Reise : Spiel mit tausend Funkeln

In der Pariser Maison Baccarat schuf der Designer Philippe Starck ein schillerndes Gesamtkunstwerk. Im „Cristal Room“ kann man auch dinieren

Marlies Gilsa

An der Pariser Place des États Unis Nummer Elf lassen sich Besucher auffallend lange Zeit, wenn sie zur Toilette gehen. Einige zücken dort sogar ihre Kamera. Denn das Örtchen ist ausgesprochen sehenswert. Überall blitzt und funkelt es. Opulente Kristalllüster spiegeln sich in den Wänden des spärlich beleuchteten Raums. Je nach Tageszeit entspinnt sich ein geheimnisvolles Spiel von Lichteffekten und Farben. Aber so gehört es sich wohl für den Sitz eines Unternehmens wie Baccarat. Es gilt weltweit als erste Adresse für Kristall, Synonym für höchste Handwerkskunst, Stilempfinden und prestigeträchtigen Luxus. Da versteht es sich von selbst, dass auch bei den Toiletten nichts dem Zufall überlassen bleibt.

Erst recht nicht bei den übrigen Räumen der Maison Baccarat, die als Kombination von Firmensitz, Museum, Shop und Restaurant ein kleines Gesamtkunstwerk darstellt. Als die Firma 2003 ihren Sitz in das 16. Arrondissement unweit des Triumphbogens verlegte, ließ sie Philippe Starck bei der Gestaltung freie Hand. Und der griff tief in die Trickkiste. Wer das Haus betritt, wird von Kaminen, monumentalen Porzellanvasen und einem überdimensionalen Stuhl empfangen, später treffen Wände aus rohem Beton auf allegorische Malereien. Man fühlt sich ein bisschen wie Alice im Wunderland. Und das ist offenbar gewollt: „Das Wesen Baccarats ist für mich eine Welt der Illusion, die durch das optische Spiel des geschliffenen Glases entsteht“, erklärt Starck – und inszeniert die Baccara-Produkte wie in einem Tempel.

Die Kultobjekte sind kugelförmige Zuckerdosen und pinkfarbene schmale Vasen, die zur Weltausstellung von 1867 und 1878 angefertigt wurden oder das filigrane Service Saint-Exupéry von 1964. Orientalisierende Karaffen wechseln ab mit Parfümfläschchen, die einst Düfte von Dior konservierten, an den Decken baumeln wiederum funkelnde Kronleuchter aus durchsichtigem oder schwarzem Kristall. Ob schlicht und schlank, barock und bauchig, hauchzart oder massiv – immer spiegeln die Stücke die Moden und Geschmäcker der verschiedenen Epochen wider. So auch die neueren, käuflich zu erwerbenden Stücke, die die Handschrift von Designern wie Ettore Sottsass, Andrée Putman und des Bildhauers César tragen. Starck selber hat mit seiner Serie „Darkside“ die lange Geschichte des Hauses fortgeschrieben.

Begonnen hat sie im Jahr 1763, als König Ludwig XV. dem Bischof von Metz erlaubte, in Baccarat, einer Kleinstadt in Lothringen, eine Glasbläserei zu gründen. Um 1816 entstand hier erstmalig Kristall, 1827 wurde es auch farbig. Seitdem hat die Firma nicht aufgehört, für Könige, Kaiser wie Napoleon III., Staatspräsidenten und wohlhabende Bürger zu produzieren. Noch heute wird an den Tischen des Élysée-Palastes aus Gläsern des Service „Juvisy“ getrunken. Und auch in Moskau, Tokio und anderswo darf das prestigeträchtige Kristall nicht fehlen. „Vor einigen Jahren hat zum Beispiel Thailands Königshaus zehntausend Stücke geordert“, weiß eine Mitarbeiterin.

Ob auch die ehemaligen Besitzer des Hauses zu den Kunden zählten? Das Geld dafür hätten sie gehabt, und geizig waren sie nicht. Als sich Charles und die exaltierte Marie-Laure de Noialles in den zwanziger Jahren in der Pariser Villa niederließen, versammelten sie in ihren Salons Diplomaten, Prinzessinnen und Künstler wie Man Ray oder Kurt Weill. Sie gaben rauschende Feste wie den surrealistisch angehauchten „Bal des Matières“ oder den „Ball des Monds über dem Meer“.

Den Rahmen bildete der noch heute intakte Festsaal mit Wandgemälden eines Tiepolos-Schülers, der an französische Schlösser erinnert. Doch dem Aristokratenpaar Noialles ging es dabei nicht um Repräsentieren. Vielmehr betätigten sie sich als spendable Mäzene, die unter anderem den Film „L’ Age d’Or“ von Luis Buñuel und Dalí finanzierten. „Eines Abends aß ich bei den Noialles“, erinnert sich der Künstler in „Das geheime Leben des Salvador Dalí an seinen ersten Besuch. „Ihr Haus schüchterte mich ein… Jedes Mal, wenn der Sommelier sich meinem Ohr näherte und mir ganz leise und in vertrauensvollem Ton den Namen und den Jahrgang des Weins zuflüsterte, dachte ich, es sei etwas Schlimmes passiert (…) ich zuckte zusammen, blass und bereit, sofort vom Tisch aufzuspringen.“

Entspannter können heutige Besucher hier speisen. Auch wenn das elegante Restaurant im ehemaligen Esszimmer der Noialles seinem Namen „Cristal Room“ alle Ehre macht und der Champagner in rubinrote oder kobaltblaue Gläser der Baccarat-Serie „Véga“ von Yves Savinel und Gilles Roze perlt – der Service ist ausgesprochen freundlich und sorgt dafür, dass keiner der Gäste inmitten der kalten Pracht in Ehrfurcht erstarrt. Dazu trägt auch die Küche von Guy Martin bei. Sein Risotto aus schwarzen Trüffeln stimmt ausgesprochen versöhnlich.

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