Spanien : Kathedralen des Weins

Im spanischen Navarra hat sich Architekten-Prominenz so mancher Bodega angenommen. Vielerorts ist eine extravagante Betriebskulisse entstanden.

Dorothee Baer-Bogenschütz

Javier Banales klatscht in die Hände. „Ist das nicht ein Erlebnis für alle Sinne?“ Er freut sich wie ein Magier, der noch an den düstersten Orten unversehens Zauber aufzieht. Zufrieden mustert er sein Publikum. Das zeigt Überraschung und Andacht. Javier macht eine Führung durch die Bodega Otazu: eine Kathedrale des Weins in Navarra. Tief dringen wir ein ins Gewölbe, in den erhöhten Altarbereich, in dem zu Verkostungen mit Abendmahlcharakter schon mal Streicher aufspielen. Mit Violinen stimmen sie die Gäste ein auf edle Tropfen und unvergleichliche Pinchos. Die Appetithappen mit Meeresfrüchten, Glaskartoffel- oder Blutwursttörtchen ersetzen in dieser Gegend die sonst in Spanien gereichten Tapas. Kreativität buchstabiert Navarra im Gaumen. Eine Kellerei wie Otazu steht für Gesamtgenuss. Seit Jahrhunderten schon erzeugen die Landgüter der Senoriós de Otazu y Eriete Premiumweine. Hier nippt sogar der Königshof.

Ambitionierte Bodegas gibt es im Weinland Navarra immer mehr. Die nordspanische Provinz betört mit ihrem Rebensaft seit der Römerzeit und empfiehlt sich inzwischen international. Zunehmend beschäftigt die Weinbauern da auch die zeitgemäße Ästhetik der Funktionsräume. Architektenprominenz ist angesagt. Sie schafft Niveau in die Keller. Und wer nicht alles in Spanien bereits attraktive Bodegas baute! Frank Gehry, Santiago Calatrava, Michael Graves sind nur die bekanntesten Baumeister. Dem führenden Weingut Julián Chivite bescherte Rafael Moneo – in Berlin verantwortlich für das Hyatt am Potsdamer Platz – eine extravagante Betriebskulisse.

Klar, dass die anspruchsvolle Bauaufgabe auch dem einheimischen Nachwuchs in die Nase steigt. Das Gut Otazu veredelte Jaime Gaztelu. Spaniens nördlichster Anbieter roter Rebsorten vereint elegant Aroma und Ambiente. Aus dem Stahlbetonbau am Rio Arga im Talbecken von Pamplona wurde ein glänzender Schrein für Tempranillo und sagenhafte Chardonnays mit „eleganter Reduktionsnote, gut strukturiert am Gaumen“.

Gaztelus majestätisches Gewölbe ist Krypta und Kirchenschiff zugleich. Sichtbeton wurde raffiniert illuminiert, und wer die Reihen der Eichenholzfässer abschreitet, mag glauben, der Jakobspilgerweg setze sich hier unten fort. „Wir laden zur inneren Einkehr“, sagt Javier.

Neben den Tempeln des Weins sind Hotels mit besonderer Note im Visier der Architekten. Hinter mittelalterlichen Fassaden werden historische Stadthäuser ausgebaut und nach Gesichtspunkten modernsten Designs im Gestern verankert. Ländliche Quartiere sind oft an liebenswerten Besonderheiten reich. Einblicke ins Intimleben der Gastgeber gewinnt man etwa in Puenta la Reina. Die Besitzer des Landhotels El Peregrino sammeln Antiquitäten und verteilen ihre gotischen Madonnen großzügig auf Garten und Gesellschaftsräume. Navarra ist Individualistenrevier.

Es trifft sich, dass das „alte Königreich“, wo sich auch Spaniens zweitälteste Weinkellerei befindet – sie stammt aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus –, stets begabte Baumeister anzog. Den Jakobsweg flankieren herausragende Zeugnisse romanischer Architektur. In Orten wie Olite, Sangüesa oder Tudela führt allein schon das Portal der Kirchen zur tieferen Versenkung.

