bemerkten rasch, dass der Dichter hier nicht nur fürs Fotografieren eine Passion entwickelte, sondern auch – gleichsam unter den Augen seiner Gattin – eine Affäre begann.

Royan war kein Ort für Prüderien oder Tabus, Royan verwandelte sich in die Spielwiese der Belle Epoque. 1895 wurde ein zweites Casino gebaut, direkt an der Grande Conche, der fast drei Kilometer langen, sanft geschwungenen Strandbucht. Mit einer Länge von 80 Metern wurde das Casino zum größten Frankreichs. Hinter der pompösen Fassade verbargen sich ein Theater- und ein Opernsaal sowie eine Ballettbühne. 1903 vermerkt eine Chronik die Aufführungen von 30 Opern und 60 Komödien.

Bald mussten die Straßen verbreitert werden, Schienen für eine dampfbetriebene Tram wurden verlegt, die Wäldchen hinter dem Strand verschwanden. Immer prunkvollere Villen wurden gebaut. Der Geldadel richtete sich in Royan ein. Berühmte Persönlichkeiten schauten vorbei. Leo Trotzki kam 1933 für einen Sommer, einige Jahre später war Pablo Picasso zu Gast. Hier malte er das Café des Bains, das heute im Picasso-Museum von Paris hängt.

In der Nacht vom 5. Januar 1945 versank das legendäre Strandcafé in Schutt und Asche. Und mit ihm wurde fast die gesamte Stadt zerstört. Ein Bombenhagel der Alliierten, der den deutschen Besatzern galt, vernichtete 85 Prozent von Royan. Viele der in ihren Bunkern versteckten Deutschen kamen mit dem Leben davon, doch Hunderte Royanais, die ihre Stadt trotz aller Warnungen nicht verlassen wollten, starben.

Am 17. April 1945 war Royan befreit. Doch was sollte geschehen mit einer Königin der Seebäder, die in Trümmern lag? Von rund 4000 Belle-Epoque-Villen waren nur noch 250 übrig geblieben, darunter auch die Villa Paradou. Drei Jahre dauerten die Aufräumarbeiten. Dann wurden zwei Architekten, einer aus Paris und einer aus Bordeaux, mit dem Wiederaufbau betraut. Und die planten auf dem Reißbrett ein neues, überraschendes, modernes Royan. Beeinflusst von der kühlen brasilianischen Bauweise des Oscar Niemeyer und zeitgenössischer Gestalter wie Le Corbusier und Walter Gropius entwickelten sie „den Stil von Royan“.

Zwischen Belle-Epoque-Villen, die man noch restaurieren konnte, setzten sie schlichte weiße Bauten mit klarer Linienführung und schnörkellosen Metallverzierungen an Fenstern und Balkonen. Die Funktionalität der Bauhausideen war Programm, Royan wurde zur französischen Modellstadt der fünziger Jahre. Beton war der Werkstoff der Zeit, und so schuf man aus ihm eine neue Markthalle, deren ausladendes Dach wie ein Fallschirm auf einem überraschend dünnen Pfeiler in der Mitte ruht. Das Erstaunlichste aber ist die Kirche Notre Dame. „Bauen Sie eine Kirche die höher ist als andere, bauen Sie die höchste, die möglich ist. Royan soll keine Stadt sein, die gebrochen ist, sie soll eine Stadt sein, die aufsteht. Drücken Sie das in der Silhouette der Kirche aus“, bat der Bürgermeister die Architekten. 1958 war sie fertig, ein grauer Koloss, der aus der Ferne wie ein versteinerter Riesendampfer wirkt.

Noch immer besticht Royan durch die einzigartige Lage an der größten Trichtermündung Europas – 75 Kilometer lang und 12 Kilometer breit ist sie. Jetzt, im August, ist der feine Sandstrand an der Grande Conche gespickt mit blau-weiß gestreiften Badezelten und Sonnenschirmen. Im großen Hafen Port de Plaisance drängt sich eine Yacht an die andere.

