Sölden : Party schneeweiß

Im Ötztal sind die Menschen mit allen Skiwassern gewaschen. Und trinken (nicht nur) reinen Wein. Kaum eine Skiregion in Österreich präsentiert sich so vielseitig wie das Ötztal in Tirol.

Dort, wo jeder mal den Einkehrschwung übt, steht mit Filzstift: „I love Body Miller!“ Nun, der Skistar aus den USA mit dem durchtrainierten Body heißt zwar Bode Miller, aber wahre Fanliebe scheitert nicht an der Rechtschreibung. Schon gar nicht hier oben in dünner Luft, auf mehr als 3000 Metern. In der Gletscherwelt Söldens, wo alpine Worldcup-Champions neben Nachwuchsrennfahrern im Skilift sitzen. Wo manch ein Wintersportler das Bierglasstemmen unten im Dorf besser beherrscht als den Schwung im Tiefschnee. Kaum eine Skiregion in Österreich präsentiert sich so vielseitig wie das Ötztal in Tirol: Da ist es zum Auftakt der Saison auf dem Berg so laut, dass das Partygewummer die Pistenraupen übertönt. Und an anderen Tagen so leise, dass man fast die Flocken fallen hört.

 

Ein Glaserl Blaufränkischer.

Ein Guter muss es schon sein, wie der „Hochäcker“ von Kerschbaum aus Horitschon. Menschen, die in den schicken, urigen Restaurants wie dem „Ötzi“ oder dem „Saitensprung“ einkehren, kennen sich aus in wohl sortierten Weinkellern. Auch Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung. Und der ist natürlich auch in Zahlen beschlagen: „8,5 Millionen Nächtigungen zählt Österreichs beliebtestes Urlaubsbundesland Tirol jedes Jahr“, sagt er. Allein in Sölden sind es 2,1 Millionen Übernachtungen, die Hälfte davon buchen Urlauber aus Deutschland. Um von dort noch mehr Gäste herzulocken, sponsert die Skiregion auch deutsche Nachwuchsfahrerinnen wie Viktoria Rebensburg. Skifahren ist eben Spaß – und Geschäft.

11 400 Gästebetten hat der 3000-Einwohner-Ort Sölden. Damit spätabends noch mehr Snowboarder und Carvingskifahrer dort einfallen, will der Geschäftsführer von Ötztal Tourismus Oliver Schwarz den Internetauftritt und die Suchmaschinenvernetzung optimieren. Und natürlich auch Fußballfans während der „Euro 08“ in die Berge locken. Nach so viel trockenen Statistiken brauchen wir jetzt wirklich was Kräftiges: Gerstlsuppe, Schlutzkrapfen, Kasknödel und Apfelkiachlan, bitt’ schön.

 

Ein ganzer Speicherteich voll Wasser.



Aus dem trinken selten Gämsen. Das Wasser wird ständig umgewälzt, damit es nicht gefriert. Man braucht es, um Schneekanonen zu laden. Die Wintersportregion Sölden wappnet sich angesichts der Klimaerwärmung, auch wenn man dieses Wort hier gern vermeidet. 23 Millionen Euro haben die Bergbahnen Sölden in neue Schneesprüher investiert, um die 146 Pistenkilometer bis rauf auf 3340 Meter Höhe selbst am Gletscher komplett beschneien zu können. Auch in den Nachbarorten Obergurgl/Hochgurgl schweben die Skifahrer in dieser Saison in drei neuen Kabinenbahnen rauf auf die Gipfel. Und oben kann man in der neu errichteten „Hohe Mut Alm“ einkehren. Weil die Sonne hoch droben so intensiv ist, schwitzt man auf der freischwebenden Aussichtsplattform am Gaislachkogel manchmal bei Plusgraden, während das Thermometer unten im Tal dichter an die Null-Grad- Marke fällt. Wenn der Blick der Marketingmanager über das schneeweiß strahlende Bergpanorama schweift, denken sie an eine mögliche Skischaukelverbindung zwischen Pitz- und Ötztal. Und an eine neue Achter- statt der alten Dreiersesselbahn am Giggijoch, der Partymeile auf 2284 Meter Höhe.