Der direkt aus dem Glauben erwachsende Baustil ist es, der Fremde berührt. Jeder Neuankömmling erliegt der eindrucksvollen Konzentration auf das Wesentliche. Der vielgestaltige Reiz der Pyrenäenausläufer, die Natur am Saum des Atlantiks, die delikaten Lichtspiele auf dem „kleinen Kontinent Navarra“ mit seiner geologischen Wandelbarkeit zwischen Wüste und Wald, ergeben ein Bild, das man sich gemalt wünscht, um es nach Hause tragen zu können. Wer bei sinkender Sonne auf dem winzigen Flughafen von Pamplona landet, die samtig beschienene Sierra del Perdón im Nacken, spürt den Sog dieser entspannten Region sofort. Nicht glühende Hitzewellen sind hier zu spüren, sondern belebende Winde. Das macht auch die Baumeister kühn. Avantgardistische Wege gehen sie mittlerweile sogar bei den Repräsentationsbauten der Kommunen. Eine minimalistische Moderne wird gepflegt. Gegen Naturwunder wie den größten europäischen Buchenwald, die an den Grand Canyon erinnernde Abenteuerschlucht von Arbayún, welche Ornithologen in Entzücken versetzt, oder die bizarre Bardenas-Wüste werden Ikonen aktueller Baukunst gesetzt.

Moneo, gebürtig aus Tudela, Navarras zweitgrößter Stadt, pfropfte auf die Ruinen des alten Königspalastes von Pamplona ein Archiv und Ausstellungshaus aus hellem Stein: Wahrzeichen der neuen Zeit mit kantigem Understatement. Francisco „Patxi“ Mangado, zur jüngeren Garde der iberischen Meisterarchitekten zählend und aus dem Bilderbuchörtchen Estella gebürtig, punktet in der Stierkampf-Stadt mit dem wehrhaften Ausstellungspalast „Baluarte“. Auf große zusammenhängende Flächen und klare Linien setzt seine so monumentale wie formal reservierte Architektur für die Künste, die einen antiken Schutzwall einbezieht.

Acht Kilometer nördlich von Pamplona empfängt Kulturtouristen mit dem Museum Jorge Oteiza ein Vorzeigeprojekt zu Ehren eines großen Bildhauers. Das Atelier des kurz vor der Eröffnung 94-jährig Verstorbenen flankierend, entstand in Alzuza, wo Oteiza viele Jahre zurückgezogen lebte und arbeitete, ein extravagantes Bauwerk für seine Skulpturen. Francisco Javier Sáenz de Oiza, im navarresischen Cáseda geboren und von Le Corbusier beeinflusst – mit postmodernen Elementen gab er der Staatlichen Universität Pamplonas ihr zeitgeistiges Gesicht –, realisierte es mit plastischem Kompositionsverständnis und bestechenden Panoramaausblicken in rötlichen Erdfarben.

Oteiza, einer der großen abstrakten Bildhauer Spaniens, modellierte bisweilen bloß mit dem Druck der Handflächen oder Unterarme, zog das Wegnehmen dem Hinzufügen vor. Umso mehr bleibt dem Betrachter für die Ergänzung in Gedanken. „Er arbeitete mit dem Raum, nicht mit der Materie“, sagt Aitziber Urtasun, Leiterin der Museumspädagogik. Diesem Geist folgt der Museumsarchitekt. „Das Licht“, doziert Sáenz de Oiza, „soll seitlich einfallen und in der Mitte Raum für ein Geheimnis lassen.“

Den Künstlern begegnen die Küchenchefs von Navarra auf Augenhöhe. Applaus für das Restaurante Treintaitres in Tudela, das mit dem Slogan Pasión por la verdura – Liebe zum Gemüse – nicht nur Vegetarier ködert. Göttlicher war nie ein grünes Spargelbett mit roter Paprika. Kleinkunstwerke für sich sind Don Pablos Pinchos. Man bekommt sie am Stammsitz der Taberna in Pamplona, aber gelegentlich eben auch im Hause Otazu. Und wer zum feinen Wein ein Kabeljautörtchen – Bacalao ajoarriero – oder andere Kreationen des Hauslieferanten verspeist, der nimmt sich sogleich Großes vor: Es den Adlern gleich zu tun, die unermüdlich durch die Grand Canyon-artige Schlucht von Lumbier segeln – und künftig öfter auf diesen gesegneten Flecken zu landen.

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