Wer es ruhiger mag, weicht aus in die westliche Spitze der Stadt, an den Strand von Pontaillac. Schon im 19. Jahrhundert versuchte man hier, die Eleganz der Grande Conche zu übertreffen. Wenn man den Boulevard an der Silberküste, der Côte de l’Argent entlangspaziert, sieht man noch zahlreiche Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Golf-Hôtel am Strand, einst ein beeindruckender Prunkbau, hat das Bombardement nicht überstanden. An seiner Stelle steht nun ein gewöhnungsbedürftiger Flachbau, in dem sich das Casino Royan befindet. Zig Spielautomaten lärmen, schon mit Centbeträgen, so wirbt eine Tafel, kann man sein Glück versuchen. Jede Eleganz, perdü.

Höchste Zeit, dorthin zu fliehen, wo auch Emile Zola schon Austern mit frischem Weißwein genoss. Mornac sur Seudre gehört zu den schönsten Dörfern Frankreichs. In den hutzligen Steinhäusern mit bunt gestrichen Türen wohnen zahlreiche Kunsthandwerker und Künstler. Acht Ateliers und Galerien sind rund um eine romanische Kirche zu entdecken. Und wer beschaulich durch die Salzgärten schippert, sieht die eine oder andere verwitterte Fischerhütte, die wohl zu des Dichters Zeiten schon hier stand. Die Kirche ist ein Kleinod und kann doch nicht mithalten mit dem der Heiligen Sainte Radegonde gewidmeten Gotteshaus in Talmont sur Gironde. Seit dem 12. Jahrhundert thront es auf einer Klippe über dem Fluss. Auf dem malerischen Friedhof davor blühen Stockrosen zwischen den Gräbern, und oft lässt sich neben den verwitterten Namen die Silhouette eines Ankers erkennen.

Rund 20 Fischer leben noch in Talmont. Seit Generationen nutzen sie auch die Carrelets, die abenteuerlich anmutenden hölzernen Fangvorrichtungen, die an den Klippen verankert sind. Von hier oben lassen sie abends ihre Netze ins Wasser und holen morgens herauf, was sich darin gesammelt hat. Bequemer geht es nicht. „Aber davon allein können die Fischer natürlich nicht leben“, sagt Yves Merlet, der durch den Ort führt. „Sie müssen heutzutage weit hinausfahren, um Seebrassen und Steinbeißer zu fangen.“

Was sie mitbringen, landet später auch im feinen Restaurant La Siesta von Royan. Und natürlich wird als Aperitiv eiskalter Pineau serviert. Aus Cognac und Traubensaft besteht die lang gereifte Köstlichkeit und, so sagt der Kellner, „sie schmeckt hervorragend zu Roquefort oder Melone.“ Das La Siesta steht genau an jener Stelle, wo sich einst das Café des Bains befand. Auf einen historisierenden Nachbau hat man bewusst verzichtet. Die Villa Paradou freilich hätte nach einer Restaurierung wieder aussehen können wie zu Zeiten von Emile Zola. Aber sie wurde 1978 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion plattgemacht. Damit hatten die Architekten der Modellstadt Royan freilich nichts zu tun.

Ausländische Touristen machen meist einen Bogen um Royan, weil die Stadt so gar nicht „typisch französisch“ wirkt. Royan, so heißt es in einem aktuellen Reiseführer der Region Poitou-Charantes, „habe nicht viel anzubieten“. Isabelle Debette versteht das nicht. „Zeugnisse der Belle Epoque gibt es viele in Frankreich, doch Royan ist einzigartig“, sagt sie.

Man muss die Stadt nicht schön finden. Doch wer sich darauf einlässt, flaniert nicht einfach durch ein Seebad. Er durchstreift ein Geschichtsbuch voller Überraschungen.

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