Silvester : Die Nacht der Nächte

Für die Stunden des Jahreswechsels suchen viele ein besonderes Reiseziel. Oder sehnen sich auch nur danach.

Elisabeth Binder

Der Rutsch ins neue Jahr ist für nahezu jeden ein besonderes Ereignis. Mancher lässt sich sein alljährliches Ritual nicht nehmen, andere schwelgen in Erinnerungen. Der ein oder andere hingegen träumt noch von seiner ultimativen Silvesterparty. Sieben Tagesspiegel-Autoren über ihren Lieblingsort für die Feier des Jahres.

FREUNDSCHAFT IN ARIZONA

Schon die Luft hat etwas Magisches im Dezember in Tucson, Arizona. Die Stadt ist voller „Snowbirds“, Schneeflüchtlinge aus kälteren Regionen, die zu Füßen der Catalina Mountains sonnensatt in der palmenfächelnden sanften Wärme auf die unglaublichen Farben Gold und Rot des Sonnenuntergangs toasten. Wenn man später von den Foothills die First Avenue runterfährt, glitzern einem die Lichter der Stadt entgegen. An der Kreuzung River Road liegt an einem ausgetrockneten Flussbett der Rillito Raceway Park. „Thunder in the Desert“, ein Pow Wow, ein typisches Indianerfestival, lockt Ureinwohner von 187 Volksstämmen, von den Aborigines aus Australien bis zu den Eskimos von Ende Dezember bis Anfang Januar nach Tucson zu Wettbewerben, Märkten und Konzerten. Seit dem Jahr 2000 findet hier alle vier Jahre am 31. Dezember um Mitternacht eine magische Zeremonie statt: Der „Friendship Dance“. Alle, auch die europäischen Gäste, fassen sich an den Händen und tanzen zusammen. Im Jahr 2000 waren es 60 000 aus aller Welt. „Wer daran teilnimmt, dessen Leben verändert sich für immer“, verspricht Fred Snyder, der zu den Initiatoren gehört. Die Zahl vier ist den Indianern heilig, da es vier Himmelsrichtungen gibt und vier Jahreszeiten. Der Tanz hilft, die Harmonie mit der Erde wiederherzustellen. Einen Countdown bis Mitternacht gibt es übrigens nicht. Wer eine Uhr hat, soll sie in die Tasche stecken. Bei diesem Fest gilt Indianerzeit. Sich darauf einzulassen ist, als umarme man das neue Jahr gleich zu Beginn bedingungslos.Elisabeth Binder

FRIESLAND, AM RANDE DER WELT

Das Schaf ist von Natur aus zum Philosophen bestimmt. Wie soll auch einer nicht grüblerisch werden, den der liebe Gott so zusammengebaut hat, dass er mit dem Maul immer knapp über der Grasnabe schwebt, die eine Hälfte des Tages rupft und die zweite wiederkäut? Mit einem Schaf draußen vor dem Fenster ist der Jahreswechsel, was den besinnlichen Teil angeht, also schon mal geritzt.

Die zweite unverzichtbare Zutat ist ein hundsföttisches Wetter, kalt und stürmisch und nass, damit es Grund gibt, den Holzofen flackern zu lassen, ohne den Silvester ein Schmarrn ist. Offenes Feuer wäre noch besser, nur ein wenig anstrengend. Feuer muss aber sein. Denn Silvester ist zwar nach einem Papst benannt, doch eigentlich ein heidnisches Fest, so ziemlich das letzte, das sich jeder biblischen Umdeutung hartnäckig entzieht.

Man muss es darum in Heidenländern feiern, in den rauen Gegenden am Rande der bewohnten Welt, wo das Land noch eine Ahnung aus den alten Tagen der Menschheit bewahrt hat. Schottland ist okay. Sibirien schon nicht mehr, weil, Schafe kommen da nur tiefgefrostet vor. Aber man muss gar nicht weit. In Friesland, bei Dokkum, haben die Heiden den heiligen Bonifatius erschlagen, als ihnen seine Missioniererei auf die Nerven ging. Da um die Ecke ein Ofen, ein Schaf, ein Schock gute Freunde und Vorräte genug – dann kann das nächste Jahr kommen.Robert Birnbaum