Großer Jagatee und Kleiner Feigling. So was nehmen die Partypeople von Sölden als Aperitif zum Après Ski. Hölle, Hölle, Hölle! Die Hände zum Himmel! Sölden trägt sein Image als „Ballermann der Berge“ zu Recht. Dabei waren diese Partyschirme einst Notbehelf eines Kneipiers. Wenn alljährlich im Oktober der Worldcup-Auftakt gefeiert wird, reisen Jugendliche aus ganz Tirol zum Abfeiern und Anbaggern zum „Bierhimmel“ oder ins „Fire & Ice“. Seitdem es Mixgetränke „to go“ gibt, hapert es allerdings auch mit der Kontrolle der Jungtrinker über sich, und sie lassen die Sau raus. Die Wirtin der Pension Haus Sonnwend weiß ein Klagelied davon zu singen. „So geht es nicht mehr weiter, das wird ja immer schlimmer, damit muss sich jetzt mal der Gemeinderat befassen!“

So denken auch Fahrer von „Taxi Quaxi“, die die Schnapsleichen nach Hause chauffieren. Bei Special-Events wie dem Worldcup-Auftakt oder zu Silvester muss schon mal die kleine Dorfstraße gesperrt werden. Wegen Überfüllung und der vielen Scherben auf der Straße. Am nächsten Morgen kommt dann der Kater eben mit auf die Piste, und leuchtende T-Shirts mit Aufschriften wie „Du willst es doch auch!“ oder „Dopink“ dürfen nicht fehlen.

 

Isotonischer Multivitamindrink.

Die einen wanken zurück in die Pension, die anderen begrüßen den neuen Tag putzmunter in Sportdress und Joggingschuhen. Sölden ist eben auch Wettkampfort und Trainingsstätte des Skinachwuchses. Selbst dann, wenn die Lärchen im Tal noch ihr Herbstnadelkleid tragen, schwitzen oben auf dem Gletscher die Skistars der Zukunft. Wie die jungen Stammgäste vom Skiclub SC Kandel aus Waldkirch bei Freiburg, die seit Jahren hierherkommen und die Tramperin vom Gletscher ins Tal mitnehmen, weil der Skibus zu Saisonbeginn noch selten fährt. Wer es in den Nachwuchskader der Worldcup-Elite schafft, bekommt seine Hausaufgaben per E-Mail in die Berge geschickt.

Resi Stiegler, junge amerikanische Hoffnungsträgerin aus dem US-Skiteam, sitzt zu Saisonbeginn noch oft im Hotel Alphof an der Bar und klappt ihren Laptop auf: Trainingstermine, Sponsorenbesuche, E-Mails aus der Heimat. „Meine Familie ist mein Team“, sagt die 21-jährige Tochter des in die Staaten ausgewanderten österreichischen Ski-Olympiasiegers Josef „Pepi“ Stiegler. Die braucht sie jetzt auch an ihrer Seite, nach ihrem schweren Rennunfall beim Slalom in Lienz. Alpiner Skiwettkampf ist eben auch Hochrisikosport.

Wahre Fans stehen ihren Idolen in allen Lebenslagen bei. Bei der Parade der Fanclubs unten in Sölden recken sie buntgeschminkt Fanplakate in die Höhe, schwenken Kuhglocken, musizieren auf Waschbrettern und lassen Rauchbomben platzen. Die Skiszene-Groupies erkennen Skistars wie den Italiener Giorgio Rocca trotz Skibrille und Mütze und lassen sich mit ihnen in der Liftschlange fotografieren. Die jungen Nachwuchsfahrer mit ihren eng anliegenden Rennanzügen und den coolen Shorts drüber lassen sich die Autogramme gleich auf den Helm geben.

