Seelsorge am Flughafen : Beten vor dem Boarding

Die Flughafenseelsorge begann in den 50er Jahren in den USA. Längst zogen deutsche Airports nach. Auch auf dem BER soll es einen Raum der Stille geben.

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Der richtige Rahmen für den Glauben. Am Frankfurter Flughafen gibt es Andachtsräume für verschiedene Konfessionen.
Der richtige Rahmen für den Glauben. Am Frankfurter Flughafen gibt es Andachtsräume für verschiedene Konfessionen.Foto: picture alliance / dpa-tmn

New York, Rio, Tokio – an den Flughäfen der Metropolen dieser Welt gibt es immer auch Räume der Stille. Manchmal heißen sie genauso, manchmal „Prayer Room“ oder „Kapelle“. Manche kommen nur dorthin, um zehn Minuten abseits des Flughafenwahnsinns ihre Ruhe zu haben, andere nehmen am Gottesdienst teil. Andachtsräume gibt es in den USA schon lange, aber auch in Europa immer öfter. Frankfurt am Main hatte den ersten in Deutschland. Städte wie München, Hannover und Hamburg sind dem gefolgt. Für den Großflughafen BER ist ein überkonfessioneller Raum der Stille geplant.

Rolf Fuchs leitet die katholische Flughafenseelsorge in Frankfurt. Er arbeitet dort mit einer evangelischen Pastorin zusammen. „Außerdem gibt es Gebetsräume für Moslems, einen für Juden, und auch für orthodoxe Christen eine kleine Kapelle“, erzählt er. Allein 78 000 Angestellte gibt es am Flughafen, 150 000 Passagiere steigen jeden Tag in eine oder aus einer Maschine. Gründe, sich an die Seelsorger zu wenden, gibt es da viele.

Manchmal ist einfach nur kein anderer zuständig. „Es kommt vor, dass jemand den Flug verpasst hat und dann bei uns nur telefonieren möchte“, erzählt Fuchs. „Oder jemand hat Flugangst und möchte mit uns sprechen.“ Es gibt auch Anrufe vom Check-in-Schalter, weil dort ein Fluggast den Eindruck macht, er brauche Hilfe. „Die meisten Menschen sind ja froh, jemanden zu haben, der mit ihnen spricht“, sagt Fuchs.

Die ökumenische Kapelle ist 24 Stunden am Tag offen. In einem dort ausliegenden Buch tragen viele ihre Gedanken ein. Oft schreiben sie, dass sie es schätzen, einen Ort der Ruhe abseits der Flughafenhektik zu finden. Täglich gibt es einen Gottesdienst, am Wochenende auf Deutsch und Englisch. Die Teilnehmer sind sowohl Passagiere als auch Flughafenmitarbeiter. „Einige kommen dreimal in der Woche.“ Manchmal ergeben sich ausgesprochen angenehme Gespräche: „Vor kurzem das erste Mal mit einem Piloten, der heiraten möchte.“

Wie Rolf Fuchs hält es auch Claudio Cimaschi, Diakon der katholischen Kirche am Flughafen Zürich-Kloten: „Wir fragen nicht nach der Religion“, sagt er. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. „Heute morgen hatte ich ein Gespräch mit einem Flugzeugmechaniker, der eine schwere Operation vor sich hat.“ Mit Passagieren hat Cimaschi vor allem dann intensiv zu tun, wenn etwas Schlimmes passiert ist: „Jeden Tag sind etwa 100 000 Menschen bei uns am Flughafen, da gibt es pro Jahr fünf bis zehn Todesfälle“, erzählt der Diakon.

Oft gebe es dann Verwandte, die plötzlich zum Flughafen gerufen werden und verzweifelt sind: „Wer kümmert sich um die, wenn neben ihnen ein Toter liegt?“ Bis der Arzt den Leichnam freigibt, könne es durchaus einige Zeit dauern. „Die überbrücken wir dann zusammen mit den Angehörigen. In solchen Momenten muss man nicht viel reden.“ Eine Geste sei dann meist wichtiger als viele Worte – auch wenn Cimaschi neben Deutsch auch Spanisch, Französisch und Italienisch spricht.

Der Flughafen in Amsterdam hat ein Meditation Center

In den ökumenischen Andachtsraum auf dem Flughafen gehen viele auch dann, wenn der Pastoralreferent nicht dort ist: „Das sind zum Beispiel Menschen, die vor dem Abflug bewusst die Stille suchen. Es gibt Passagiere, die das jedes Mal machen.“ Andere laufen zufällig an dem Schild vorbei, das auf die Kapelle hinweist, gehen hinein und zünden eine Kerze an. „Vielleicht für einen kranken Verwandten.“

„Flughafenseelsorge gab es in den USA schon in den 1950er Jahren, die erste Kapelle entstand am Boston-Logan-Airport“, sagt Cimaschi, „und in den 60ern dann in Belgien und Großbritannien. Die Internationale Luftfahrtbehörde empfiehlt die Einrichtung von Prayer Facilities.“ Nicht immer haben sie einen Bezug zu einer bestimmten Religion. Der Flughafen in Amsterdam etwa hat ein Meditation Center, einen multireligiösen Raum, in dem Menschen nachdenken oder beten können. Religiöse Symbole fehlen, erklärt Marianne de Bie. Aber in einem Schrank stehen Bibeln, Koran- und Thora-Ausgaben und andere religiöse Werke in vielen Sprachen.

Am Flughafen Hamburg gibt es im Terminal 1 einen christlichen Andachtsraum – neben zwei muslimischen. „Praktisch Tür an Tür“, sagt Björn Kranefuß, der dort als evangelischer Pastor arbeitet, zusammen mit einem katholischen Kollegen. „Wir haben dreizehn Millionen Flugreisen jedes Jahr, acht Millionen Besucher – Abholer, Wegbringer, Shopper, Obdachlose. Fünfzehntausend Menschen arbeiten hier“, zählt Kranefuß auf. Und jeden Tag sei der Krankenwagen da. „Es gibt viele, die Angehörige, zum Beispiel ihre Kinder, zum Flugzeug bringen und anschließend in den Andachtsraum gehen“, sagt Kranefuß.

Wenn Kranefuß nicht im Andachtsraum ist und gebraucht wird, kann man ihn anrufen. „Zum Beispiel, wenn jemand zurück aus dem Urlaub kommt und ein Angehöriger gestorben ist, während er weg war“, erzählt der Pastor. Dann gibt es oft einen Anruf auf dem Handy des Seelsorgers, und kurz darauf sitzen die beiden zusammen. „Es gibt natürlich keine schnelle Lösung dafür“, betont Kranefuß. „Aber es kann helfen, den inneren Druck loszuwerden, die Angst vor der Angst.“

Wer das Gespräch mit den Seelsorgern sucht, hat oft ein Problem: „Dann erzählt man uns nicht nur, wo man im Urlaub war“, sagt Claudio Cimaschi. „Das sind oft Begegnungen, die viel Energie kosten, danach bin ich fix und fertig.“ Manchmal haben Flughafenseelsorger aber auch sehr angenehme Aufgaben: „Wir haben in unserer Kapelle schon Kinder getauft“, erzählt Cimaschi. „Und wir hatten sogar schon Hochzeiten, meistens von Flughafenmitarbeitern.“ Auch ein Vielfliegerpaar, das sich auf dem Flughafen kennengelernt hat, war schon dabei. Aber das soll die Ausnahme bleiben, betont der Diakon, der selbst auch verheiratet ist. „Wir sind ja keine Wedding Chapel wie in Las Vegas.“

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