KANAREN KULINARISCH

Du denkst, dass sie alles, was diese karge Gegend an kanarisch-kulinarischen Köstlichkeiten zu bieten hat, zusammengekratzt und in der Küche verkocht und verbraten haben: Weihnachten ist auch auf Fuerteventura die Generalprobe, da wird schon mal geübt, europäischen Mägen und Mäulern das Beste zu geben. Aber dann kommt Silvesters heller Wahnsinn, bescheiden „Gala-Menü“ genannt. Oje olé! Die Tische biegen sich, zur Vorspeise knallen sie dir einen halben Hummer auf den Teller, es gibt vier Gänge, Suppen, Vorspeisen, Braten, Pudding, Eis, und zwischendurch lange Pausen. Jedes Hotel kommt an diesem Abend zu seinem logistischen Höhepunkt, ein einziges Jubeln und Stöhnen. Das fängt schon bei der Platzreservierung an, schließlich sollen alle, die sonst in mehreren Schichten beköstigt werden, auf einen Schlag an der Erlebnisgastronomie teilhaben. Es gilt das Zufallsprinzip, wer neben dir sitzt. Man muss in den letzten Stunden wildfremden Menschen bekennen, was man über Münte, Merkel und Mindestlohn denkt. Gegen 23 Uhr, eine Stunde bevor man um Mitternacht zu jedem Glockenschlag eine Glücksweintraube in sich hineinstopft, machen wir uns aus dem Staub, schalten den Fernseher ein und prosten den Berlinern zu, dort ist gerade null Uhr. Dann gehen wir durch die milde Costa-Calma- Nacht zum Strand, eine Flasche Rotwein unterm Arm. Plötzlich beginnen merkwürdige Aktivitäten, Männer stellen kleine Gestelle auf, wir aber träumen und trinken den Sternen zu. Doch dann bricht die Hölle los. Es kracht und zischt und knallt, wir sitzen mitten im Feuerregen, der Himmel wird bunt, die Sterne blass: Feliz ano Nuevo!Lothar Heinke

SCHWEIGEN AUF USEDOM

Unter den Füßen das Meer, hoch oben nachtschwarzer Himmel und rundherum erwartungsvoll-fröhliche Unbekannte, mit Sektflaschen und Gläsern in der Hand. Hab ich immer am 31. Dezember. Auf der Seebrücke in Ahlbeck. Der Showdown fürs neue Jahr beginnt überall mit einem Feuerwerk. Aber hier ist es viel mehr. Denn am Himmel startet ein funkelnder Länderwettstreit. Kenner schauen erst mal nach rechts, da liegt Swinemünde. Und die Polen sichern sich in jedem Jahr die Poleposition. Meist schummeln sie ein bisschen und schießen die erste Rakete schon zwei Minuten vor zwölf ab, um schnell ordentlich nachzulegen. Binnen weniger Momente nimmt der Himmel eine blutrote Farbe an. In den ersten Jahren haben wir uns da Sorgen gemacht. Brennt aber nichts. Rot ist einfach nur die Lieblingsfarbe der Polen. Wem das zu viel wird, der schaut nach links, zur Heringsdorfer Seebrücke. Zwar kommen die Insulaner immer ein bisschen langsam aus den Puschen, aber inzwischen legen sie sich dort hinten im Kaiserbad mächtig ins Zeug. Vor allem in Weiß und Gelb und neuerdings auch in Grün, Blau und Türkis. Kurz: Hier bekommt jeder Zuschauer ein Feuerwerk nach seinem Geschmack. Und gratis dazu. Das bunte Himmelsspektakel dauert länger als anderswo, weil kein Land als Erstes schlappmachen will. Und immer wenn Usedom den alles beendenden Kanonenschlag gezündet hat, schicken die Polen noch einen feuerroten Sternenregen auf die Reise.

Machen wir eben Party am Strand, sagten sich trotzig die frustrierten Usedomer und stellen in der Silvesternacht neuerdings Grillbuden auf, aus denen schauerliche Schlagermusik dröhnt. Bier und Grog fließen reichlich, Sekt will keiner, alle essen Grillwürste und Fischbrötchen. Einige hundert Meter entfernt hört man den billigen Lärm nicht mehr. Der stille, nächtliche Neujahrsspaziergang am Strand ist ungefährdet. Gehört auch zum Ritual. „Immer Usedom, ist das nicht langweilig?“, haben Freunde schon mal gefragt. Wir lächeln dann – und schweigen. Hella Kaiser

IM NIRGENDWO DER PRÄRIE

Am schönsten war es im Nirgendwo. Das lag irgendwo zwischen Washington, D. C., und Springfield, Ohio im Dunkeln. Wir waren Austauschstudentinnen, aus der schwäbischen hatte es uns in die amerikanische Provinz verschlagen, und dort ging es am College strenger zu als bei uns an der Schule. Der Unterricht fing am 2. Januar wieder an, am 1. musste man wieder im Studentenwohnheim sein. Also saßen wir Silvester im Bus. Greyhound war damals das, was Easyjet heute ist, nur nicht so sicher und schon gar nicht so bequem. Greyhound wurde von europäischen Reisenden gern verklärt, die Reise von Küste zu Küste mit dem Bus gehörte zum Pflichtprogramm. Eine education un-sentimentale. Die Bushaltestellen lagen in den finstersten Gegenden der Stadt, die Mitreisenden sahen auch nicht vertrauenerweckender aus. Hinter uns saßen Rabauken und Raucher – ja, Ende der 70er Jahre (des vorherigen Jahrhunderts, wie man an dieser Stelle immer so uncharmant dazuzusetzen pflegt) durfte man im puritanischen Amerika tatsächlich noch im Bus rauchen. Leicht furchterregende Reisende entfachten erst ein kleines Feuerchen und dann einen größeren Streit. Das Feuer wurde gelöscht, der Streit schwelte stumm weiter. Ansonsten dämmerten die Passagiere vor sich hin. Nur wir guckten auf die Uhr.

