Abenteuertourismus : Die Hüter des Waldes

Die baumreiche Natur Ecuadors ist bedroht. Die Dschungelbewohner ehren sie als ihre Mutter und kämpfen für die Erhaltung des Waldes. Touristen helfen ihnen dabei.

Tom Noga
Riese mit Wurzeln. Der Kapokbaum (Ceiba pendata) ist einer der Giganten des Regenwaldes.
Riese mit Wurzeln. Der Kapokbaum (Ceiba pendata) ist einer der Giganten des Regenwaldes.Foto: mauritius images /Minden Pictures

Delfín Pauchi zieht den Ast eines Annattostrauchs zu sich herab, pflückt eine stachelige Frucht, drückt seine Fingernägel in die Schale, bis sie aufplatzt. Er zerquetscht den roten Samen zu einer Flüssigkeit. „Das ist Achiote“, erklärt Pauchi, ein Mann in den späten 50ern, schwarze, millimeterkurze Haare, sanfter Blick. „Die rote Farbe steht für das Blut der Menschen. Wir sind alle Geschwister, Kinder der Pachamama.“ Im Glauben der indigenen Völker Südamerikas ist Pachamama die Mutter Erde, die Schöpferin allen Lebens.

Delfín tunkt einen Holzstab in die Paste und zeichnet einen Kreis und ein Dreieck auf meine Stirn. Sie stehen für Himmel und Erde, darüber malt er eine Krone – das Gehirn.

Seinem Sohn Rolando, der uns begleiten wird, malt er eine Schlange auf die Stirn (Reinheit), den beiden britischen Gästen eine Waage (Ausgewogenheit) und den Affen (Beständigkeit). Dann ist Delfín selbst an der Reihe. Rolando, 25, verpasst ihm ein einäugiges Strichmännchen. Das ist der hombre orientador, ein Waldgeist, der uns den Weg zurück aus dem Dschungel weisen soll. Delfín erläutert: „Diese Symbole haben uns die Vorfahren überliefert, auf Stein gemalt. Anthropologen sagen, dass die Inschriften aus dem Jahr 500 vor Christus stammen. Sie mahnen uns, die Natur als unsere Mutter zu ehren.“

Ohne die Geister das Waldes zu beschwören, per Zeichnung oder in der Meditation, geht Delfín Pauchi nie in den Dschungel. Dabei bräuchte er zumindest die Besinnung auf den hombre orientador gar nicht: Delfín ist schließlich hier aufgewachsen, im Tiefland Ecuadors. Eine halbe Autostunde fährt man über unbefestigte Straßen von dem Provinzstädtchen Tena hierher.

Leben wie die Vorfahren, das ist sein Motto

Sein ganzes Leben hat er in dieser Gegend verbracht, abgesehen von ein paar Wanderjahren in der Jugend, er kennt jeden Pfad und jeden Hügel. Er bewirtschaftet eine Finca, zusammen mit seiner Frau Stella, die ihm der Tradition gemäß mit 15 Jahren versprochen wurde. Und mit seinem Sohn Rolando, dem jüngsten seiner sechs Kinder, und dessen Frau Ivone. Auch diese Ehe wurde arrangiert.

Auf seiner Finca züchtet Delfín Hühner und Schweine und baut Gemüse und Kräuter an – wie schon seine Eltern und Großeltern. Leben wie die Vorfahren, das ist sein Motto. Delfín ist ein Indio vom Volk der Quichua. Das bezeichnet längst keinen Stamm mehr, sondern eine Sprachfamilie, weil die Spanier in der Kolonialzeit Quichua als Lingua franca bestimmt hatten. Ethnisch gehört er den Omauas an, einem Stamm aus dem Grenzland von Peru und Brasilien, dessen Mitglieder sich über ganz Amazonien verteilt haben.

