Jamaika : Am Strand wachsen Träume

Sonne, Karibik, Reggae, Lachen überall. So weit das Klischee. Und die Wirklichkeit? Eine Rundreise auf einer eigentümlichen Insel.

Hella Kaiser
Für jeden Kopf das Passende. Malan verkauft Hüte am Strand von Negril. Eine Mittagspause macht er nicht – trotz sengender Sonne.
Für jeden Kopf das Passende. Malan verkauft Hüte am Strand von Negril. Eine Mittagspause macht er nicht – trotz sengender Sonne.Foto: Hella Kaiser

Schwer beladen stapft der Mann durch den puderweißen Sand, Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Dutzende Strohhüte schleppt er mit beiden Händen, einen riesengroßen hat er sich noch über den Kopf gestülpt. Der Mann ist ein wandelnder Hutturm, und er zerfließt beinahe in der Hitze.

Es ist zwölf Uhr mittags am Seven-Mile-Beach von Negril, im südöstlichen Zipfel Jamaikas – und Malan versucht, ein wenig Geld zu verdienen. Die Konkurrenz ist groß, sie lauert in zahlreichen Bretterbuden, die für Strandbesucher alles im Sortiment haben. Vor allem die lokale Biermarke Red Stripe, ice cold, versteht sich. 15 Dollar will Malan für einen Hut. Viel zu teuer. Aber wer wollte handeln, jetzt, unter dieser sengenden Sonne? Malan überreicht die Kopfbedeckung, nimmt das Geld und sagt: „Vielen Dank, dass Sie mich unterstützen.“

Erst in den späten 1960er Jahren war die Sandmeile hier entdeckt worden, von jungen Touristen, die viel Zeit, aber wenig Geld hatten. Jamaika bot billige Schlafplätze, Reggae und gutes Kraut, um in Stimmung zu kommen. Inzwischen stehen viele All-inclusive-Resorts in der ersten Strandreihe. Und wer dort gebucht hat, bleibt häufig nur vor der Hoteltür. Liegen stehen bereit, zudem sind alle Drinks ja schon mit der Buchung bezahlt worden.

Das Wasserflugzeug wurde beschossen - ein Versehen

Manche finden dann aber doch in die Bar Margaritaville, am östlichen Strandzipfel von Negril. Ein quirliger Ort mit Gute-Laune-Musik. Hier ist es so laut, dass man der Kellnerin die Bestellung „Chicken-Salat“ ins Ohr schreien muss.

Viele Besucher sind jung – mit dem Namen Jimmy Buffett können sie wenig anfangen. Dabei ist dies seine Kneipe. Und dass sie ausgerechnet hier existiert, zeigt, dass der US-Musiker Jamaika wirklich mag. Und dies nach so einem irrsinnigen Erlebnis. Im Januar 1996 wurde Jimmy Buffett mit seinem Wasserflugzeug The Hemisphere Dancer kurz nach der Landung im Meer nahe Negril von der Polizei beschossen. Die Behörden hielten das Flugzeug für einen Drogentransporter. Dabei waren nur lauter wichtige Menschen an Bord, unter anderen der U2-Sänger Bono mit Frau und Kindern sowie Chris Blackwell, der Gründer von Island Records.

Wie durch ein Wunder blieben alle Insassen unverletzt, das Flugzeug allerdings wies einige Einschusslöcher auf. Wie verarbeitet ein Musiker so eine Geschichte? Jimmy Buffett machte einen Song daraus. „Jamaica Mistaica" erschien noch im selben Jahr auf dem Album Banana Wind. Der Refrain wiegt sich im Sunshine-Rhythmus und fordert: „Let's go to Jamaica“.

Kein einziges großes Hotel, im Grunde: überhaupt kein Hotel

Jamaika war lange das Synonym für ein Leben ohne Ballast, aber voller Lust. Jackie kam Ende der 1980er Jahre – und fühlte gleich „eine spezielle Energie“. Geboren vor 77 Jahren in New Orleans, arbeitete sie lange in New York City im Modebusiness. Sie verdiente glänzend in der Metropole – und hatte sie satt. Nichts wie weg von dem Moloch.

Nun kann man Yoga-Workshops bei ihr buchen, in einem schlichten Haus an der felsigen Küste, weit weg von den Allerweltstouristen und Möchte-Gern-Rastafaris in Negril. Der Pool müsste erneuert, das Haus vielleicht renoviert, der Garten durchforstet werden. Yogaschülern ist das egal – und der viel jünger wirkenden Jackie wohl auch. Jamaika fördert die Lässigkeit, in jeder Beziehung. „Soon come“ heißt es überall. Und dieses „kommt gleich“ kann Minuten bedeuten, Stunden, sogar Tage.

Gut hundert Kilometer westlich liegt Treasure Beach. Eine Küste voller Schätze. Kleine Sandbuchten wechseln sich ab mit felsigen Abschnitten, hier und da ein Dorf. Kein einziges großes Hotel, im Grunde: überhaupt kein Hotel. Ein, zwei Gästehäuser mit exquisitem Standard im Cottage-Stil, doch die meisten Herbergen sind schlicht. Die perfekte Gegend, um Bücher zu lesen, Tage zu vertrödeln und abwechselnd in den azurblauen Himmel oder ins aquamarinfarbene Meer zu starren.

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