Sommerurlaub im Winter : Einmal ohne Christbaum

Wer Weihnachten ausfallen lassen will, braucht ein Kontrastprogramm: am besten einen heiter-beschwingten Sommerurlaub.

Peter Strunk
Lanzarote, weihnachtlich geschmückt. In Yaiza ist, im typischen schwarzen Sand der Insel, eine Weihnachtskrippe zu bewundern.
Lanzarote, weihnachtlich geschmückt. In Yaiza ist, im typischen schwarzen Sand der Insel, eine Weihnachtskrippe zu bewundern.Foto: imago

Es ist das Fest der Feste. Es hat den unumstößlichsten der festen Plätze im Kalendarium eines fast jeden Menschen im christlich geprägten Abendland: Weihnachten! Wer erinnert sich nicht an glückselige Kindertage, daran, wie die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und die Geschenke zur Plünderung freigegeben wurden? Später, als die eigenen Kinder heranwuchsen, inszenierte man den Kleinen zuliebe alles noch viel schöner und aufwendiger, als man es in Erinnerung hatte.

Weihnachten ist längst kein Ereignis mehr, sondern ein vom Imperativ ökonomischer Effizienz bestimmter Prozess, der im September eines jeden Jahres einsetzt. Man kommt ahnungslos vom letzten Freibadbesuch der Sommersaison und erblickt beim Discounter um die Ecke die ersten Spekulatius. Zwei Monate später gibt es kein Entrinnen mehr: Jahresendrallye im Büro, Einkaufsmarathon in der Shoppingmall, Weihnachtsfeiern in der Firma, im Verein, mit Freunden. Und immer wieder: Gänsebraten, Gänsebraten, Gänsebraten.

"Wo haben wir diese Plörre eigentlich her?"

Aber das ist noch längst nicht alles: Weihnachtsbaum kaufen, Weihnachtsbaum nach Hause schleppen. Am Morgen des Heiligen Abend den Weihnachtsbaum aufstellen, Kisten mit Weihnachtsbaumschmuck aus dem Keller schleppen, Kisten auspacken, Weihnachtsbaum schmücken. Verwandtschaft vom Besuch abraten. („Och nö, wir machen über die Feiertage gar nichts.“) Mit den Kindern in die überfüllte Kirche gehen, „Oh, du Fröhliche“ singen.

Nach Hause gehen, Würstchen mit Kartoffelsalat essen, Geschenke auspacken, herumsitzen und den längst überfälligen Familienstreit vom Zaun brechen. Am ersten Feiertag ausschlafen, Gänsebraten essen, Spaziergang machen, Familienstreit beilegen. Am zweiten Feiertag ausschlafen, Reste vom Gänsebraten essen, Spaziergang machen. Sich vornehmen, zwischen den Jahren „ein gutes Buch“ zu lesen, woraus meistens nichts wird. Silvester um Mitternacht fröstelnd auf der Straße stehen, süßen Sekt aus Plastikbechern trinken („Wo haben wir diese Plörre eigentlich her?“) und den Kindern zuschauen, wie sie versuchen, einen halbgefrorenen Hundehaufen mithilfe von Chinaböllern in die Luft zu sprengen.

Am 6. Januar ist schließlich alles wieder vorbei. Der Weihnachtsbaum, schon kräftig nadelnd, wird abgerüstet. Der Schmuck wandert in die Kiste, die Kiste in den Keller, der Baum landet auf der Straße. Anschließend stehen uns in Berlin noch zwölf Wochen unter betongrau verhangenem Winterhimmel bevor, ehe der Frühling Einzug hält.

Man kann Weihnachten ausfallen lassen

Ich gebe unumwunden zu: Mir ging Weihnachten früher nicht auf die Nerven. Ich empfand die Tage „zwischen den Jahren“ als sehr angenehm, sind sie doch die einzigen im Jahr, in denen ein jeder in Ruhe gelassen werden will und ein jeder den anderen auch in Ruhe lässt. Zuweilen gelang es mir sogar, in das „gute Buch“ einzutauchen, das zu lesen ich mir vorgenommen hatte.

Allerdings erfüllte mich die Ansicht von Spekulatius beim Discounter im September von Jahr zu Jahr mit größerem Schauder. Nimmt die Jahresend-Hektik nicht immer zwanghaftere Züge an? Bietet die Weihnachtszeit inzwischen nicht Anlass genug, um entweder vom Glauben gänzlich abzufallen oder bis zum Osterfest, der eigentlichen Nagelprobe des Christentums, zu warten? Trotz aller Zweifel plagte mich das schlechte Gewissen: Kann man Weihnachten ausfallen lassen? Einfach so? Und Silvester gleich mit auf die Streichliste setzen? Gerät dann nicht des Menschen Seelenlage in bedenkliche Schieflage? Findet das Jahr dann überhaupt noch einen würdigen Abschluss?

Man kann. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich zum Jahresende weniger anstrengende Formen der Seelenmassage angedeihen zu lassen. Wer Weihnachten und Silvester ausfallen lassen möchte, braucht ein angemessenes Kontrastprogramm, am besten einen heiter-beschwingten Sommerurlaub. Genau so haben meine Frau und ich es gemacht.

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