Dschungel-Festival : Bunt sind alle Geister

Überall in Brasilien wird jetzt Karneval gefeiert. Am Amazonas setzen sie im Juni noch einen drauf: beim Bumbá-meu-Boi.

Marc Vorsatz
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Im Sambarythmus. Drei Tage lang brennt die Luft im Dschungel. -Foto: laif

Tais, das geschmeidige Mädchen aus dem Dschungel, lacht – und klettert in die Hängematte des Gringos. Die Nacht ist schwül am Amazonas. Die Gefühle wallen allenthalben. Der Fremde ist sich noch unklar darüber, was ihn erwartet. Für Tais hingegen hat Bumbá-meu-Boi schon auf der Anreise zu diesem großen Fest der Sinne begonnen. Wie für so viele Passagiere auf den 200 Schiffen, die jetzt nur noch ein Ziel haben: Parintins, das sonst so verschlafene Provinznest auf der noch verschlafeneren Amazonasinsel Tupinambarana im Norden Brasiliens, wo in den kommenden drei Nächten die verrückteste Oper der Welt, nein, nicht aufgeführt, sondern toben wird.

Kein Weg ist den herbeiströmenden Partyjüngern offenbar zu weit. So zwischen 20 und 50 Jahre alt ist das Gros, was sich hier aus aller Welt versammelt. Die meisten gehen in der Millionenmetropole Manaus an Bord. Für die 420 Kilometer benötigen die bunt getakelten, nicht mehr taufrischen Amazonasdampfer 26 Stunden. Mit der Strömung. Volle 60 Stunden sind es von Belém am Atlantik flussaufwärts. Im Amazonasgebiet, das so groß wie Europa ist, sind die Flüsse die Straßen. 100 000 sollen es sein, so genau weiß das niemand. Aber alle fließen sie in den Fluss der Flüsse, an dessen fernen Ufern selbst Urwaldriesen scheinbar auf Miniaturgröße schrumpfen.

Punkt sieben Uhr zerreißt eine hämmernde Druckwelle den friedlichen Sonnenaufgang. Hunderte Papageien fliegen kreischend auf, Brüllaffen stürzen verstört ins grüne Dickicht. Denn oben auf dem Sonnendeck steht Julio an den Turntables und tut genau das, wofür man ihn bezahlt: Er legt auf, als ob er nicht von dieser Welt wäre. Wie eine Vorhersehung schallt Donna Summers „I Feel Love“ kilometerweit über den majestätischen Strom. Die Leute rappeln sich aus den Hängematten und klettern instinktiv dem Rhythmus hinterher. Frühstück kann warten, eine Cola tut’s jetzt auch. Sie sind wirklich schön anzusehen, die Hüfte schwingenden Halbblutindianerinnen, die Caboclas, in ihren Zahnseidebikinis made in Rio. Die Männer bevorzugen Sportswear-Schlabberlook und halten sich lieber am Bier fest. Die meisten Einwohner Amazoniens sind Caboclos, Nachfahren der Ureinwohner, die sich einst munter mit den portugiesischen Eroberern mischten. Bis heute gilt in Brasilien: je heller, desto schöner, am besten blond mit blauen Augen.

Vor Parintins gerät der Schiffszug ins Stocken. Jetzt trifft die Armada aus dem Osten auf die aus dem Westen. Auch über dem Städtchen staut es sich. Chartermaschinen schneiden Warteschleifen in den Himmel. Es wird eng am Kai, die Boote legen in drei Reihen an. Was danach geschieht, ist weltweit einzigartig. War das Volk soeben noch eins, so teilt es sich jetzt in die „Garantidos“, die in rote Fummel schlüpfen und in die „Caprichosos“, ganz in Blau. Denn die Dschungelorgie ist eigentlich ein gigantischer Wettbewerb zwischen den Roten, die spielerisch das einfache, sympathische Volk symbolisieren und den Blauen, die sich eher der Mittelschicht zugehörig fühlen. Ein Spiegel der brasilianischen Gesellschaft, die sich klar nach Geld und Hautfarbe gliedert. Ein animalisches und animistisches Folklorefest dazu, gespickt mit christlichen Elementen der brasilianischen Juni-Prozessionen.

Die Straßen vom Hafen zum „Bumbódromo“, dem eigens für das Festival errichteten Stadion, quellen über. Selbst die angepinselten Wohnhäuser prunken in Rot oder Blau. Wie eine Lawine wälzt sich die Masse auf den Hexenkessel zu, wo Punkt 20 Uhr das Schicksal der beiden Ochsen, Boi Caprichoso und Boi Garantido, seinen Lauf nehmen wird. Die Caprichosos scheinen schon vor den eigentlichen Wettbewerben mit den Garantidos um die Krone zu tanzen. An jeder Ecke treiben DJs und Baterias, Trommelgruppen in Kompaniestärke, die Menschen an. Ein kollektives Vorglühen zum nächtlichen Sodom und Gomorrha. Sie tanzen einen Tanz, der eigens für diese drei Tage choreografiert wurde, tanzen nach zwei Dutzend Gassenhauern, die eine Woche später schon Geschichte sein werden. Die indianischen Songs mit Anleihen von Samba, Calypso und Musical werden Parintins genau drei Tage lang aufrütteln, um es dann wieder seinem Dornröschenschlaf zu überlassen.

