Reise : Sterne statt Strohsack

Deutsche zieht es zum Wandern. Sie suchen das Naturerlebnis, möchten einen gewissen Komfort jedoch nicht missen

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Mancher Wanderer braucht abends nur ein Stück Fußboden, wo er seinen Schlafsack ausbreiten kann. Doch es gibt auch eine andere Gruppe, die in den vergangenen Jahren zahlenmäßig stets gewachsen ist: Wanderer, die etwas Luxus durchaus schätzen und nicht in Jugendherbergen oder kleinen Privatzimmern übernachten möchten. Sie bevorzugen das Hotel, das zwei, drei Sterne und mehr haben darf.

Heinz-Dieter Quack vom Europäischen Tourismus Institut in Trier unterscheidet „alte“ und „neue“ Wanderer: „Die alten sind eher bescheiden. Wandern ist für sie ein leichter Leistungssport, bei dem Geselligkeit zählt.“ Es gebe aber auch eine ganz neue Klientel: „Sie ist prestige- und qualitätsbewusst, sie will keine sportliche Herausforderung, sondern Naturerlebnis, Ruhe und Abgeschiedenheit.“ Die „neuen“ Wanderer bevorzugen Strecken von höchstens 15 statt 25 Kilometer am Stück sowie das Unterwegssein in der kleinen Gruppe oder zu zweit. „Für die alten reichten ein gut ausgeschilderter Weg und abends eine Hütte mit schmalen Betten“, sagt Hochschullehrer Quack. „Die neuen sind viel reiseerfahrener. Sie stellen im Wanderurlaub die gleichen Ansprüche wie beim Badeurlaub auf den Kanaren.“ Stefan Gubitz beobachtet den touristischen Markt für Wanderer schon lange: 1994 gründete er Gomera Trekking Tours, den Vorgänger des neuen Veranstalters Drei Wünsche Wanderreisen. Damals seien die Erwartungen der Wanderer nicht hoch gewesen, erinnert er sich.

Inzwischen hat sich das Publikum für Wanderreisen aber stärker aufgefächert: „Es gibt durchaus eine Zielgruppe, die Komfort und mehr Qualität will“ – und die dafür auch einiges zu zahlen bereit ist. Anders als früher sei Wanderurlaub nicht mehr die preisgünstige Alternative zur Flugreise, bestätigt Sven Büchler vom Deutschen Wanderverband in Kassel: „Heute können zwei Wochen auf Mallorca viel günstiger sein als in Deutschland.“ Wer in der Eifel oder im Bayerischen Wald wandert, entscheide sich gezielt dafür. „Das ist dann oft auch mit höheren Ansprüchen verbunden.“ Viele gehobene Hotels stellten sich entsprechend auf Wanderer ein – die Ferienhotels der Steigenberger Gruppe etwa.

Die gleiche Beobachtung hat Susanne Leder gemacht: „Die Ansprüche ändern sich immens“, sagt die Expertin, die für die Wanderregion Müllerthal in Luxemburg arbeitet. „Es sind heute ganz andere Leute als früher, die wandern. Sie sind jünger, sie haben einen höheren Bildungsgrad, und sie geben mehr Geld aus.“ Wandern erfülle inzwischen auch einen anderen Zweck: Es gehe nicht mehr nur ums Baum- und Blümchengucken. Wichtig sei der mentale Ausgleich zur Beschleunigung im Berufsalltag, sagt Leder, die ihre Doktorarbeit über die „Neue Muße im Tourismus“ geschrieben hat. Entsprechend wollen viele Wanderer abends im Hotel entspannen – etwa mit Wellness-Angeboten, die diesen Namen verdienen.

Quack sieht das ähnlich: „Die neuen Wanderer wandern nicht, weil sie wandern wollen, sondern weil sie Entspannung, Ruhe und Glück suchen.“ Glückserfahrungen auf dem Wanderweg sind dabei für den Tourismuswissenschaftler keine Esoterik: „Viele Urlauber suchen heute Beziehungserlebnisse, die man zum Beispiel beim intensiven Wandern zu zweit machen kann, aber auch Erfahrungen, die den Urlauber in seiner Selbstwahrnehmung bestätigen.“ Entsprechend müssen Wanderregionen mehr bieten als Trampelpfade durch die Pampa. Dazu kann gehören, dass es direkte Erlebnisangebote gibt – von der Hängebrücke bis zum Barfußpfad, ein Konzept, das viele der neuen Premiumwanderwege verfolgen. „Der Rothaarsteig ist ja bewusst ein Weg der Sinne“, sagt Professor Quack.

Susanne Leder geht davon aus, dass Wandern künftig noch mehr mit Angeboten kombiniert wird, die weit über klassische Wellness hinausgehen: „Das kann von Yogakursen bis Personal Coaching reichen.“ Für Tourismusregionen und Hotelbetriebe sei das durchaus eine Chance, eine neue Klientel für sich zu gewinnen.

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