Stavanger : Schwarzes Gold und kleine Fische

Öl und Sprotten haben das norwegische Stavanger groß gemacht. Jetzt darf es sich "Kulturhauptstadt Europas 2008" nennen.

Franz Lerchenmüller
Stavanger
Der Hafen von Stavanger. -Foto: dpa

Die Wiedergeburt der Stadt erfolgte am Weihnachtsabend des Jahres 1969. Pünktlich zum Fest verkündete die amerikanische Ölfirma Phillips voller Stolz, dass sie nach jahrelangen unbefriedigenden Bohrungen nunmehr fündig geworden sei: Ekofisk, Europas größtes Ölfeld war entdeckt worden. Der Aufstieg Norwegens zum Großverdiener und der Ausbau Stavangers als Zentrum des Petroleumgeschäfts konnte beginnen. Im kommenden Jahr darf sich Stavanger nun gemeinsam mit Liverpool „Kulturhauptstadt Europas“ nennen.

Öl, das schwarze wie das gelbe, von dem noch die Rede sein wird, hat die Stadt an der Westküste Südnorwegens zu dem gemacht, was sie heute ist: Ein quirliger, teurer Knotenpunkt, in dem große Konzerne residieren und 116 000 Menschen aus vielen Ländern leben, Vergnügungsmeile für Erdölarbeiter auf Urlaub, Sprungbrett zu den Plattformen und Versorgungsbasis für die Tanker und Unterwasseranlagen vor der Küste.

Eine Stadt ohne rechtes Gesicht ist Stavanger, aber mit hübschen einzelnen Zügen. Rund um das Hafenbecken Vagen reihen sich alte Speicher und neue Restaurants, der Fischmarkt und die Anleger der Ausflugsschiffe. Die streng gestaltete Skagen-Brücke schließt die Bucht zum offenen Wasser hin optisch ab, daneben liegt ein Yachthafen, Getreidesilos säumen die andere Seite. Der Dom hat seit 1272 unverändert seine romanisch-gotische Form behalten und musste nur im Inneren ein paar barocke Schnörkel hinnehmen. Aus dem Stadtsee Breiavatnen dahinter werden die Neugeborenen gefischt – weil es dem Storch im unwirtlichen Norwegen zu kalt ist. Die Altstadt, fast durchgehend Weiß in Weiß, weist exakt 173 Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert auf, ansehnlich verziert mit Lattenzäunen und Vorgärten mit Malven, Hortensien, Rosen und Buchs.

Geschichtsträchtig ist der Boden ohnehin: Ganz in der Nähe bei Hafrsfjord schlug Harald Schönhaar 872 seine Konkurrenten und einte das Königreich – die haushohen, martialischen „Schwerter in Stein“ des Fritz Roed, erst 1983 eingeweiht, erinnern unübersehbar daran.

Direkt am Wasser erhebt sich das Ölmuseum, einem kantigen Gebirgszug nicht unähnlich, mit seinem Monolith aus grauem Gneis, einem blauen Quader und drei silbernen Zylindern auf Stelzen im Meer. Gehuldigt wird hier dem Stoff, der die Bilanzen explodieren lässt. Bohrköpfe sind aufgereiht wie die Häupter von Ölgötzen, metallene Spinnen und Wasserkäfer hängen von der Decke, Roboter, die Pipelines säubern und Steine am Meersgrund beiseite räumen sind zu bewundern. Leuchtschrift zeigt in Echtzeit die Abflugzeiten der Helikopter von der Stadt zu den Plattformen an: „21.30 – West-Alpha“.

Doch auch die „schwarzen Tage“ werden nicht verschwiegen: Als etwa am 27. März 1980 die Plattform „Alexander L. Kielland“ kenterte und 123 Mann in den Tod riss. Nach dem Sicherheitstraining per Video darf der Besucher „offshore“, in die Bohranlage – nicht ganz so ungewöhnlich in Norwegen, wo 240 000 Menschen ihr Geld mit Öl verdienen und zu jeder Zeit angeblich ein Fünftel davon auf dem Atlantik arbeiten. Gleich hinter der Kabine mit Bett und Fernseher kommen Krankenstation, Fitnessraum und Musikzimmer. Im Herzen der Anlage steht der Bohrraum, aus dessen Führerkabine der Blick aufs Bohrgestänge nach unten geht – und auf die See, in der, ein paar Dutzend Kilometer weiter, all diese Technik nicht Spielzeug, sondern Arbeitsgerät ist, im, wie die Internationale Arbeiterorgansiation meint, „gefährlichsten Beruf der Welt“.