 

Vodka – Connecting People. Diese Verballhornung des Nokia-Werbeslogans steht auf dem T-Shirt von Sölden-Tourist George Dubenetsky. Der Moskauer ist privat begeisterter Wintersportler und beruflich Chefredakteur des russischen Skimagazins. Dass mitunter über den Habitus mancher seiner Landsleute gelästert wird, trifft ihn. Acht Prozent der Sölden-Urlauber sind inzwischen Russen. Sie kennen aus der Heimat nur die wenigen, vielfach veralteten Liftanlagen aus niedriger gelegenen Skigebieten wie Sotschi und Krasnaya Polyana. Der Schnee dort ist feucht und schwer. Sicher, auch in Sölden posen Neureiche in 14 000- Euro-Skianzügen und lassen dem Kind Trüffeln auf die Nudeln streuen – die dem Nachwuchs dann doch nicht schmecken. Doch viele Beschäftigte in der Tourismusbranche wie Thomas Förster, der die Gäste am Tresen im Hotel Alphof mit Charme und Witz unterhält, wissen viel Gutes über die neue Klientel zu berichten. Man müsse sich nur auf die Essgewohnheiten der freundlichen und dankbaren Gäste einrichten: Russen bestellen gern alles auf einmal, von der Vorspeise bis zum Nachtisch, sagen Servicekräfte. Auch in dem nahe Sölden gelegenen Wellness-Komplex „Aqua Dome“ freut man sich über die zahlungskräftige Kundschaft, die im nach den Erkenntnissen der Feng-Shui-Philosophie gestalteten VIP- Bereich mit Meditationsraum entspannt. Manche Ex-Sowjetbürger gestehen gerührt, dass sie sich in den Bergen Westeuropas angesichts österreichischer Gastfreundschaft und Lebensqualität wie „Alice im Wunderland“ fühlen.

 

Ein Schluck aus dem Bergbach.

Bergfreunde wie Alois Pirpamer aus dem kleinen Örtchen Vent – wo sie wie in Sölden noch alle Riml, Falkner oder Gstrein heißen – finden die Stille woanders. Der Mann ist schon über 70 – und immer noch als Bergführer, Skilehrer und bei der Bergrettung aktiv. „Luis“, wie ihn die Einheimischen nennen, folgt der Philosophie des Gletscherpfarrers Franz Senn, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch seine Verbindungen zu deutschen Bergfreunden den Tourismus in der späteren Ötztal-Arena begründete. Alois Pirpamer hat schon Menschen aus Gletscherspalten gezogen – oder sie in seinen Armen sterben sehen. Er sieht auf einen Blick, ob jemand „gut am Berg geht“, ob ein Hang lawinengefährdet ist oder nicht. Er und seine Söhne kümmern sich um den Erhalt der Berghütten droben.

Pirpamer würde sich gut verstehen mit Anna Kallner, die gerade mit Sohn Ruben auf der Hütte im Gletscherskigebiet Pause macht. Die Urlauberin aus Schweden hat selbst mal in der Skibranche gearbeitet, in der Produktentwicklung für Skikleidung. „Aber dieser ganze Kommerz, dass wir den Leuten vormachen, sie bräuchten unbedingt jedes Jahr eine neue Ausrüstung, und bei der Herstellung jede Menge CO2 rauspusten“, da habe sie nicht mehr dahinterstehen können.

Sie kann es nicht fassen, dass die Gletscher in den Alpen tatsächlich schon in hundert Jahren abgeschmolzen sein sollen, wie es Wissenschaftler vorhersagen. Dann werden womöglich noch mehr Eisleichen gefunden wie der „Ötzi“. Den hat Alois Pirpamer übrigens vor mehr als zehn Jahren eigenhändig aus dem Eis gepickelt. Später hat er zur Feier des Tages dann einen guten Wein getrunken.

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