Sonne, Strand und Krise : Last Minute soll’s richten

Griechen lassen nun die Nebenkosten purzeln – doch die Deutschen zögern.

Horst Schwartz
Rhodos. Lindos mit seiner Akropolis gilt als das bekannteste Dorf der Insel.
Rhodos. Lindos mit seiner Akropolis gilt als das bekannteste Dorf der Insel.Foto: PA

Argyris Marneros ist ein weiser Mann. Mit seinem weißen Rauschebart sieht er aus wie ein Bilderbuchgrieche, auch wenn er auf folkloristische Accessoires wie Fransenkopftuch oder Bauchbinde verzichtet. „Ihr schickt Kunden in unser Land“, sagt er zu einer Gruppe von Reisebüroexpedienten, die auf Einladung des Reiseveranstalters Tui Griechenland bereisen, „ich empfange Gäste.“ Der 70-jährige Reiseleiter führt die Besuchergruppe durch die Ruinen des Asklepion auf Kos, jener antiken Heilstätte, in der angeblich auch Hippokrates seine Ausbildung zum Arzt erhalten hat. Immer wieder antwortet er auf die gleiche Frage: „Nein, es gibt keine Deutschfeindlichkeit in Griechenland.“

Die Furcht vor den immer wieder kolportierten Aggressionen griechischer Gastgeber gegen deutsche Gäste ist einer der Gründe, warum griechische Ziele bei deutschen Reiseveranstaltern zögerlich gebucht werden. Noch im April lag das Minus bei 25 Prozent und darüber. Es war allerdings ein Minus auf relativ hohem Niveau: Denn 2011 waren Griechen wie Spanier und die Türken die Krisengewinnler. Wer Tunesien und Ägypten mied, buchte häufig ersatzweise eines der drei Länder.

Die Griechenland-Buchungen bei deutschen Großveranstaltern haben in den zurückliegenden Wochen wieder angezogen. „Wir haben aufgeholt, sind aber noch nicht bei null“, umreißt Stefan Baumert die Situation. Er ist bei Tui für „Product & Pricing Mittelstrecke“ zuständig und hat sich intensiv mit den Faktoren befasst, die offensichtlich die Buchungsdelle verursachen. „Die Eurokrise schlägt nicht auf die Buchungen durch“, weiß er, „auch all die Finanz- und Politikmeldungen nicht.“ Was potenzielle Touristen verschreckt, sind Ausschreitungen „und erst recht eine brennende Deutschlandfahne“. Baumert ist wie Kollegen von Mitbewerbern überzeugt, dass diese Hemmnisse vom Tisch sind, „sobald Griechenland wieder eine stabile Regierung hat“. Ob es dazu nach den Wahlen am 17. Juni kommt, bleibt abzuwarten.

Alle Veranstalter rechnen mit einer Spätbucher- und Last-Minute-Welle. „Last Minute wird alles richten“, davon ist Hoteleinkäufer Gero Eden überzeugt, aber das sei dann für sein Unternehmen „kein Geschäft“.

Die Expedienten- Gruppe weiß noch von einem weiteren Buchungshindernis. „Griechenland ist einfach zu teuer“, sagt eine Reisebüromitarbeiterin aus Thüringen, die in diesem Jahr erst zwei Reisen nach Hellas verkaufen konnte. Auch wenn die Hoteliers den Veranstaltern mit Preisnachlässen von bis zu 20 Prozent entgegengekommen sind, sind Pauschalreisen nach Griechenland meist noch erheblich teurer als Türkei-Arrangements.

Weiter können Hoteliers die Kosten allerdings kaum noch senken. Steuern und Abgaben sind in den vergangenen Jahren nahezu inflationär gestiegen. Für Sprit und Heizöl zahlen Hotelbetreiber wie Privatleute horrende Summen. Superbenzin kostet zwei Euro pro Liter.

Auch die hohen Flugpreise tragen dazu bei, dass Hellas mit dem Nachbarn Türkei nur selten konkurrieren kann. Billigflüge sind rar. Billigcarrier haben auf Kos und Rhodos schon um finanzielle Unterstützung nachgefragt, um ihr Flugprogramm zu niedrigen Preisen anbieten zu können. Air Berlin hat auf ihren Griechenland-Strecken derzeit nur ein Drittel des Aufkommens von 2010, dem Jahr vor Beginn der Krise.

Argyris Marneros führt Gäste durch die Antike auf Kos.
Argyris Marneros führt Gäste durch die Antike auf Kos.Foto: Horst Schwartz

Trotz der gestiegenen Abgaben wollen die Griechen derzeit bei den Nebenkosten anscheinend Maß halten. Auf Kos und Rhodos – dort selbst in der hoch frequentierten historischen Altstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt – finden sich Cafés und Restaurants, die einen Espresso wieder für (immer noch stolze) 2,50 Euro servieren. Eine Flasche bestes Olivenöl (0,75 Liter) gibt’s jetzt für sieben Euro. Viele Souvenirgeschäfte stellen Ramschkörbe mit Einheitspreisen – ein bis vier Euro – vor die Tür, in denen Mitbringsel auf Käufer warten. Manches Preisschild bei T-Shirts ist mit einem deutlich niedrigeren Preis überklebt. Händler klagen dennoch über eine bemerkenswerte Zurückhaltung deutscher Urlauber beim Souvenirkauf. Ein Schmuckhändler im Hotel Atlantica Aegean Blue auf Rhodos: „Sie überlegen lange, das Geld sitzt nicht mehr so locker.“

Dennoch seien die Deutschen bei seinen Landsleuten die liebsten Gäste, versichert Panagiotis Skordas, Direktor des Griechischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt am Main: „Sie kommen mit Familie, benehmen sich anständig und trinken nicht zu viel.“ Sie haben nach seiner Erfahrung „wenig Probleme mit anderen, gehen mehr raus aus dem Hotel und haben an Land und Leuten das meiste Interesse“.

Fazit: von Deutschfeindlichkeit keine Spur. Wenn auch Griechen wie Jannis, Reiseleiter auf Kos, keine Gelegenheit auslassen, Verständnis für ihre Situation zu fordern. „Nicht das griechische Volk ist für die Krise verantwortlich, es sind die Politiker“, klagt er. Aber er kann sich nicht verkneifen, noch einen Satz nachzuschieben: „ … und die Troika.“

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