Sightjogging : Im Laufschritt durch Heidelberg

Europaweit bieten sportliche Stadtführer „Sightjogging“ an. In Deutschland boomt die Nachfrage. Denn der Trend vermischt Business und Freizeit: Nach einem Konferenztag freut sich so mancher aufs Laufen.

Christian Schreiber
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Pausen auf Wunsch. Rund eineinhalb bis zwei Stunden dauern die laufenden Stadtführungen im Durchschnitt. Das schafft fast jeder,...

Frühmorgens, noch sind keine Einheimischen auf dem Weg zur Arbeit, die meisten Touristen schlafen noch. Nur Arnd Krüger ist mit zwei Begleitern schon unterwegs durch Barcelona. Am liebsten zeigt der Deutsche seine Wahlheimat, bevor die Sonne die schmalen Gassen erreicht hat. Der 39-Jährige ist jedoch kein normaler Touristenführer. Er macht ganz besondere Touren zu den Sehenswürdigkeiten der spanischen Metropole: Er joggt mit seinen Gästen zum Brunnen Font de Canalets, durch das Gotische Viertel oder vorbei am Opernhaus Gran Teatre del Liceu. Erklärungen gibt es im Laufschritt, Pausen nur auf Wunsch. „Ich will Lust machen auf Barcelona. Wer will, kann sich nachher nochmal alles in Ruhe anschauen.“

Die Nachfrage nach dieser Art Lauftourismus ist groß. In den USA und in einigen europäischen Städten gibt es „Sightjogging“, die Mischung aus Laufen und Stadtrundgang. Aber nirgendwo in Europa ist das Angebot so breitflächig übers ganze Land verteilt wie in Deutschland. Mehr als zehn Städte zwischen Alpen und Alster bieten den ungewöhnlichen Stadtlauf schon an. In Freiburg, München oder Berlin buhlen gleich mehrere Anbieter um die sportliche Kundschaft.

„Sightjogging“ ist jedoch nicht nur für Touristen gedacht, immer mehr Einheimische kommen auf den Geschmack. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass das mal ein Kundenkreis wird“, erzählt Tim Gondorf, der Joggingtouren in Frankfurt am Main anbietet. „Für viele ist das der Renner, mit einem Guide durch die eigene Stadt zu laufen und Neues zu erfahren.“ Die City sei ja auch viel abwechslungsreicher „als immer nur den Main rauf und runter“. Auch Geschäftsleute gehen mit ihm nach einem langen Konferenztag auf Joggingtour. Gondorf muss flexibel sein, weil die Gäste meist spontan oder am späten Abend für den nächsten Morgen buchen. Deswegen beschäftigt er auch zwei Mitarbeiter. Mehr als ein Dutzend Touren veranstaltet er pro Monat in Frankfurt.

Gondorf wollte im vergangenen Jahr die Anbieter in Deutschland unter einen Hut bringen, weil er merkte, dass plötzlich zahlreiche Angebote auf den Tourismusmarkt geworfen wurden. Letztlich wurde aber nichts daraus: „Nach zwei Wochen gab es nur noch ein E-Mail- Chaos, und wir konnten uns nicht mal auf einen Namen einigen.“

Seitdem ist Beate Achilles mit ihrem Berliner Unternehmen so etwas wie die Vorreiterin. Sie selbst bietet Touren in vier deutschen Städten an, vermittelt Kunden an Kollegen in ganz Deutschland und hat ihre Fühler mittlerweile bis nach Kapstadt und Singapur ausgestreckt. Allein in Berlin hat die 44-Jährige vier Mitarbeiter mit dem nötigen Knowhow. Fitness und Fachwissen sind gefragt. „Meine Guides sind in der Regel ausgebildete Stadtführer.“ In Zusammenarbeit mit Hotels bietet Achilles auch Tagungspakete, bei denen der Geschäftsmann mit dem Zimmer auch gleich den Fitnesstrip durch Berlin bucht. Bisher sind ihre Guides in der Regel mit Touristen oder Einheimischen auf Tour. Fünf bis sechs Einheiten kommen so pro Woche in Berlin zustande. Die Preise richten sich nach Teilnehmerzahl und Länge der Tour.

Beate Achilles möchte verstärkt auch ausländische Touristen ansprechen. Derzeit sucht sie vor allem Guides mit Spanisch- und Italienisch-Kenntnissen. „Ich habe keine Marktanalyse gemacht, aber ich sehe ein großes Potenzial in Deutschland.“ Die Antwort auf die Frage, in welchen Städten sich das Unternehmen Sightjogging lohnt, orientiert sich ihrer Meinung nach nicht an der Einwohner-, sondern an der Touristenzahl. Heidelberg halte sie etwa für ein zukunftsreiches Pflaster. Aber selbst in eher unscheinbaren Städten wie Esslingen und Lüneburg scheint das Konzept zu funktionieren. Oft sind es Personal- oder Fitnesstrainer, die sich ein neues Geschäftsfeld suchen.

Am meisten Erfahrung mit laufenden Touristen hat Gösta Dreise aus Hamburg, der nach eigener Auskunft im Jahr 2001 der erste Anbieter für „Sightjogging“ in Deutschland war. Die Voraussetzungen Anfang des neuen Jahrtausends waren günstig in Hamburg, erklärt Dreise. Dank der Bewerbung für Olympia 2012 hatte die Hansestadt ihren Sportsgeist entdeckt. Seitdem läuft die Sache rund, und 2009 könnte ein Boomjahr werden, vermutet Dreise. „Die Nachfrage ist schon enorm angestiegen.“ Trotzdem macht er aus den Lauftouren keine Massenveranstaltungen. „Maximal drei Personen, mehr geht nicht.“ Bei den Erklärungen im Laufschritt müssten schließlich alle Teilnehmer nah am Guide laufen, um seine Worte zu verstehen. Dreise hat sieben Standardrouten im Programm, die gegensätzlicher kaum sein könnten: Wer will, joggt entlang der Container am Freihafen, andere bevorzugen einen Lauf durchs vornehme Blankenese. Schlapp gemacht hat noch keiner bei ihm: „Eineinhalb bis zwei Stunden sind optimal. Das hält jeder durch, es gibt ja Pausen, und wir sind langsam unterwegs.“

Der Bundesverband der Gästeführer in Deutschland (BVGD) hat „keinen Überblick über die Sightjogging-Angebote“, sagt Sprecherin Ingrid Schwoon. 4500 der etwa 10 000 Gästeführer sind in ihren Ortsvereinen organisiert, der BVGD ist der Dachverband. „Wir wissen nicht, was die einzelnen Vereine als Programm anbieten.“ Doch natürlich stehe man dem neuen Trend positiv gegenüber. Es sei wünschenswert, dass sich die Tourismusorte weiterentwickelten und neue Angebote machten, sagt Ingrid Schwoon. Kürzlich habe sie sogar die Anfrage einer Studentin erreicht, die joggende Kundschaft durch Hildesheim führen will. Sie habe ihr empfohlen, zunächst eine Gästeführerausbildung zu machen, dann stünden ihr alle Türen offen. Erklären kann sich Ingrid Schwoon den Erfolg von Sightjogging allerdings nicht. Sie selbst sei nicht sportlich. „Ich wundere mich, dass das so gut funktioniert.“

Informationen: Sightjogging in Berlin bietet/vermittelt auch Lauftouren in Köln, Freiburg, Regensburg, Mainz, Esslingen, Hamburg, Lüneburg und Frankfurt am Main an (Telefon: 030 / 79 78 98 54, Internet: www.sightjogging-berlin.de).

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