Endlich ist es so weit. Selbst das Stadion ist nun komplett zweigeteilt. Auf der einen Seite die Roten, auf roten Sitzen, auf der anderen Seite die Blauen, auf blauen Sitzen. Wohl hunderttausend Menschen ohne Ticket feiern mit – draußen vor Hightech-Videowänden. Mit einem Schlag erhellt ein bizarres Feuerwerk den schwarzen Horizont und der MC, der Master of Ceremony, eröffnet das Spektakel in einem beschwörenden Bass.

Dann übernimmt Boi Garantido, der weiße Ochse mit dem roten Herzen auf der Stirn, die Regie. Das Bumbódromo öffnet sich, hausgroße Paradiesvögel, Affen und Schlangen erobern den Raum. Wie von Zauberhand bewegen sich die kunstvollen Megafiguren. Sie leuchten, sie stampfen, sie dampfen, speien Feuer, haben sogar Mimik. Es sind wahre Meisterwerke der Mechanik und Fantasie. Und mittendrin hunderte Tänzer in abenteuerlichen Amazonaskostümen.

Hoch oben, auf dem Kopf einer sich windenden Anaconda Grande, tanzt eine Coboclagöttin, deren traumhaftes Federkostüm wirklich nur die privatesten Stellen ihres schönen Körpers zu bedecken vermag. Am Boden, neben einem zarten Apfelbaum, zerfetzen 2000 Trommler die klebrige Luft. Immer wieder wechselt das fabelhafte Bühnenbild, verschwinden Tänzer, kommen frische Akteure, immer neu ausstaffiert. Das Ensemble erzählt dabei ein altes Amazonas-Märchen.

Die Geschichte vom heiligen tanzenden Ochsen, dessen Urversion bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen soll: Der schwangeren, eher weniger hübschen Catirina gelüstet es nach Rinderzunge, ihr Ehemann Francisco zieht los und erschießt einen Ochsen. Natürlich den Falschen, den heiligen. Ein Urwaldpriester mit übersinnlichen Kräften wird angerufen. Der Schamane kann mit den Geistern des Regenwaldes sprechen, sogar seinen eigenen Körper dafür verlassen. Mit allerlei Beschwörungen und Zauberei gelingt dem Wunderdoktor – wie sollte es anders sein – die Auferstehung des toten Ochsen. Alle sind glücklich, Mensch und Tier feiern gemeinsam einen Rausch aus Farbe und Musik, eine grandiose Ode an ihr geliebtes Amazonien.

Genau drei Stunden haben die Garantidos für ihre Inszenierung Zeit. Dann muss das blaue Team mit seinem schwarzen Boi Caprichoso in den Ring und mit noch schillernderen Darbietungen glänzen. Schon erstrahlt das legendäre Opernhaus von Manaus in voller Pracht aus Pappmaché und Glitzerfarbe. Oder die drei Heiligen der Junifeste dominieren das Geschehen. Johannes, Antonius und Peter sind steif, aber turmgroß und in gläubiger Ehrerbietung winden sich makellose Schönheiten zu ihren Füßen. Körperkult, Sexappeal und Religion gehen offenbar gut zusammen im Land mit ganz überwiegend katholischer Bevölkerung. Warum auch nicht, schließlich ist der heilige Antonius Schutzpatron der Reisenden und Liebenden, der auch hilft, gute Ehen zu stiften.

Damit nicht genug. Das gesamte Publikum ist ein Teil der Inszenierung: Unterstützt die eine Hälfte ihre soeben spielende Mannschaft frenetisch, muss die gegnerische Fangemeinde schier unendliche drei Stunden lang still sitzen. Und mucksmäuschenstill sein, sonst droht ein drastischer Punktabzug. Diese Regel ist wirklich hart, da sie völlig dem innersten Wesen eines jeden Brasilianers zuwiderläuft.

Um zwei Uhr nachts, wenn sich die Massen aus dem Bumbódromo mit den davor Feiernden vereinen, wird Boi Bumbá endgültig das, warum die meisten hier sind: eine hedonistische Volksdroge. Die Nacht vibriert im Rhythmus von Venus und Apoll, ist geschwängert vom Mief der Räucherbuden, den Aromen von Zuckerrohrschnaps und Guaraná, der Frucht einer südamerikanischen Kletterpflanze, auch als Viagra natural bekannt. Dazu kommt das offenbar unstillbare Verlangen, den Augenblick zu zelebrieren, als ob er der letzte wäre. Drei Nächte regiert die Ekstase den Regenwald. Sechsmal wird das Märchen vom Ochsen inszeniert – bis am Ende eine Farbe obsiegt.

Jetzt, wenn der übermächtige Karneval in Rio und anderswo, bald abgefeiert ist, fiebert man in Amazonien dem Juni-Spektakel im Dschungel entgegen.

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