Studienreisen : Die Wucht der Palazzi

Reisen und lernen: An authentischen Orten lässt sich Geschichte besser begreifen.

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Kleine Gruppen wünschen sich Studienreisende. Diese hier haben es beim Besuch der Pyramiden bei Kairo richtig gemacht. Gewiss, das...ullstein bild

„Reisen bildet“, heißt es – und das gilt nicht nur dann, wenn das Lernen ausdrücklich im Mittelpunkt steht. Was und wie der Einzelne zum Beispiel über Kultur oder Geschichte während einer Reise lernt, hat sich in den vergangenen Jahren allerdings kräftig verändert: „Tote Steine sind out“, sagt Torsten Kirstges von der Fachhochschule in Wilhelmshaven. „Aber das Interesse an vielen historischen Epochen ist da“, betont der Direktor des Instituts für innovative Tourismus- und Freizeitwirtschaft.

Manches lässt sich in den besten Vorträgen oder Powerpoint-Präsentationen nicht so vermitteln wie am Ort selbst: „Die Domkuppel von Florenz zu erleben und vielleicht sogar selbst darin herumzuklettern, ist etwas völlig anderes, als sie nur auf Bildern zu sehen“, erklärt Bernd Mütter, emeritierter Professor der Universität Oldenburg. Die architektonische Wucht der Gebäude wirke viel eindrücklicher. „Die Palazzi, aber auch die Enge der Gassen lässt sich so viel intensiver erfahren. Viele Eindrücke sind eben nicht simulierbar.“ Reisen sei daher die ideale Grundlage, um etwas über Geschichte zu lernen, sagt Mütter, der das Konzept des „Histourismus“ entwickelt hat, das Geschichte und Reisen verbindet.

Mütter ist das Thema nicht nur theoretisch angegangen: Er hat im Rahmen der Erwachsenenbildung auch zahlreiche Reisen konzipiert und unternommen – nach Maastricht, wo mit der Unterzeichnung des gleichnamigen Vertrags EU-Geschichte geschrieben wurde, genauso wie nach Florenz oder Flandern, ins Burgund oder nach Verdun. Dabei bestätigte sich für den Historiker immer wieder, wie hilfreich es sein kann, an „authentischen Orten“ etwas über deren Geschichte zu erfahren: „Wenn man in Verdun die Gräberfelder mit den Toten aus dem Ersten Weltkrieg sieht, dann begreift man, was Materialschlacht bedeutet.“    

Städte, die ohnehin von historischem Interesse sind wie Florenz, bieten sich für solche Reisen an und sind für die Teilnehmer oft auch attraktiver – „nach Ostwestfalen wollte erst kaum einer mit“. Historisches Lernen funktioniere dort jedoch so gut wie in der Toskana. Manchmal seien sogar gerade „kleine“ Themen, die nicht Weltgeschichte geschrieben haben, für Touristen interessant, ergänzt Kirstges. Persönlichkeiten wie der Schinderhannes oder historisch belegte Kriminalfälle seien Anknüpfungspunkte für Reisekonzepte, bei denen zugleich etwas über die Vergangenheit zu lernen ist.

Das Interesse an den Daten von Schlachten oder Königsdynastien hat sicher abgenommen. „Das heißt aber nicht, dass die Leute nichts mehr lernen wollen, sondern, dass sich das Lernen verändert hat“, erläutert Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen. „Man will heute aktiv am Lernen beteiligt sein, so wie das in vielen Mitmachmuseen umgesetzt wird“, erklärt der Freizeit- und Tourismusforscher.

„Eineinhalbstündige Referate zur Architekturgeschichte – das ginge heute auch gar nicht mehr“, bestätigt Ury Steinweg, Geschäftsführer des Studienreisenveranstalters Gebeco. Lernen dürfe nicht mehr eindimensional sein. „Reisende wollen nicht nur historische Fakten erfahren, sondern auch Geschichten über das soziale Umfeld am Reiseziel.“ Steinweg ist überzeugt, dass das Interesse am Lernen während der Urlaubsreise sogar größer geworden ist: „Schon deshalb, weil die Zielgruppe für solche Reisen enorm gewachsen ist. Das sind nicht mehr nur die fünf Prozent Bildungsbürger wie vor 50 Jahren.“

Weil die Erwartungshaltung bei den Teilnehmern größer sei, seien Studien- und Erlebnisreisen anspruchsvoller geworden – auch für den Reiseführer: „Früher reichte ein Doktortitel, heute muss er auch didaktisch gut sein“, sagt Steinweg. „Und er darf sich nicht nur mit Geschichte oder Archäologie auskennen.“ Zum Konzept der „modernen Studienreise“ gehöre ein breites Spektrum an Themen, ergänzt Betina Rütten, die beim Veranstalter Studiosus für die Aus- und Weiterbildung der Reiseleiter verantwortlich ist. „Wirtschaft und Soziales genauso wie Politik, Traditionen, Kultur und Musik, Klatsch und Tratsch, Mode und Lifestyle.“

Das heißt nicht, dass die klassischen Inhalte komplett über Bord geworfen werden: „Bei einer Rom-Reise beschäftigen wir uns natürlich auch mit der römischen Antike und deren historischer Bedeutung“, sagt Rütten. Das Interesse daran sei da – größer geworden ist aber das Bedürfnis an „Begegnungen mit Land und Leuten“, wie Gästebefragungen zeigten. Die Teilnehmer einer Studienreise wollten gerade durch solche direkten Kontakte etwas lernen.

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