Singlereisen : Abends gern am Achtertisch

In Deutschland nimmt die Zahl der Singles jährlich zu. Die wenigsten aber möchten allein verreisen. Die Lösung: Singlereisen.

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Viel Platz, aber wenig Spaß. Das Alleinsein kann eine Wohltat sein. Manche jedoch macht es traurig – vor allem in den Ferien. Singlereisen eignen sich gegen die Einsamkeit.
Viel Platz, aber wenig Spaß. Das Alleinsein kann eine Wohltat sein. Manche jedoch macht es traurig – vor allem in den Ferien....Foto: Caro / Meyerbroeker

Vor dem Check-in-Schalter am Flughafen war es manchen dann doch unangenehm. Dass da der Reiseleiter stand mit dem großen Schild „Adamare Singlereisen“ hätte nicht sein müssen. Steffen Butzko, Geschäftsführer des Unternehmens, weiß, dass einige seiner Gäste nicht mal ihren Freunden erzählen, wenn sie eine „Singlereise“ gebucht haben. „Die sagen einfach, es ist eine Gruppenreise.“ Und das stimmt schließlich auch.

Dass Adamare vor sechs Jahren gegründet wurde, war die Folge einer Marktanalyse. Butzko, nach eigenen Angaben „Touristiker mit Leib und Seele“, wollte sich selbstständig machen. Aber welche Urlaubssparte sollte es sein? „Wellness, Kreuzfahrt, Golfreisen, alles das gab es schon genug am Markt“, stellte Butzko fest. Reisen für Singles aber waren eine Nische, die offenbar noch niemand gut bediente. Und die Nachfrage steigt, denn immer mehr Deutsche leben allein. 2011 waren 20 Prozent der Deutschen Singles, einer Prognose zufolge könnte 2030 schon fast jeder zweite Deutsche allein leben.

Adamare richtet sein Angebot bewusst nicht einfach an Alleinreisende, sondern an „echte Singles“. „Dazwischen wird ein großer Cut gemacht“, sagt Butzko. Denn Alleinreisende haben vielleicht einen Partner zu Hause, auf Singles aber wartet niemand bei der Heimkehr. Zwar biete man keine „Kuppelspielchen oder Speeddatings“, doch man freue sich, „wenn Teilnehmer durch uns jemanden kennenlernen, mit dem sie zukünftig nicht nur gemeinsam verreisen können.“ Bei den angebotenen Reisen gebe es bei Ausflügen, Weinproben oder Segeltörns genügend Möglichkeiten, sich näherzukommen.

Singlereisen sind nicht billig

Damit Menschen im Urlaub passende Partner treffen können, hilft Adamare aber doch ein bisschen nach. So soll sich die Zahl der mitreisenden Männer und Frauen in etwa die Waage halten. Beim Buchungsportal des Unternehmens findet sich daher ab und zu der Hinweis: „Plätze für Frauen ausgebucht“. Auch im Hinblick auf die Altersstruktur nimmt man es recht genau. So sind viele Angebote in Europa oder Übersee für die Zielgruppen „25 bis 45“ und „35 bis 55“ konzipiert. Wer 56 Jahre alt ist hat also Pech? Es seien nur „Richtwerte“, heißt es bei Adamare. Zudem hat der Veranstalter zum Beispiel eine Portugalreise mit dem Hinweis „50 bis 65“ im Programm, auch Touren für die Generation 50plus sind buchbar.

Adamare arbeitet mit Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels zusammen. Die Reisen sind also nicht billig, zumal oft noch der Einzelzimmerzuschlag zu bezahlen ist. „Da sitzen die Hotels am längeren Hebel“, bedauert Butzko. Zwar gebe es die Möglichkeit, sich ein Doppelzimmer zu teilen, doch die werde selten genutzt. So kostet eine siebentägige Andalusienreise mit Flug und Halbpension im Mai 1247 Euro pro Person im Doppelzimmer, der Einzelzimmerzuschlag beträgt 177 Euro.

