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Standortvorteil: Das kühle Lüftchen an der Ostsee : Die Wetterdaten der Klimaforscher prophezeien heiße Zeiten für Südeuropa

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Foto: privat

Der Klimawandel wird den europäischen Strandtourismus verändern, so viel steht für Andreas Matzarakis von der Universität Freiburg fest. Der 49-jährige Klimatologe ist Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Biometeorologie und ermittelt mithilfe regionaler Computermodelle die klimatischen Bedingungen für den Fremdenverkehr der Zukunft. Tourismusklimatologie nennt sich die Wissenschaft, bei der es nicht nur um Badetemperaturen und Sonnenscheinstunden geht.

Professor Matzarakis, Sie sind einem für den Tourismus elementaren Zustand auf der Spur: dem Wohlgefühl des Gastes. Wann hat eine Region das richtige Urlaubsklima?

Über die klimatische Tourismustauglichkeit entscheidet nicht allein die Lufttemperatur. Auch andere meteorologische Größen wie Luftfeuchtigkeit, Windstärke und Sonnenstrahlung beeinflussen unser Klimaempfinden. Aus dem Wärmeaustausch des Menschen mit seiner Umgebung wird die thermische Behaglichkeit berechnet. Eine Art „gefühlte Temperatur“, die weit über der Lufttemperatur liegen kann. Werte um 20 bis 25 Grad sind uns angenehm, ab 35 Grad beginnt der Hitzestress. Dann leidet die touristische Attraktivität.

Schauen wir auf die regionalen Klimamodellrechnungen für das Mittelmeer. Die Küstenregionen sind dort den ganzen Sommer lang mit einem dunkelroten Farbfilm überzogen. Es wird ziemlich heiß an spanischen Stränden und auf den griechischen Inseln. Zu heiß für den mediterranen Strandtourismus?

Zu den aktuellen 60 bis 80 sehr heißen Tagen werden in den kommenden Jahrzehnten, bis ungefähr 2070 noch einmal 30 hinzukommen. Der Hitzestress beginnt dann schon im Mai und reicht bis in den September. Eine so lange Zeit ohne thermische Behaglichkeit – die Mittelmeerländer werden als Sommerdestination nicht mehr so beliebt sein.

Gilt das für den gesamten Mittelmeerraum?

Das östliche Mittelmeer wird es nicht ganz so hart treffen. Auf den griechischen Inseln steigt die gefühlte Temperatur im Sommer auf „nur“ 45 Grad. Rhodos, Kos und die anderen Inseln profitieren von den Etesien-Winden, die von Mai bis September über die Ägäis hinwegwehen und bei Kreta wieder nach Osten abdrehen. Diese Nordwinde bringen etwas Abkühlung.

Worauf muss sich der Tourismus im westlichen Mittelmeer einstellen?

Dort wird es noch ungemütlicher. Die Costa del Sol und andere spanische Ferienregionen bekommen 50 Grad gefühlte Temperatur zur Hauptsaison. Obwohl die Lufttemperatur mit 30 oder 35 Grad wesentlich darunter liegt. Spanien wird in Zukunft mehr auf die Wintersaison setzen, dann herrschen angenehme 10 bis 20 Grad. Griechenland muss nicht ganz so weit in die kühlen Monate ausweichen. Dort verlagert sich die Saison ins Frühjahr und in den Herbst. Den Tourismusregionen am Mittelmeer bleibt nichts anderes. Sie müssen die Saison in die Monate mit verträglichen Temperaturen ausweiten. Unerfreulicher Nebeneffekt: Die Konkurrenz zwischen Tourismus und Landwirtschaft um Wasserressourcen wird verschärft.

Können sich die Urlauber denn wenigstens im griechischen Frühling von thermischer Behaglichkeit verwöhnen lassen?

Nicht unbedingt. Das Wetter ist dann zwar angenehm mild, aber nicht so beständig wie im Sommer. Der Strandurlaub kann verregnet sein. Denken wir an den April dieses Jahres. Der war in Deutschland sonniger und angenehmer als in Griechenland und Spanien.

Verlassen wir das Mittelmeer und reisen nach Nordeuropa: Wie wird sich der Klimawandel auf den Tourismus an der deutschen Küste auswirken? Werden die Strandtouristen nach Norden ziehen?

An Nord- und Ostsee steigt die gefühlte Sommertemperatur um maßvolle vier Grad an. Dort weht auch im Sommer ein kühles Lüftchen – in Zukunft ein unschätzbarer Standortvorteil. Die Deutschen würden dann nicht mehr die Strände entlang der Costa del Sol besuchen, sondern an die Nord- und Ostsee fahren. Auch tschechische und französische Urlauber könnten angelockt werden.

Und die Südeuropäer?

Italiener oder Spanier zieht es nicht so schnell an die deutsche Küste. Denen fehlt dort das mediterrane Flair. Wo sollten sie auch unterkommen? Die deutschen Inseln sind nicht vergleichbar mit den großen Tourismusorten, wie man sie aus Spanien kennt. Die können gar nicht so viele Gäste aufnehmen.

Begrenzte Kapazitäten – aber eine klimatisch sorgenfreie Zukunft?

Keineswegs. Durch die Wassererwärmung können die Ostseebäder ein Problem mit Algenwachstum und Quallen bekommen. Nicht zu vergessen der Meeresspiegelanstieg – 40 Zentimeter bis zum Jahr 2050! Auch wenn das einer Industrienation keine unlösbaren technischen Probleme bereiten sollte. Im Gegensatz zu den Touristeninseln im Indischen Ozean, die zum Teil aufgegeben werden müssen. Obwohl sie nicht zu den Verursachern des anthropogenen Klimawandels gehören.

Interessieren sich die Tourismusanbieter für das Klima im Jahr 2070?

Die Jahre 2020 bis 2050 liegen schon eher in ihrem zeitlichen Vorstellungsrahmen. Für diesen Zeitraum haben wir in den Jahren 2006 und 2007 als Teil des Förderprogramms „Klima zwei“ mehrere Pilotorte an der Nordsee unter die Lupe genommen. Juist positioniert sich jetzt als klimaneutrales Urlaubsziel. Die Voraussetzungen dort sind ideal: Die Insel ist autofrei.

Das Gespräch führte Andreas Lorenz-Meyer

Andreas Matzarakis lehrt an der Universität Freiburg. Der 49-jährige Klimatologe ist Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Biometeorologie.

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