Chile : Das Schimmern der Himmelstürme

Bergriesen, Gletscher, Fjorde und Seen: Im riesigen Nationalpark Torres del Paine wird Patagonien zum Wunder.

Marmorkapellen. Die extravaganten Felsformationen und Höhlen aus hellem vieladrigem Marmor an Chiles Lago General Carrera – ein Muss für Touristen.
Marmorkapellen. Die extravaganten Felsformationen und Höhlen aus hellem vieladrigem Marmor an Chiles Lago General Carrera – ein...Foto: Uli Schulte Döinghaus

Zur Not könnte man das „Cerveza Austral“ auch als Kompass benutzen. Das Bier aus dem chilenischen Patagonien wird nämlich in einer Aludose verkauft, auf der das blaue Massiv der Torres del Paine abgedruckt ist, der „Türme des blauen Himmels“. Ein Verirrter müsste nur so lange die Bierdose nördlich gegen den Horizont ausrichten, bis Etikett und Naturpanorama deckungsgleich sind.

Dann hätte er die Südspitze des Lago Grey erreicht, wo es einen Schiffsanleger gibt, ein kleines Hotel und einen Parkplatz, auf dem neulich ein Bimobil aus dem niedersächsischen Schaumburg-Lippe stand, also Rettung aus der eventuellen Not. Aber Verirren ist im südchilenischen Parque Nacional Torres del Paine recht unwahrscheinlich. Die Wanderwege, regelmäßig gesäumt von Schutzhütten und Unterständen, sind ausgezeichnet markiert und kartiert.

Stemm Dich gegen den Sturm! Gib ihm die Breitseite deines Körpers, reck die Arme! Ein paar Augenblicke lang wirst du das Gefühl haben, die Schwerkraft könnte sich verabschieden und du würdest über den See getragen, dem Horizont entgegen. Dorthin, wo der Gletscher kalbt.

Der Gletscher am Nordrand des Lago Grey – der Glaciar Grey – ist in diesen Stunden gut zu erkennen. Ein Glück. Denn ob es unter den Torres del Paine neblig oder sonnenklar, regnerisch oder trocken ist, das entscheidet Señor Zufall. Und wie es um den Gletscher, 17 Kilometer nördlich, bestellt ist, das ist an den manchmal ozeandampfergroßen Eisklumpen zu erkennen, die vom Glaciar Grey regelmäßig abbrechen und, vom ewigen Sturm getrieben, südwärts driften, bis sie anlanden.

Das Chaos schuf eine Schönheit

Ob die Natur ironiebegabt ist? Jedenfalls entspricht dieses durchschimmernd himmelblaue Monstrum, das der Gletscher vor rund 14 Tagen gekalbt hat, mit ein bisschen Fantasie den Umrissen des Cerro Paine Grande, der sich hinter dem Westufer 3000 Meter hoch in die patagonische Atmosphäre spitzelt. Einige Zuschauer spazieren am schmalen Strand, den Blick unverwandt dorthin gerichtet, wo sich im Verlauf der Jahrmillionen Türme mit Erkern und Zinnen geformt haben.

Die Kiesel sind warm von der Sonne. Das Chaos des Natürlichen hat eine Schönheit geschaffen, die uns andächtig macht. Da sind Variationen von grün, grau und blau. Mehr als Wasser, Eis, Steine, Baumgrenzen, Schnee und Gipfel gibt’s hier nicht – aber alle, die hier verweilen, verharren still, wie gelähmt.

Hier sind Sie richtig. Die Bierdose zeigt den Standort „Torres del Paine“ genau an.
Hier sind Sie richtig. Die Bierdose zeigt den Standort „Torres del Paine“ genau an.Foto: Uli Schulte Döinghaus

Viel später, wenn die kurze Nacht alles im Schwarzdunklen versteckt, wird sich dieses Gefühl wiederholen – dann, wenn nichts zu sehen ist als ein Firmament, über und über mit Sternen gesprenkelt. Chile ist das Dorado für Astronomen aus aller Welt; die gewaltigsten optischen Teleskope der Erde stehen in den Wüsten des Landes, oben im Norden. Aber auch hier unten im Süden, 4000 Kilometer vom Südpol entfernt, ist die Luft klar und der Nachthimmel sternenübersät.

Um zum Nationalpark Torres del Paine zu kommen, gibt es Busverbindungen. Sparfüchse mit Zeit könnten in rund 40 bis 45 Stunden von der Hauptstadt Santiago de Chile hierher zum Flugplatz von Punta Arenas gelangen; Flüge von Santiago dauern knapp 4,5 Stunden. Landesinnere Flug- und Fahrzeiten zeigen eindrucksvoll, wie sich das schmale Land Chile auf 4300 Kilometern auf einer Länge erstreckt, die der Luftlinie zwischen der Nordspitze von Norwegen und Gibraltar entspricht.

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