An „Alleinreisende und Singles“ wendet sich Studiosus mit seinem Angebot „Me & more“. 1998 wurde es eingeführt und wächst, sagt Unternehmenssprecher Frano Illic, „kontinuierlich zweistellig“. Man achte darauf, dass genügend „gute Einzelzimmer im Hotel“ verfügbar sind. Die Möglichkeit, sich ein Doppelzimmer zu teilen, gewährt auch Studiosus. Darüber hinaus greift der Reiseveranstalter allerdings nicht ein. So liegt der Frauenanteil bei „Me & more“ bei durchschnittlich 70 Prozent, und die Gäste sind mehrheitlich zwischen 40 und 60 Jahre alt. Wer jünger oder älter ist, kann natürlich auch mitfahren.

Positive Ausstrahlung ist das Wichtigste - auch im Urlaub

Alleinreisende und Singles eint: Sie wollen nicht unbedingt von Familien oder Paaren umgeben sein. Sie mögen nicht an „Katzentischen“ speisen und erst recht nicht für sich allein. Steffen Butzko beschreibt eine eigene Erfahrung: „Nachdem ich am zweiten Abend allein auf die Weinflasche gestarrt habe, verschwand ich auf dem Zimmer und machte den Fernseher an.“ Für Adamare-Gäste werden nach Möglichkeit, wie zum Beispiel auch bei den Robinson-Clubs, Achter- oder Zehnertische gedeckt. Dass die Gäste ihre Plätze allabendlich wechseln, ist gewünscht, wird in der Praxis allerdings nicht immer eingehalten. Wer nette Mitreisende kennengelernt hat, möchte diese offenbar auch beim Dinner um sich haben.

Besonders Weihnachten und Silvester schnellen die Anfragen laut Butzko in die Höhe. Während normalerweise eine Gruppe mit 20 Teilnehmern auf Zypern weilt, seien es zu Weihnachten oder Silvester „schon mal hundert Personen“.

Es sei, so betonte Wieland Stolzenburg, Paartherapeut und Singlecoach kürzlich bei einem „Single-Symposium“ in Berlin, „nicht mehr so schlimm, mit 30 noch Single zu sein“. Aber offenbar träumen viele davon, diesen Zustand zu ändern. „Von 11,5 Millionen Singles sind sieben Millionen auf Singlebörsen unterwegs“, sagte die Onlinedatingexpertin Pamela Moucha auf derselben Veranstaltung. Auf der Internetplattform singleboersen-vergleich.de könnten sich Interessierte über 700 Datingsinglebörsen informieren. Und die werden immer genauer. So gibt es mittlerweile Singlebörsen für Vegetarier, Hundeliebhaber oder Heavy-Metal-Fans. Hauptsache, man ist unter sich?

„Das Wichtigste, um einen Partner zu finden, ist die eigene Ausstrahlung“, weiß Wieland Stolzenburg. Wer mit sich selbst zufrieden ist, wirke positiv auf den anderen. Das dürfte auch im Urlaub gelten. Nur fällt es manchen Menschen eben schwer, die Mundwinkel auch am „Katzentisch“ oben zu behalten. Während sich Veranstalter für Alleinreisen über eine steigende Nachfrage freuen, könnten auch Hoteliers hier noch punkten. Arrangements für Singles werden, auch in der Nachsaison, selten aufgelegt. Dabei hätten viele Einzelgäste sicher nichts dagegen, das Dinner am Zweier-, Dreier- oder Vierertisch einzunehmen. Eine Frau erzählte: „Das Schrecklichste, wenn ich allein am Tisch Platz genommen habe, ist, dass der Kellner sofort das überflüssige Gedeck abräumt.“ Dann fühle sie sich doch gleich „mies“. Schlechte Voraussetzung für die positive Ausstrahlung.

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