Ich liebe Silvester und hasse Silvesterfeste. Ich mag die Vorstellung, jedes Jahr wieder ganz von vorn anzufangen, sich selbst als besseren Menschen zu erträumen, zwölf Monate blanko und voller Möglichkeiten vor sich zu haben. Da sind die großen Partys in der Regel enttäuschend, sind die Erwartungen aller Anwesenden doch so hoch geschraubt, dass einen schon in der Stunde null ein Gefühl der Ernüchterung überkommt. Und der Kater am nächsten Morgen stimmt einen nicht fröhlicher. Dagegen erschien Silvester im Bus als attraktive Abwechslung.

In dem Land, in dem alles bigger than life ist, hatten wir uns diesen Moment groß und laut vorgestellt, wir sahen die Dunkelheit schon vom Feuerwerk erleuchtet, hörten Musik, Geschrei und Knallbonbons. Stattdessen: nichts. Kein Mitternachtsläuten, kein Feuerwerk, kein Sektkorkenploppen. Nur wir stießen an: mit Keksen. Was anderes hatten wir nicht. So schaukelten wir durch die dunkle Nacht von einem Jahrzehnt ins nächste. Ich muss sagen: Das hatte was. Mehr Tabula rasa war nie.

Der Bus fährt übrigens immer noch: 20 Uhr 20 ab Washington, 9 Uhr 10 an Springfield. 103 Dollar kostet die einfache Fahrt. Susanne Kippenberger

GLÜCK IN BINZ

Silvester ist ein erwachsenes Fest, kleine Kinder haben da nichts zu suchen: zu laut, zu spät, zu wild. Aber wegorganisieren lassen sich die Kleinen gerade zum Jahreswechsel nicht, denn alle potenziellen Babysitter feiern enthemmt auf irgendwelchen Partys. Eltern kleinerer Kinder müssen also auf Kultur oder Feten verzichten; da kann man auch gleich nach Rügen fahren.

In Binz ist das Silvesterfest praktischerweise auf den Nachmittag verlegt: Auf dem Kurplatz spielt eine Kapelle, um die Buden mit Glühwein und Bernsteinketten versammeln sich entspannte Besucher, die weißen Villen der Bäderarchitektur leuchten zufrieden im Dämmerlicht. Um 17 Uhr füllt sich der Strand: Das Feuerwerk an der Seebrücke beginnt. Als die letzten Kugeln in der Ostsee versinken, fasst eines der Kinder zusammen: „Jetzt ist Silvester vorbei!“ „Ja“, sagen wir, „das war’s!“, und schlendern zurück in die Ferienanlage.

Und um Mitternacht, als sich das alte Jahr in den Nebel der Geschichte verabschiedet, schlafen der plötzlich erkrankte Gefährte und die Kinderchen tief. Ein Schritt hinaus auf den verschneiten Balkon, ganz allein, ganz erwachsen, das neue Jahr einatmen und in den Himmel blicken: Über den Wipfeln der Kiefern explodieren Leuchtraketen, die am Strand hochgeschossen werden, gedämpftes Gelächter ist von dort zu hören, in der Ferne erklingt Musik. So ein Balkon in Binz ist keine Party und keine Kultur und keine Familie, aber vier Quadratmeter Silvesterglück. Dorothee Nolte

SALSA MIT SABINE

Silvester 05: Ausgerutscht (nicht betrunken) auf einer Eisplatte auf dem Kreuzberg; Steißbein geprellt. Silvester 06: Im brandenburgischen Landhaus beim Transport von dringend benötigten Kaminholz auf der Treppe über einen fälschlich herumliegenden Stiefel gestolpert (nicht betrunken) und die Resttreppe hinuntergestürzt, fünf Stufen; Prellungen am ganzen Oberkörper, Hautabschürfung am Hinterkopf.

Silvester ist für meinen Geschmack einfach zu kalt. Ich will in die Wärme. Noch nie war ich Silvester in der Wärme. Havanna zum Beispiel, ja, Havanna müsste toll sein: a) weil Havanna ohnehin toll ist mit seinen morbiden Prachtbauten und den herrlich hohen Temperaturen und b) weil Silvester in Havanna immer die Revolution gefeiert wird und dann jeder und jede auf der Straße ist und keiner mehr daran denkt, dass diese Revolution auch viel Unbill gebracht hat.

Ach, das muss wunderbar sein, am Malecon zu sitzen, das Meer plätschert gegen die Uferbefestigung, aus allen Häusern klingt Musik, und dann ist Sabine noch dabei, und man kann Salsa tanzen die ganze Nacht, und Eis, Eis ist nur im Glas, um den Mojito zu kühlen. Das wäre mal ein Silvester nach meinem Geschmack. Helmut Schümann

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