Delfín Pauchi führt durch den Urwald.
Delfín Pauchi führt durch den Urwald.Foto: Tom Noga

Wir brechen auf. Von der Finca aus geht es einen Hügel hinab. Zwischen den Bäumen, die den schmalem Weg säumen, sind andere Häuser zu erkennen. Früher war das mal ein Dorf, ein Dorf ohne Namen allerdings, und Delfín Pauchi war Häuptling und Schamane. Heute dagegen lebt jede Familie für sich.

„Besser so“, erklärt er. „Mit den anderen Familien hat es immer Diskussionen gegeben. Ich bitte sie, den Urwald nicht abzuholzen. Aber sie fällen Bäume, um das Holz zu verkaufen. Das ist falsch: Mit jedem Baum, den wir fällen, stirbt ein Stück von uns selbst. Für jeden gefällten Baum müssen wir zwei neue pflanzen, damit wir und unsere Kinder noch Luft zum atmen haben.“

Sein Leben lang hat Delfín Pauchi es so gehalten. Hat immer nur dann Holz gemacht, wenn er es unbedingt brauchte. Für Ausbesserungen am Haus oder neue Stallungen. Verbaut hat er nur Materialien von seiner eigenen Finca. Außer Holz und Steinen vor allem paja toquilla, ein Stroh, das nur in diesem Teil der Welt vorkommt. Damit hat er die Dächer gedeckt. Seine Nachbarn verwenden Blech. Das ist weniger aufwendig und haltbarer. Aber für Delfín Pauchi kommt eine solches Zugeständnis an die Nützlichkeit nicht in Frage.

Längst haben sich die Kronen der Bäume über uns geschlossen

Delfíns Ziel ist ein Aussichtspunkt, ein magischer Ort, wie er sagt. Immer weiter schlängelt sich der Pfad hinein ins undurchdringliche Grün. Längst haben sich die Kronen der Bäume über uns geschlossen. Es geht stetig bergauf. Auf dem Boden wimmelt es von Insekten. Delfín deutet auf eine fingernagelgroße Ameise, eine Conga, und mahnt zur Vorsicht. Sie beißt mit dem Maul und sticht mit dem Schwanz – eine schmerzhafte Erfahrung. Einmal wollte ein Gast nicht hören und hat eine Conga berührt. Danach habe er einen Tag und eine Nacht gelitten.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir den Aussichtspunkt, von dem eine Klippe 200, 300 Meter abfällt. Dahinter endlose grüne Hügel. Unten eine Flussmündung. Dort entsteht aus dem Rio Anzu und dem Jatunyacu der Río Napo, der sich bei Nauta in Peru mit dem Marañon zum Amazonas vereint.

Rolando imitiert die ängstlichen Rufe gerade geschlüpfter Falken. Auf den Felsen auf der anderen Seite des Flusses schwingt sich ein Falke in die Luft, alarmiert vom Geschrei der vermeintlichen Jungvögel. Es ist eine intakte Welt, die sich hier präsentiert, der Beginn Amazoniens, der grünen Lunge Südamerikas. Kein Auto- oder Bootslärm ist zu hören, kein Mensch zu sehen.

„Hier oben ist der Fluss noch sauber“, erzählt Delfín. „Doch am Unterlauf sieht es anders aus. Da wird Öl gefördert, dort leben viele Menschen. Der Río Napo ist kontaminiert, auch mit Quecksilber, weil am Fluss auch Gold geschürft wird. 50, 60 Kilometer von hier wird es flacher, dort beginnt die industrielle Ölförderung.“

Die Ölförderung sieht nicht nur Delfín Pauchi kritisch. Einerseits hängt Ecuadors Wohlstand zu einem beträchtlichen Teil am Öl. Anderseits verursacht sie erhebliche Umweltschäden. In der Gegend um Nueva Loja, dem Zentrum der ecuadorianischen Ölförderung, sind weite Teile des Regenwaldes zerstört. Vor sechs Jahren hat ein ecuadorianisches Gericht die Verursacher, den Mutterkonzern der Ölfirma Texaco, zu Schadenersatz in Höhe von neun Milliarden Dollar verurteilt. Doch bis heute ist kein Cent geflossen.

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