Doch vor dem Erdöl war es Olivenöl, das der Stadt den Reichtum brachte: Es machte, gemeinsam mit dem Sterilisieren, die Sprotten in den Dosen haltbar. Stavanger versorgte ein Jahrhundert lang die Welt mit den kleinen Fischen. Piers Crocker, der Direktor des Konservenmuseums, ist Engländer; doch er erzählt so begeistert, wie die Firmen von der Herstellung von Fischklößen allmählich zum Eindosen geräucherter Heringe fanden, als flösse norwegischer Aquavit in seinen Adern. Fünf bis sechs Sekunden brauchte ein erfahrener Arbeiter, um eine Büchse fachgerecht mit Brisling, wie die Sprotten hießen, zu füllen. Bei dem Besucher, der sich an Gummifischchen versucht, dauert es fast eine Minute, und das Ergebnis kann sich nicht wirklich sehen lassen.

Die Blütezeit der Konservenindustrie setzte Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Einführung neuer Technik ein, und der Direktor freut sich norwegisch-königlich, wenn er den Schalter umlegt und Etikettier-, Falz- und Lötmaschine zu rattern und rasseln und klackern beginnen, als seien sie bis gestern noch auf vollen Touren gelaufen. 59 Fabriken gab es 1925 in Stavanger. Und ihre Direktoren waren clevere Marketingleute: Sie besuchten Lebensmittelmessen weltweit, ließen Plakate drucken, gaben ihrem Fisch klangvolle Namen und beklebten die Dosen mit den entsprechenden Etiketten. „Loreley“ hießen die, „Norwegian Girl“ oder „Kaiser Wilhelm“. Und sie zeigen sportliche Damen, verwitterte Krieger, neue Automobile und alte Adlige. Rund 44 000 Motive sollen es insgesamt sein – und das Museum in der alten Konservenfabrik hat eine prächtige Auswahl davon.

Der Regen gehört zu Stavanger wie das Öl. Seine Bewohner wissen, warum sie die meisten ihrer Einkaufsmeilen überdacht haben, und manche von ihnen trotzen dem Nieselgrau mit Hausfassaden in fröhlichem Sonnengelb, Knallorange und Latzhosenlila. Natürlich kann man auch bei Regen den zweistündigen Fußmarsch hinauf zum Prekestolen, Norwegens beliebtestem Fotomotiv, unternehmen – wenn man nicht ganz bei Trost ist. Und, oben angekommen, irrt man dann möglicherweise in der dunstigen Suppe herum und stellt sich vor, dass direkt vor den Füßen der Fels 600 Meter abfällt – und der Fjord unten bei Sonne wunderbar glitzert. Sinnvoller ist an solchen Tagen jedoch eine Bootsfahrt in den Lysefjord.

Von den bleiern schimmernden Wänden schäumen Bäche als weißes Geäder. Wie Pilze wachsen die Bojen der Muschelfarm aus dem Meer. 300 Kilometer Tau, erklärt die Führerin, hängen darunter in die Tiefe, besetzt von Millionen und Abermillionen Schalentieren. Und dann steigt wie eine Kulisse aus „Herr der Ringe“ dräuend und düster die steile Wand des Prekestolen, des Predigerstuhls aus dem Meer und verliert sich oben im Grau. Unablässig perlen Regenschnüre. In Spalten klammert sich Krüppelgehölz. Drei durchnässte Ziegen halten auf einem Absatz die Stellung. Und aus dem schwarzen Stein treten Fratzen, Trolle, Könige hervor und starren auf die vorwitzigen Eindringlinge hinab. Der Skipper stellt einen Eimer in den Bug und lotst sein Boot vorsichtig unter den Wasserfall: ein frischer Schluck für alle, direkt vom Himmel gefallen.

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